»Diplomat zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik«
Zu Gast bei Dirk Leistner
Beim Stichwort ›Bürgermeister‹ denken manche immer noch an Männer in Maßanzügen, die den Alltag der hart arbeitenden Bevölkerung nur aus Erzählungen kennen. Mit der Realität hat dieses Stammtisch-Klischee meist wenig zu tun. Wittens neuer Chef im Rathaus ist jedenfalls ein echter Teamplayer. Und er hat keine Angst, sich die Hände schmutzig zu machen – im wahrsten Sinne. Wir sprachen mit Dirk Leistner über den Wert von Haltung und Respekt, mögliche Bürgermeisterradtouren, glückliche Menschen und sein ›Praktikum‹ bei der Müllabfuhr. Außerdem hat er uns verraten, was Fußball und Politik gemeinsam haben …
Hallo Herr Leistner, erst einmal herzlichen Glückwunsch zur gewonnenen Wahl. Erinnern Sie sich noch, was Sie als Kind werden wollten?
Pilot!
Was hätte wohl Ihr Siebenjähriges Ich gesagt, wenn es einen Blick in die Zukunft geworfen hätte?
Das ist ein schöner Scherz.
Wie kam es denn überhaupt zu Ihrer Kandidatur?
Im August 2023 wurde ich von Genossen aus dem Ortsverband angesprochen. Natürlich habe ich mir die Frage gestellt: Wieso ich? Neben meiner Verwaltungserfahrung kam mir offenbar zugute, dass ich politisch noch nicht groß in Erscheinung getreten war und somit als ›unbeschriebenes Blatt‹ galt. Von den Menschen in meinem Umfeld habe ich dann aber auch viel positives Feedback bekommen: ›Ja, wir können uns das gut bei dir vorstellen!‹
Was glauben Sie – was schätzen Ihre WählerInnen an Ihnen? Was ist Ihre größte Stärke?
Ich sehe mich als Diplomat zwischen Bürgern, Verwaltung und Politik. Das heißt für mich, immer höflich zu bleiben und polarisierende Themen zurück auf eine sachliche Ebene zu holen. Leider erlebt man oft, dass Leute in ihren Meinungen festgefahren und eher negativ eingestellt sind. So lässt sich nicht viel erreichen. Ich kann nur Dinge bewegen, wenn mir die Menschen vertrauen – und dieses Vertrauen muss ich mir erarbeiten, mit Haltung und Respekt. Beginnen Sie ein Gespräch mit einem Lächeln, auch wenn der BVB gestern verloren hat, und Sie kriegen ein Lächeln zurück!
Diplomatie bedeutet ja auch Austausch – persönlich und auf Augenhöhe. Manche Bürgermeister sieht man jedoch hauptsächlich im Ratssaal oder bei Podiumsdiskussionen. Wo und wann kann man sich mit Ihnen austauschen?
Zum Beispiel bei den Bürgersprechstunden, die im Rathaus und im Kinder- und Jugendparlament stattfinden. Ich möchte aber auch raus zu den Menschen gehen: auf den Markt, in die Stadtteile und zu den Unternehmen. Letzteres ist mir wichtig: Wer soziale Projekte umsetzen möchte, braucht eine gute Unternehmerschaft!
Wird es neben den gängigen Begegnungsformen auch kreative Formate geben? Wir denken da an Bürgermeisterradtouren oder gemeinsame Wanderungen durch das Muttental …
Klingt gut! Falls gewünscht, bin ich für vieles zu begeistern.
Als Bürgermeister sind Sie nicht nur der erste Ansprechpartner der Bürgerinnen und Bürger, sondern auch für die rund 1.500 Mitarbeitenden der Stadtverwaltung zuständig. Wie behalten Sie den Überblick? Können Sie sich Namen gut merken oder schreiben Sie heimlich Karteikarten?
