Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Brezel, Bier und Blasmusik

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Ein Stück Bayern mitten im Ruhrgebiet

Eine Almhütte auf einem Hügel. Weiß-blaue Tischdecken, Hirschgeweihe und Weißbier im Glas. Fröhliche Menschen in Dirndl und Lederhosen. Wir befinden uns nicht etwa in den bayrischen Alpen, sondern im Wittener Ardeygebirge. Die Hütte mit dem schönen Namen ›Haus Almfrieden‹ gehört dem Bayernverein Einigkeit Dortmund e. V. und macht Lust einzukehren. Von dem gewaltigen Elch über der Terrasse sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen – er ist ganz friedlich.

»Etwas Schöneres können Sie nicht finden«

»Die Elch-Trophäe haben wir von einem Besucher geschenkt bekommen«, schmunzelt Alterspräsident Jürgen Wörl. »Er sagte: ›Ich darf ihn zu Hause nicht mehr aufhängen, meine Frau schimpft.‹ Leider passte er drinnen nicht an die Wand, also musste er nach draußen.« Hier begrüßt er die Gäste, die im Sommer an vielen Sonntagen eintrudeln, die Biergartenatmosphäre genießen und sich mit Brezen und Weißwurst, einem erfrischenden Kaltgetränk oder einem Stück selbst gebackenem Kuchen stärken. Regelmäßig kommen Familien und Wandergruppen auf ihren Ausflügen vorbei. »Wir liegen ja direkt am Herrenholz«, so die Vorsitzende Birgit Marx. »Etwas Schöneres können Sie nicht finden.« Wer schlau ist, ruft vorher an und bringt Bargeld zum Bezahlen mit, denn das gastronomische Angebot wird von den Vereinsmitgliedern rein ehrenamtlich gestemmt. Hin und wieder dient die ›Alm‹ auch als Veranstaltungsort für zünftige Feste mit Musik und Tanz.

Verarmte Bayern zogen ins Revier

Was begeistert Menschen im Pott an bayrischer Tradition und Bergromantik? Die weiß-blauen Flaggen wehen hier im Wittener Ortsteil Schnee schon seit über hundert Jahren – wobei das Gebiet Anfang des 20. Jahrhunderts noch zu Dortmund zählte. Und auch sonst waren es ziemlich andere Zeiten: Im Königreich Bayern herrschte bittere Armut, während die Industrialisierung an Rhein und Ruhr Blüten zeigte. Viele Bayern zogen damals ins Revier, um auf den hiesigen Zechen und in Brauereien zu arbeiten. 1909 gründeten sie den Bayernverein mit dem Ziel, die Sitten und Bräuche aus der Heimat lebendig zu halten. 1928 wurde das ›Haus Almfrieden‹ als Vereinsheim eingeweiht, und wie es dazu kam, ist eine Geschichte für sich: Vereinsmitglieder hatten die original bayrische Almhütte bei einer landwirtschaftlichen Wanderausstellung entdeckt. Sie legten ihr hart verdientes Geld zusammen, um das Haus zu kaufen und es auf einer Anhöhe mit Blick über ganz Dortmund neu aufzubauen.

Mit Tracht und Tuba

Von den Gründervätern – einst waren im Verein nur Männer erlaubt – lebt heute niemand mehr. Doch die Älteren können noch so manche Anekdote zum Besten geben. So auch Jürgen Wörl, dessen Eltern 1945 in der zweiten Gastarbeiter-Generation aus Oberbayern kamen. »Anfangs wurde das Wasser von der Quelle im Wald geholt und mit dem Joch zur Hütte am Mallnitzer Weg transportiert.« Er erinnert sich an abenteuerliche Expeditionen durch das Herrenholz, Übernachtungen auf der Alm und Feierlichkeiten mit Volkstanz und Musik. »Ich bin zwar in Dortmund geboren, aber hier oben groß geworden. Vor 75 Jahren wurde ich im Kinderwagen zur Hütte geschoben. Mit Fünf habe ich beim Schuhplattleln den ersten Preis gewonnen.« Heute ist er als Trachtler und Tuba-Spieler mit seiner kleinen Kapelle ›Bayernmusi‹ bei Trachten-Festen und Tagungen in ganz Deutschland und Österreich unterwegs. Ob er eher ein Bayer oder Westfale ist, erklärt seine Tante Resi so: »Wos is denn mit da Katz, de im Kuahstoi auf d'Wäid kemma is – sie ist und bleibt eine Katze.«

»Wie ein Tag Urlaub«

Inzwischen hat der Bayernverein seine Tore auch für Menschen ohne bajuwarische Wurzeln geöffnet. Es genügt, die Kultur im Herzen zu tragen. Und natürlich sind auch Frauen aktiv dabei. Birgit Marx hat die Almhütte im Ardeygebirge bei Spaziergängen entdeckt. »Die gute Stimmung und die Musik haben mich gleich angesprochen«, schwärmt sie. »Für meine Kinder gab es immer einen Kakao mit Sahne und viel Platz zum Spielen – einfach toll.« Das ›echte Bayern‹ kennt sie von Wanderurlauben in den Bergen, wo sie die bayrische Gelassenheit und Gemütlichkeit schätzen lernte. »Eine ähnliche Mentalität haben wir im Ruhrgebiet ja auch.« Vielleicht wird das ›Haus Almfrieden‹ auch deshalb so gut angenommen. »Wir haben uns hier ein Stück Heimat geschaffen«, freut sich Jürgen Wörl. Er wünscht sich, dass junge Leute die alte Tradition weitertragen. »Gerne würden wir wieder eine Jugendgruppe aufbauen – wir werden schließlich nicht jünger.« Interessenten sind herzlich willkommen, der Hütte auf dem Hügel einen Besuch abzustatten. »Ich verspreche: Der Aufenthalt bei uns fühlt sich wie ein Tag Urlaub in Bayern an.«

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen0