Vor 100 Jahren startete die berühmte Wittener Freilichtbühne
Fast vergessen: Namhafte Theaterleute gingen aus ihr hervor
Kaum zu glauben: ›Deutschlands größte Freilichtbühne‹ spielte genau vor einem Jahrhundert in Witten! Und zwar auf dem Hohenstein, fünf Minuten entfernt vom Parkhaus in einer Talmulde in Richtung Kohlensiepen. Dieses Jahr hätten die ›Landesheimatspiele der Provinz Westfalen‹ im Mai ihr ›Himmelsjubiläum‹ feiern können, wenn sie nicht schon nach sechs Sommern 1931 eingestellt worden wären.
Dabei hatte alles vor 100 Jahren so hoffnungsvoll begonnen! Innerhalb der damaligen Volksbildungsbewegung gewann nach dem Ersten Weltkrieg das Laienspiel an Bedeutung. In Westfalen wurden unter der Leitung von Dr. Konrad Maria Krug aus Münster in den Jahren 1924/25 in Tecklenburg, Stromberg bei Oelde und Haltern die ersten Stücke aufgeführt. Auf der Suche nach einem weiteren geeigneten Spielort stieß man auf Witten. Die Stadtverwaltung erklärte sich auf Anregung des westfälischen Landeshauptmanns Franz Dieckmann zur Übernahme der Spiele bereit.
Die Zeit drängte und im Frühjahr 1926 liefen die Vorbereitungen an: Dr. Krug wurde ans damalige Jungengymnasium versetzt, die Tribüne des Naturtheaters in Haltern wurde abgekauft und die Werbetrommel kräftig gerührt. Das erste Stück war Schillers ›Wilhelm Tell‹. Werbeschriften, Plakate und Handzettel wurden im ganzen Land verteilt. Darüber hinaus machten, wie auch in den folgenden drei Jahren, zwei Stempel der Brief- und Paketpost auf Witten aufmerksam.
Währenddessen bildete Dr. Krug eine Laienspielschar, die sich aus allen sozialen Bereichen der Wittener Bevölkerung zusammensetzte, obwohl die katholische Lehrerschaft sowie Zentrums- und SPD-Mitglieder den größten Einfluss auf die Arbeit hatten. Rollen mussten einstudiert, Kostüme beschafft und das Bühnenbild gebaut werden. Summa summarum wirkten im ersten Jahr – einschließlich Chor und Orchester – 530 Erwachsene und 170 Kinder mit.
Einige Akteure machten sich später in der deutschen Kulturszene einen Namen, so wie Hermann Wedekind (Intendant am Theater in Saarbrücken), Mathilde Konradi, (Dozentin für Sprecherziehung an der PH in Hannover) und der Schauspieler Robert Graf. Graf war in Annen aufgewachsen. Wedekinds Tochter Claudia erhielt Schauspielerunterricht von ihren Eltern und war mit Hans-Jörg Felmy verheiratet.
Nach Monaten harter Arbeit fand am Pfingstmontag, dem 23. Mai, die erste Aufführung statt. Ihr war vier Tage zuvor eine geschlossene Vorstellung für die ›Honoratioren‹ von Behörden, Presse und Schulen vorausgegangen. Insgesamt fanden bis zum 9. Oktober 55 Veranstaltungen mit insgesamt 200.000 Besuchern statt. Die Eintrittspreise lagen zwischen einer und drei Reichsmark, gespielt wurde von 14.30 Uhr bis 17.30 Uhr. Die Tribüne, die 5.000 Zuschauer fasste, war häufig überfüllt und musste mehrfach auf Anordnung der Polizei geschlossen werden. Anfang August wurde sie vergrößert. Am 10. August übertrug sogar der Rundfunksender Dortmund das ›Tell‹-Spiel.
Die meisten zeitgenössischen Kritiker waren begeistert: »Man darf die Bühne als einen beachtenswerten Faktor im künstlerisch-kulturellen Leben des schwarzen Reviers ansehen« oder »Hier wird ein ernstes Stück Arbeit zu des Volkes innerer Vertiefung geleistet.« Dagegen meinte ein Journalist aus Hagen: »So blüht denn der Dilettantismus in gröbster Form.«
In den darauffolgenden Jahren wurden weiter heroische Stücke gespielt wie Goethes ›Götz von Berlichingen‹, ›Siegfried‹ nach Hebbels Nibelungen I und II, noch einmal Schillers ›Tell‹ und ›Gudrun‹ von Ernst Hardt aus Köln. Hierbei waren nur noch 62.875 zahlende Besucher zu verbuchen. Im Jahr 1931 wurde deshalb versucht, das offenbar nachlassende Interesse für die Spiele dadurch zu beleben, dass zwei Stücke in der Saison aufgeführt wurden, und zwar Schillers ›Räuber‹ und Shakespeares ›Sommernachtstraum‹. Jedoch – der Massenbesuch der Vorjahre blieb aus.
Die Hauptursachen waren schlechtes Wetter und die katastrophale Wirtschaftslage. Dazu kamen »die wachsende Spielmüdigkeit bei den Mitwirkenden«, so Wittens Verwaltungsdirektor Friedrich Blome, und die laufenden Aufwendungen der Stadt für Werbung, Instandhaltung, Bauten und Vergütungen. So endete ›ein lebendiges Zeichen für den Gestaltungswillen des deutschen Volkes‹ mit einem Defizit von 19.000 Reichsmark.
Dazu meinte das Wittener Volksblatt am 30. September 1931 verbittert: »Die mehr aus politischen als aus wirtschaftlichen Gründen genährte Voreingenommenheit bestimmter Kreise der Bevölkerung und die dadurch hervorgerufene Passivität (…) haben ihre unheilvolle Wirkung nicht verfehlt. Das Spiel ist aus!«
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