»Die Trauer hört nie auf«
Offener Treffpunkt bietet Begegnungen statt Blumen
Auf Trauerfeiern signalisieren Blumenkränze Mitgefühl und Verbundenheit. Doch wenn die Gäste gegangen, die Blüten verwelkt sind, stehen Hinterbliebene oft allein da.
»Das Projekt ist einzigartig«
Um Menschen in schwierigen Lebensphasen eine Anlaufstelle zu bieten, hat der ambulante Hospizdienst Witten-Hattingen das ehemalige Floristikgeschäft ›Blumen Zappe‹ auf dem ev. Friedhof an der Pferdebachstraße vor einem Jahr zum offenen Treffpunkt umgestaltet. Hier ist der Name Programm: ›Statt Blumen‹ gibt es Begegnungen und echten Beistand. »Das Projekt ist einzigartig und eine wertvolle Ergänzung im Bereich Trauerarbeit«, freut sich Koordinatorin Susanne Gramatke, die das kostenfreie Angebot gemeinsam mit ihrer hauptamtlichen Kollegin Andrea Glaremin und zehn ehrenamtlichen Helferinnen stemmt.
»Etwas Buntes in der Totenstille«
Von montags bis freitags öffnet das Ladenlokal für zwei Stunden täglich seine Pforten. Ein Termin ist nicht nötig – man kann einfach hereinschneien. Und mit ›man‹ sind wirklich alle gemeint: Trauernde, die sich ein offenes Ohr wünschen. Hinterbliebene mit organisatorischen Fragen. Einsame mit generellem Redebedarf. Selbst wer nach einem Friedhofsbesuch nur kurz verschnaufen möchte, ist herzlich willkommen. Und natürlich darf auch gescherzt werden. »Es ist wieder Leben auf dem Friedhof – etwas Buntes in der Totenstille«, sagt Helferin Barbara Kruse. »Das wird wahrgenommen.« Lächelnd erzählt sie von einem älteren Herrn, der gerne nach der Grabpflege vorbeischaut und stets einen Witz auf Lager hat. »Er richtet uns immer schöne Grüße aus – von seinen Eltern.«
»Die Leere beginnt danach«
Durch ihren jahrelangen Einsatz in der Sterbebegleitung merken die geschulten Mitarbeiterinnen aber auch sofort, wenn jemand Trost und Halt braucht. »Trauer wird in unserer Gesellschaft häufig nicht zugelassen«, bedauert Ulla Sauer. Früher war sie als hauptberufliche Seelsorgerin in einem Altenheim tätig. Sie weiß: »Hinterbliebene gelangen irgendwann an den Punkt, an dem ihnen gesagt wird: ›Jetzt reicht es! Das Leben geht weiter!‹ Doch Trauer hört nie auf. Und sie ist höchst individuell. Wir wollten einen Ort ohne Tabus schaffen, an dem man vertraulich über alles reden kann.« Ihre Mitstreiterin Anne-Marie Petry ergänzt: »Beim Tod einer nahestehenden Person ist man von den organisatorischen Aufgaben erst mal abgelenkt. Die Leere beginnt danach, wenn andere ihre Trauer schon überwunden haben.«
»Ein großes Glück in all dem Schmerz«
Von der Trauer kann auch Almuth Keller ein Lied singen – in mehrfacher Hinsicht. Als Musikerin spielt sie Lieder vom Loslassen und Weitergehen und verarbeitet dabei zum Teil eigene Erlebnisse. »Mein Vater starb 1998, als sich die Hospizarbeit in Witten gerade erst formierte. Wir hatten damals sehr liebe Nachbarn, was ein großes Glück in all dem Schmerz war. So kam ich zum Ehrenamt: Ich wollte meine positiven Erfahrungen an andere weitergeben. Es ist eine wahre Wucht, was seitdem geschaffen wurde.« Barbara Kruse pflichtet ihr bei. Sie hat im Mai ihren Mann verloren und ist froh, dass sie auf die Hilfe des Teams zählen kann. »Zu wissen, dass Menschen in der Nähe sind, die einen auffangen, fühlt sich unglaublich entlastend an.«
Nächste Schulung ab März
Wer den ambulanten Hospizdienst und das Projekt ›Statt Blumen‹ unterstützen möchte, kann sich jederzeit melden. Die nächste Schulung zur Sterbebegleitung startet voraussichtlich ab März 2026 und läuft über ein halbes Jahr. »Bei der Arbeit mit Kranken oder Trauernden können heftige Themen aufkommen«, verrät Susanne Gramatke. »Man muss vorbereitet sein und auch erkennen, wann es besser ist, jemanden weiterzuvermitteln.« In der Begegnungsstätte auf dem Friedhof ist aber grundsätzlich erst mal jedes Thema recht. Bloß in einer Sache können die Frauen nicht mehr weiterhelfen: »Es kommt immer noch vor, dass Leute einen Strauß kaufen wollen. Dann sagen wir: Es tut uns leid. Wir haben keine Blumen – nur Begegnungen.«
›Statt Blumen‹
Pferdebachstr. 48 · 58455 Witten
Tel. 0174 / 97 26 265
www.ahd-wh.de
Öffnungszeiten:
Mo.–Mi. + Fr 10 bis 12 Uhr
Do. 14–16 Uhr
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