Ganz besondere Sendungen zum Gesundwerden
Musik, Unterhaltung, Informationen · Vor 50 Jahren begann der Krankenhausfunk
1976 nahm in Witten ein ganz spezieller Sender seine Arbeit auf – im Ev. Krankenhaus mit rund 420 Patienten. »Hier meldet sich der Krankenhausfunk mit der Sendung ›Sie wünschen – wir spielen‹«. So erklang es erstmals am 6. November 1976 in den Patientenzimmern und Aufenthaltsräumen des neuen ›Diakonissenhauses‹.
Der damalige Krankenhausseelsorger und ›Intendant‹ Dieter Pfarre erinnert sich: »Das erste Lied, das wir im Wunschkonzert für einen Patienten spielten, war ›Ein Festival der Liebe‹ von Jürgen Marcus. Es folgten manchmal bis zu 280 Wünsche pro Monat, die wir für Patienten und Mitarbeiter auflegten. Wir gaben Grüße und kleine Aufmerksamkeiten weiter und in Interviews ließen wir die Patienten selbst erzählen.«
Über die zentrale Patientenrufanlage konnten die Zuhörerinnen und Zuhörer Wünsche ins Tonstudio übermitteln – am 6. November vor 50 Jahren brach jedoch die Anlage wegen Überlastung zusammen. Später wurden Telefonanrufe aus den Zimmern und von außen aus der Stadt oder gar von weiter weg immer sofort berücksichtigt. Klar, dass dann der ›Babysitter-Boogie‹ von Ralf Bendix oder ›Happy Birthday‹ von Stevie Wonder die meist gewünschten Titel waren.
»Genau dieser direkte Draht zu den Hörern, die im Rollstuhl oder mit Gehhilfen neugierig ins Tonstudio kamen, wurde von den Radioprofis immer gelobt, wie z. B. von den WDR-Journalistinnen Gabriella Wollenhaupt, Sabine Brandi oder Claudia Wietfeld, die uns als Studiogäste besuchten«, erzählt Peter Dziadek, der damalige ehrenamtliche ›Chefsprecher‹. »Und wir waren mächtig stolz, der einzige Krankenhaussender im EN-Kreis zu sein«, ergänzt der Herdecker, der inzwischen seit vielen Jahren der Vorsitzende der Veranstaltergemeinschaft vom Lokalradio ist.
Der Krankenhausfunk war aber auch ein Talentschuppen, in dem Schüler und Studenten sich engagierten und ihr Talent entdeckten: Lothar Ackva etwa wurde Moderator beim SWR in Mainz, Walter Schumann wurde nebenberuflich Discjockey im Ruhrgebiet. Carsten Aufermann und Johannes Hülshoff machten später Musik bei den ›Free Bears‹ bzw. bei ›Tony Chicken and his Sariboga Boys‹. Andere wiederum wechselten zur Journaille wie Christian Lukas oder zu den modernen audiovisuellen Cross-Medien wie Marek Schirmer. Schließlich soll nicht unerwähnt bleiben: An Mischpult und Mikro verliebten sich sogar drei ›Pärchen‹, die später heirateten und eine Familie gründeten!
Ab 1989 nahm der Zuspruch am Klinikradio langsam ab. Schuld daran waren die privaten Fernsehsender, die nun per Bildschirm die Patientenzimmer ›eroberten‹. Dennoch wurden bis 1996 regelmäßig mittwochs die Wunschkonzerte im EvK über die Sendeschleife ›ausgestrahlt‹. Danach nur noch bei Bedarf – bis 1999 die hausinternen Sendungen ganz eingestellt wurden. Aber: Bereits 1992 kam der Wechsel von ›drinnen nach draußen‹: Im Tonstudio wurden seitdem Sendungen für den Bürgerfunk auf dem Lokalsender Radio Ennepe-Ruhr vorproduziert, die dann über die Frequenzen im Verbreitungsgebiet ausgestrahlt wurden.
Wichtig waren dem RuhrstadtStudio auch immer Kooperationspartner: Angefangen mit dem Blindenverein, der hier seinen ›Ruhrstadtboten‹ auflas, über die Ferienspiele des Jugendamtes bis hin zur Wittener Werkstadt. Diese Zusammenarbeit begann mit dem ›Motion-Radio‹ und setzte sich von 2006 bis 2009 mit dem erfolgreichen Integrationsprojekt ›Radio United‹ für Migranten fort.
Nach 39 Jahren und drei Monaten endete schließlich vor zehn Jahren auch diese Ära, bevor die Räumlichkeiten im 2. Stock der Klinik entkernt und umgebaut wurden. Am 27. Januar wurde der letzte Bürgerfunk-Beitrag aus dem EvK Witten gesendet. Studiogast war die damalige Krankenhausseelsorgerin Birgit Steinhauer, die über die Palliativ-Station der Klinik berichtete. Sie sagte: »Es ist mir eine große Ehre, bei der letzten Sendung dabei sein zu dürfen. Ich danke euch für euer jahrzehntelanges Engagement!« Das letzte Lied aus dem Ruhrstadtstudio war schließlich ›A horse with no name‹, ein Oldie der Band ›America‹.
Nach dieser Funkstille gab es jedoch noch im Jahr 2016 eine stadt-historische Würdigung durch den Verein für Orts- und Heimatkunde: Im Band 116 der Märkischen Jahrbücher erschien ein interessanter Rückblick von fünf ehemaligen Wittener Radiomachern über ihren jahrelangen Einsatz in der kleinen Radiostation an der Pferdebachstraße …
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