Stadtarchiv Witten · das höchst lebendige ›Gedächtnis der Stadt‹
Seit einem guten Jahr ist Dr. Thomas Urban Leiter des Stadtarchivs Witten, dem zentralen ›Gedächtnis der Stadt‹. Auch wenn 13 Monate im Vergleich zur langen Geschichte Wittens nur ein Augenblick sind, hatten wir spontan die Idee, mit dem Historiker über seine vielseitige und bedeutungsvolle Tätigkeit zu sprechen.
Von Geschichte fasziniert
Geschichte ist für Dr. Urban schon seit der Schulzeit eine wahre Herzenssache, erzählt er uns. »Ich hatte in der Oberstufe einen super Lehrer, seitdem bin ich von Geschichte fasziniert. Damals ging es bei weitem nicht nur um die vermeintlich ›großen Männer‹ wie Karl den Großen oder Bismarck. Wir haben auch gelernt, welche bedeutenden Frauen es gab – und dass alle Menschen Geschichte haben und prägen. Das hat mich beeindruckt.« Aus diesen wertvollen und inspirierenden Erkenntnissen bei Blicken in die Vergangenheit ergab sich für ihn konsequenterweise ein entsprechender Berufsweg: Studium von Sozial- und Wirtschaftsgeschichte in Bochum mit abschließender Promotion. Es folgten wissenschaftliche Projektarbeiten an den Universitäten Bonn und Köln und schließlich seine Habilitation an den Universitäten hier in Witten/Herdecke und in Leipzig. Im Laufe dieser Zeit hat er immer wieder einige Archive im In- und Ausland besucht – auch das Stadtarchiv in Witten. Hier trat Dr. Thomas Urban im Oktober 2024 als stellvertretender Leiter ein, bis er am 1. Juli letzten Jahres die Nachfolge von Dr. Martina Kliner-Fruck übernahm.
»Unsere Arbeit ist enorm vielseitig!«
Nun denken bei dem Begriff ›Archiv‹ viele von uns an dunkle, mit zahllosen Regalen gefüllte Aufbewahrungsräume für unterschiedlichste Dokumente und Urkundensammlungen. Eine Vorstellung, die eher mit einer akribischen und nicht besonders abwechslungsreichen Tätigkeit verbunden wird. Neugierig fragen wir: Trifft das zu? »Auf keinen Fall! Unsere Arbeit ist enorm vielseitig! Dessen war ich mir vorher gar nicht bewusst«, antwortet Dr. Urban. Die zuverlässige Erfassung sowie dauerhafte Lagerung von Dokumenten ist allerdings auf jeden Fall die wesentliche Basis und gesetzliche Pflichtaufgabe des Stadtarchivs, erklärt er: »Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung für unser kleines Team mit sechs Mitarbeitenden. Bei uns im Archiv lagern unzählige Daten. Allein die Akten ergäben – als Pakete von ›laufenden Metern‹ nebeneinandergelegt – eine Länge von circa 1,6 Kilometern. Also ungefähr eine Strecke hier von unserem Standort im Saalbau bis zum Marienhospital. Und unsere Aufgabe umfasst auch die von uns beauftragte Reinigung und Restaurierung, um das Archivgut als wertvolles Kulturgut zu erhalten.«
»Das Stadtarchiv muss und wird digitaler werden.«
Eine weitere Mammutaufgabe ist seiner Erfahrung nach die Digitalisierung – eine wichtige Grundlage dafür, dass historische Dokumente von Menschen aus aller Welt, die aus privaten oder beruflichen Gründen auf der Suche nach aussagekräftigen Relikten sind, schnell und unkompliziert gefunden, gelesen und ausgewertet werden können. »Die Wittener Tageszeitungen sind bis zum Jahr 1945 extern digitalisiert worden und können über unsere Homepage entdeckt und eingesehen werden«, freut sich Dr. Thomas Urban. »Allerdings bilden sie nur einen sehr kleinen Teil unseres umfassenden Archivs. Das Stadtarchiv muss und wird daher digitaler werden. Denn die nächsten Herausforderungen stehen bereits vor der Tür: die Übernahme von elektronischen Akten aus der Wittener Verwaltung und ihre dauerhafte Sicherung in einem digitalen Langzeitarchiv.«
Entdeckung von ›Überraschungseiern‹