Namen sind eine Katastrophe, aber ich habe ein unheimliches Bildgedächtnis und kann Gesichter mit Ereignissen verknüpfen. Schon im Dezember habe ich damit angefangen, die Mitarbeitenden in den verschiedenen Ämtern zu besuchen, vom Betriebshof und der Feuerwehr über das Technische Rathaus bis hin zum Rathaus. Darüber hinaus werde ich mir jeweils einen halben Tag Zeit nehmen, um jedes Team mit seinen Aufgaben kennenzulernen und sie bei Entscheidungen besser einbinden zu können.
Inwiefern profitieren Sie im Amt von Ihrer beruflichen Erfahrung und den Einblicken, die Sie als Verwaltungsbeamter in Bochum gewinnen konnten?
Wenn ich in meinem früheren Job etwas gelernt habe, war es, ein Gespür für die Menschen zu entwickeln und auch mal über den Tellerrand zu schauen. Ich habe ja in Bochum das Referat für Service mit aufgebaut. Man braucht Fingerspitzengefühl, um Leute mitzunehmen, ohne sie zu überfordern.
Hatte der Wechsel aus der Verwaltung ins Bürgermeisterbüro auch einen Aha-Effekt?
Ja – im positiven Sinne! Wenn man merkt, welche Aufgaben mit dem Posten noch verbunden sind und dass diese Spaß machen. Ich habe beispielsweise unheimlich viele Einladungen zu Veranstaltungen erhalten, damit hätte ich in der Menge nicht gerechnet.
Ein zentrales Thema Ihrer Wahlkampagne war die Sauberkeit in der Wittener Innenstadt. Hat sich diesbezüglich schon etwas getan?
Um mir einen Eindruck zu verschaffen, bin ich u. a. auf einem Entsorgungswagen und bei der Stadtreinigung mitgefahren. Der eine oder andere hat mich sogar erkannt und sich gefreut, dass sein Abfall vom Bürgermeister abgeholt wird. Das hat Spaß gemacht. Es hat mir aber auch die Augen geöffnet. Wo Müll liegt, wird schnell etwas dazu gelegt. Ich stehe daher mit Dienstleistern wie der Wabe im Austausch. Der Quartiershausmeister macht bereits einen guten Job. Die bestehenden guten Kooperationen möchten wir ausbauen.
Was war der schönste Moment seit Ihrer Ernennung?
Es waren so viele! Ich mag es, Menschen glücklich zu sehen, wie bei der Einbürgerung. Oder bei meinen Stippvisiten in der Verwaltung, als sich die Leute gefreut haben, den neuen Chef kennenzulernen. Mit offenen Armen empfangen zu werden, tat wirklich gut. Ein besonderer Moment war auch der Geburtstag einer 106-Jährigen im Altenheim Herbede, als die älteren Herrschaften ein Ständchen gesungen haben.
Wo sehen Sie Witten in 5 Jahren?
Ich bin überzeugt, dass die Stadt überregional anders wahrgenommen wird: Wir haben hier Leuchttürme, die durch den Nebel strahlen. Einer dieser Leuchttürme ist die Universität Witten-Herdecke mit ihren starken Projekten im Bereich Gesundheit und Nachhaltigkeit. Wir müssen diese Stärken nach außen tragen. Ich setze mich daher dafür ein, dass die Autobahnabfahrt ›Witten-Stockum‹ den Zusatz ›Universität‹ bekommt und bin dazu mit der Bundesautobahn im Gespräch.
Man munkelt, dass Sie bis zu einer Verletzung 2017 ein leidenschaftlicher Fußballspieler waren … Für welchen Verein sind Sie angetreten? Was haben Fußball und Politik gemeinsam?
Ich habe damals beim Blau-Weiß-Annen in einer Freizeitmannschaft gespielt. Immer montags von 20 bis 21 Uhr, danach ging es weiter zum Basketball. Dienstags und donnerstags stand ich dann für die Alten Herren des SV Bommern auf dem Platz. Das war eine tolle Zeit. Was Fußball und Politik gemeinsam haben? Es passiert immer etwas Unvorhergesehenes. Man ist auf einem guten Weg – Peng – Ausgleich! Zum Glück bin ich krisenfest und habe gemeinsam mit meiner Familie bisher immer alles bewältigt.
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