Cruisen wie Grace Kelly
Mit dem Cabriolet durch das Bergische Land
Es ist Samstag der 13. Juni, 8 Uhr in der Früh. Die Frisur sitzt – aber nicht mehr lange. Der Rotary Club Witten-Hohenstein hat zur Oldtimer Rallye geladen. Ich mache mit, als Beifahrerin in einem freundlich zur Verfügung gestellten Mercedes SL Cabriolet von 1976. Es wird meine erste Rallye sein – und meine erste Fahrt mit offenem Verdeck.
120 Kilometer für den guten Zweck
Start ist das Gelände der Firma ABUS in Volmarstein. Hier gibt es zunächst einmal Frühstück – großartig! Nach zwei Tassen Kaffee und einem Käsebrötchen bin ich voll einsatzfähig. Mit dem Kaffeebecher in der Hand geht es weiter zur offiziellen Begrüßung. Kurz wird der Spendenzweck der diesjährigen Veranstaltung vorgestellt: Die Erlöse aus den Anmeldegebühren für die 120 Kilometer lange Tour sollen u. a. dem Wittener Nordoff-Robbins-Zentrum für Musiktherapie und der Stiftung ›Save my Brain‹ für Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma zugutekommen. Außerdem erhalten wir ein Briefing zum Ablauf. Man empfiehlt mir, mich schon mal mit dem Roadbook vertraut zu machen, denn als Beifahrerin wird es meine Aufgabe sein, den Fahrer anhand einer knappen Wegbeschreibung von einer Station zur nächsten zu lotsen und dabei die Rätselfragen im Buch zu beantworten. Auch Zwischenstopps mit Geschicklichkeitsprüfungen sind vorgesehen. Klingt nicht ganz so nach Grace Kelly, wie ich es mir ausgemalt hatte. Aber wir werden das schon wuppen.
Von der Ente bis zum Rolls Royce
Auf die Plätze, fertig … nein, doch nicht. Hätte ich mir denken können, dass nicht alle 70 Oldtimer gleichzeitig losdüsen. Um Verkehrschaos zu vermeiden, erfolgt die Abfahrt ab 9.45 Uhr im Minutentakt. Wir haben die Startnummer 46. Uns bleibt also noch eine kleine Schonfrist. Wir machen es uns in unserem Vehikel bequem und schauen den anderen Fahrzeugen auf dem Parkplatz beim Rangieren zu. Von der kultigen Ente über Sportflitzer der Marke Porsche oder Lotus bis hin zur eleganten Luxuskarosse aus dem Hause Rolls Royce ist wirklich alles vertreten, was in der Szene Rang und Namen hat. Sogar ein VW-Bus rollt an uns vorbei. Und dann sind wir endlich an der Reihe. Bitte lächeln – im Torbogen wird noch schnell ein Foto geknipst – und los geht’s!
Ein Tierlaut zum Mitnehmen?
Kaum unterwegs, bin ich direkt überfordert. Nach 150 Metern links, weiter über die Nielandstraße, dann rechts auf den Altenhofer Weg, nach 600 Metern wieder rechts … Plötzlich befinden wir uns auf der Hauptstraße, und ich merke, dass ich die erste Rätselfrage verpasst habe: ›Wie heißt die Firma, in der alles wie geschmiert läuft?‹ Verdammt! Ich war wohl zu sehr auf die Streckenführung konzentriert. Es nieselt. Wind bläst mir in die Augen. Meine Frisur ist dahin. Der Mann am Steuer weigert sich, umzukehren oder wenigstens das Tempo zu drosseln – er will zügig ankommen. Mich beschleicht der Verdacht, dass er den Sinn unseres Ausflugs anders als ich interpretiert. Immerhin werden die einzelnen Abschnitte jetzt länger, sodass ich die Gelegenheit nutze, mir einen Überblick zu verschaffen. Und irgendwo hinter Hagen-Haspe habe ich mich schließlich eingegroovt. Ich lehne mich in meinem Sitz zurück, sage lässig den Kurs an und nehme parallel meine Umgebung in Augenschein. Ein ›Tierlaut zum Mitnehmen?‹ Das kann nur ›Muh to Go‹ sein, wie es auf einem Schild am Wegesrand angepriesen wird. Wir sind wieder im Rennen!
Auf Serpentinen
Wer auch immer die Route ausgesucht hat, verdient ein dickes Lob. Das Panorama ist atemberaubend! Schattige Waldstücke, saftige Weiden und grüne Täler ziehen an uns vorbei, während wir der Straße folgen, die sich in Serpentinen durch die rustikale Landschaft windet. Immer öfter blitzt die Sonne zwischen den Wolken hervor. So stellt sich doch noch ein wenig Grace-Kelly-Feeling ein. Über Schwelm und Radevormwald geht es bis nach Wipperfürth. Doch halt – fast hätte ich vergessen, die Stopps mit den sportlichen Aufgaben zu erwähnen, die ich natürlich allesamt mit Bravour bestehe. Na ja, mehr oder weniger. Einen Ball aus einem Slalom fahrenden Mercedes SL in einen Eimer zu werfen, ist in der Praxis nicht so einfach, wie es für eine engagierte Rallyefahranfängerin auf dem Papier klingt. Als wir gegen Mittag die Pausenstation erreichen und mir der Duft von Grillwurst in die Nase steigt, knurrt mein Magen, als wäre ich den gesamten Weg hergejoggt.
Highlight: Bevertalsperre
Die zweite Hälfte der Tour durch den Oberbergischen Kreis wartet dann noch mit einigen besonders reizvollen landschaftlichen Highlights auf. Unversehens schiebt sich ein silberblauer See ins Blickfeld. Die Mittagssonne funkelt hell auf der Wasseroberfläche. In der Ferne kann man einige Segel ausmachen. Wir cruisen ganz entspannt an der Bevertalsperre vorbei, durchqueren Schalksmühle und Breckerfeld und schlagen den Rückweg Richtung Wetter ein. Zwischendurch gelingt es mir, noch einige Rätselfragen zu lösen und Bälle nicht in Eimern zu platzieren. Ein Haus mit Kindern, einem Koffer voller Gold und Polizisten auf dem Dach? Ich kenne die Antwort, bevor die Villa Kunterbunt in Sichtweite rückt. Einem Pippi-Langstrumpf-Fangirl macht keiner etwas vor!
Geschafft, aber glücklich
Gegen 16 Uhr rollen wir durch den Torbogen ins Ziel. Geschafft, aber glücklich. Meine Haare gleichen einem Krähennest, aber damit habe ich mich ja seelisch schon irgendwo hinter Hagen-Haspe abgefunden. Und ich scheine nicht die einzige zu sein, die vom Wind kräftig durchgepustet wurde. Auch mein Steuermann sieht zufrieden aus. Wir gewinnen heute vielleicht nicht den ersten Preis, doch wie es so schön heißt: Dabei sein ist alles! Wir haben die 13. Wittener Rotary Rallye in einem 50 Jahre alten Mercedes erfolgreich gemeistert. Jetzt erwartet uns nur noch das Abschlussbuffet und ein kaltes Bier – natürlich alkoholfrei. Fazit: So kann man seinen Samstag schon mal verbringen, erst recht für den guten Zweck!
diese Seite auf Facebook teilen0
