Beliebte und geachtete Wittener Diakonisse mit 87 Jahren verstorben
Gertrude Krämer leitete ein Vierteljahrhundert die Krankenpflegeschule
Am 10. Juli verstarb die weit über Witten hinaus bekannte Diakonisse Gertrude Krämer im Feierabendhaus an der Pferdebachstraße. Am 1. August wurde sie in ihrer Siegerländer Heimat im Ruheforst Hilchenbach beigesetzt. Ein Rückblick.
»Ich wollte Diakonisse sein«
»Ich fühlte mich zum Dienst berufen. Trotz starken Widerstands meiner Eltern bin ich Diakonisse geworden«, erzählte Gertrude Krämer dem Reporter 2010 in einem Gespräch. Und sachlich weiter: »Ich bin in einem frommen, reformierten Elternhaus im Siegerland groß geworden – als eines von vier Kindern. Meine Mutter wollte eigentlich, dass ich Kindergärtnerin werden sollte, doch ich wollte Diakonisse sein.« Da kamen für die junge Gertrude zwei Mutterhäuser in Frage: Die junge Frau entschied sich für das im Norden – in der Ruhrgebietsstadt Witten – und nicht für das im hessischen Marburg. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester wurde sie 1958 Verbandschwester (heute: Diakonische Schwester) und 1966 »Diakonisse alter Ordnung« wie Schwester Gertrude ausdrücklich betonte.
Leuchtturm für junge Leute
Kaum eingesegnet, schickt die Mutterhausleitung sie ins Soziale Seminar nach Düsseldorf-Kaiserswerth, wo die junge Frau eine Weiterbildung zur Unterrichtsschwester wahrnimmt. Zurück in Witten übernimmt sie Ende der 60er-Jahre die Leitung der Krankenpflegeschule am Ev. Krankenhaus – bis 1992 begleitet sie unzählige junge Frauen (und Männer) in den Beruf der Krankenpflege mit christlicher Prägung. Sie unterrichtet ›alle Fächer durch die Bank‹. Nicht nur an ihrer Schule, sondern ebenfalls am Fachseminar für Altenpflege. Auch Krankenpflege-Helferinnen und Zivildienstleistende gehören zu ihren Schülern. Sie beraten und begleiten, ihnen zur Seite stehen in schwierigen Situationen am Arbeitsplatz, auch das Loslösen vom Elternhaus während der Lehrjahre – all das verlangte viel Engagement von der Diakonisse und sie machte es gerne, ohne Murren – für die jungen Leute und schließlich auch für deren Patienten, denen eine gute Ausbildung von Schwestern und Pflegern zu Gute kommt. Für die jungen Menschen war sie genau das, was ein ›Leuchtturm‹ symbolisiert: Orientierung, Sicherheit und Hilfe für den zukünftigen Beruf. Der stets gute Kontakt zu den ehemaligen Schülern zahlte sich aus: Auch Jahre nach den Examen trafen sich die Jahrgänge mit ihrer Schulleiterin – entweder in Witten im Mutterhaus oder in ihrem Privathaus in Kreuztal.
1998 ging es in den ›Feierabend‹
Als Gertrude Krämer die Leitung ›ihrer‹ Schule 1992 weitergibt, übernimmt sie bis zu ihrem Ruhestand das hauseigene Diakoniemuseum, das bereits seit 1985 in einem ehemaligen Heizungskeller des Feierabendhauses 2 bestand. Wer, wenn nicht sie, konnte die Aktenberge, Fotos und sonstigen Exponate besser aufarbeiten und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich machen?! Als sie dann 1998 endgültig in den ›Feierabend‹ (= Ruhestand) geht und wieder in ihre Heimat ins Siegerland zieht, bleibt der Kontakt zu ihrer Schwesternschaft dennoch bestehen. Bis vor fünf Jahren kam sie sieben bis zehn Tage pro Monat nach Witten ins Hausmuseum und arbeitete kontinuierlich die Geschichte der Schwesternschaft auf – immerhin wird die Diakoniegemeinschaft in diesem Jahr 135 Jahre alt!
Auch als Ruheständlerin ordentlich aktiv
2007 gab es noch einmal einen großen Batzen zu erledigen: Die Ruheständlerin organisierte den Umzug des Hausmuseums vom Feierabendhaus ins Mutterhaus, wo nun im Untergeschoss, in zwei Räumen und auf einem Flur in Schränken und Vitrinen die Geschichte des ›Diakonissenhauses für die Grafschaft Mark und das Siegerland‹ lagert und anschaulich präsentiert wird. Zu den Ausstellungstücken aus dem geistlichen und beruflichen Leben gehören u. a. Trachten, medizinische Geräte, Gebetsbücher, Kreuze, Urkunden und sage und schreibe 5.000 Fotos. Alles fein säuberlich in einem Findbuch archiviert und aufgelistet. Natürlich bleiben die Schubläden und Vitrinen nicht verschlossen: Gerne öffnen sie ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und beantworten die Anfragen von Theologen und Historikern, Medizinern und Pflegewissenschaftlern. Auch Interessenten aus Heimatkunde und Paramentik (= Textilien für Kirchen) kommen und forschen im Wittener Mutterhaus.
Neben all den Aktivitäten in ihrem Leben erwähnte die rüstige Seniorin damals noch schmunzelnd eine weitere: In ihrer Wittener Zeit spielte sie auch die Orgel in Gottesdiensten, bei Andachten und Trauerfeiern. Das Orgelspiel hatte sie sich als junges Mädchen in Kreuztal auf einem Harmonium autodidaktisch beigebracht, nachdem ihr Lehrer sich gleich nach der ersten Orgelstunde aus Versehen beim Holzhacken einige Finger abgehackt hatte …
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