In der Tat: Die Anzahl der Dokumente ist nahezu unfassbar. Städtische Akten, Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden, Fotos, Postkarten, Broschüren … Und es kommen natürlich auch immer wieder sogenannte amtliche und nichtamtliche Unterlagen dazu, erfahren wir von Dr. Urban. »Wir erhalten so einige ›historische Geschenke‹ aus der Wittener Bevölkerung, aber auch von Menschen aus anderen Regionen. Häufig sind es Zufallsfunde beim Aufräumen des Dachbodens oder der Auflösung einer Wohnung nach einem familiären Todesfall. Zum Glück wollen viele diese Entdeckungen gar nicht entsorgen und bieten sie uns an. Und Sie glauben nicht, welche ›Überraschungseier‹ immer wieder dabei sind«, erzählt er. »Aber klar ist auch: Wir können leider aus Platzgründen nicht alle Zeitzeugnisse mit Bezug zur Stadt und ihren Menschen übernehmen.«
»Es ist toll, dass wir das begleiten dürfen.«
Thomas Urban und sein Team wissen die Begegnung mit Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen die Hilfestellung des Wittener Stadtarchivs nutzen, sehr zu schätzen. »Wir erhalten täglich Anfragen von Personen, die Familienforschung betreiben. Dabei gewinnen auch wir häufig vertiefte Einblicke, beispielsweise zur prekären Ernährungs- und Versorgungssituation in der Stadt gegen Ende des Ersten Weltkriegs oder zum deutlichen Anstieg von Ehescheidungen in den 1920er-Jahren.« Besonders emotional sind Besuche von Nachfahren von Wittener Jüdinnen und Juden, die im Nationalsozialismus als Deutsche entrechtet, verfolgt und häufig ermordet wurden, sowie von Menschen aus allen Teilen Europas, die in jener Zeit in Witten unter katastrophalen Lebens- und Arbeitsverhältnissen Zwangsarbeit leisten mussten. »Die Spurensuche der u. a. aus Israel, den USA oder den Niederlanden anreisenden Nachkommen ist auch für uns sehr bewegend und eindrucksvoll. Es ist toll, dass wir das begleiten dürfen.«
Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit – behutsam und beherzt
Ein besonderes Anliegen von Dr. Thomas Urban und seinem Team ist es, Geschichte sichtbar und erlebbar zu machen für Groß und Klein. »Unser Stadtarchiv bietet Geschichte zum Anfassen für alle Altersgruppen«, berichtet er. »So möchten wir perspektivisch etwa Menschen mit Demenzerkrankungen in Alten- und Pflegeheimen aufsuchen und mithilfe von Fotos aus ihrer Heimatstadt behutsam versuchen, Erinnerungen wachzurufen und Freude zu bereiten.« Nach wie vor von großer Bedeutung ist die Begleitung von Schülerinnen und Schülern aller Schulformen, die als Klasse oder Projektgruppe in das Stadtarchiv kommen. »Vor allem Grundschüler löchern uns mit originellen Fragen und blättern vorsichtig in den Originalen, wenn sie erfahren, dass die allermeisten Akten im Stadtarchiv weltweit nur ein einziges Mal existieren. Insgesamt muss Erinnerungs- und Vermittlungsarbeit behutsam und beherzt sein. So werden gerade junge Menschen dabei unterstützt, sich engagiert und kritisch mit der Geschichte auseinanderzusetzen, Haltung im Heute zu zeigen und zu fragen: ›Wie wollen wir morgen leben?‹«
Sein Tipp: »Ob Anfragen von Privatleuten und Unternehmen oder Forschungen von Studierenden: Wir freuen uns über jede Initiative, die sich mit der Geschichte der Stadt und ihrer Menschen befasst. Gemeinsam möchten wir – z. B. bei der Erschließung von Fotos – Wissenslücken beseitigen und Projekte anstoßen. Und deshalb denken wir zurzeit auch darüber nach, unsere festen Öffnungszeiten an einem Wochentag zu verlängern, damit Interessierte auch nach Feierabend bei uns vorbeikommen können. Auch Veranstaltungen wie den Langen Abend der Wittener Stadtgeschichte im letzten Jahr möchten wir weiter angehen. Denn das ist unser inniger Wunsch: Das zentrale Gedächtnis der Stadt zu erweitern, gegen Geschichtsvergessenheit zu verteidigen und lebendig zu halten.«
Stadtarchiv Witten
Bergerstraße 25 (Saalbau-Passage) · 58452 Witten
Öffnungszeiten (nach Voranmeldung)
für Beratungen und Recherchen im
Nutzerraum: Mo., Mi. und Do. 9-16 Uhr,
Di. 10-16 Uhr und Fr. 9-12 Uhr.
Tel. 0 23 02 / 5 81 24 18
www.kulturforum-witten.de/de/stadtarchiv/
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