Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Auge in Auge mit Seehund und Seidenspinne

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Tierpark Bochum simuliert fremde Lebensräume

Gemächlich zieht der Seehund seine Bahnen. Er dreht sich auf den Rücken, sonnt sich in den Blicken seiner Bewunderer und taucht dann cool ab. Kaum ist er von der Bildfläche verschwunden, kommen seine exotischen Mitbewohner zum Vorschein. Die Humboldt-Pinguine, die an Land so lustig watscheln, verwandeln sich unter Wasser in kleine Torpedos: Mit einer Rekordgeschwindigkeit von bis zu 40 km/h flitzen sie durch das Becken. Spätestens jetzt gibt es für das staunende Publikum kein Halten mehr. Tief im Westen sorgt der Tierpark Bochum für maritime Gefühle.

»Die Luft im Erdmännchenhaus wird strenger kontrolliert als die Luft in meinem Büro«

Die 1933 eröffnete Einrichtung hat sich auf die Pflege von Tieren in Aquarien, Terrarien und Volieren spezialisiert. »Anfangs hatten wir auch Großtiere wie Braunbären, Wölfe und Tiger«, berichtet Zoodirektor Ralf Slabik. »Das Konzept der Haltung von Großsäugetieren im Tierpark Bochum wurde aber schon vor langer Zeit aufgegeben.« Heute beherbergt die zwei Hektar große Anlage rund 3.600 pelzige, gefiederte und geschuppte Kreaturen aus 300 verschiedenen, darunter einigen bedrohten Arten, die im Rahmen von Schutzprogrammen gezüchtet werden. Sie alle finden mitten im Revier ein Zuhause, das die authentischen Gegebenheiten entfernter Lebensräume nachbildet, von der australischen Wüste bis zum tropischen Dschungel, vom Wattenmeer bis zum Amazonas. Mittels moderner Technik werden Klimazonen und Wasserwerte der gesamten Welt simuliert. »Die Luft im Erdmännchenhaus wird strenger kontrolliert als die Luft in meinem Büro«, so Ralf Slabik mit einem Augenzwinkern.

Rosa Grazien und drollige Zwerge

Ein wahrer Zuschauermagnet ist das Flamingo-Gehege. Das natürliche Verbreitungsgebiet der anmutigen Vögel erstreckt sich über Afrika und Asien bis nach Südeuropa. Mit ihren grazilen Beinen, dem pastellrosa Gefieder und den geschwungenen Schnäbeln machen sie aber auch bei uns im Ruhrgebiet eine ausgesprochen gute Figur. Ihre hübsche Färbung verdanken sie übrigens den kleinen roten Krebsen, die auf ihrem Speiseplan stehen und spezielle Carotinoide enthalten. »Wir mischen ihnen zusätzlich Paprikapulver unter das Futter, so wie es in vielen Zoos üblich ist«, verrät Britta Heidel (Zookommunikation). In der Nähe der Flamingos treffen wir auf die nächsten Publikumslieblinge: die Erdmännchen. Die drolligen Zwerge stammen aus den Savannen Afrikas und begeistern durch ihren quirligen Charakter: Sie pflegen ein reges Familienleben, kommunizieren lebhaft und wechseln sich bei ihren täglichen Arbeiten untereinander ab, von der Kindererziehung bis zum Wachposten.

Sanfte Urzeitriesen und clevere Keas

Weiter geht’s. Durch großzügige Panoramascheiben erhaschen wir einen Blick auf drei urzeitliche Geschöpfe, die in der Wärme des Wintergartens ihr Bad genießen: Die Seychellen-Riesenschildkröten beeindrucken durch ihre schiere Präsenz. Jeder einzelne dieser sanften Riesen bringt bis zu 250 Kilogramm auf die Waage. Sie sind aber nicht nur die gemütlichsten, sondern auch die ältesten Tiere im Zoo. »Schildkröten beweisen, dass eine entspannte Lebensweise die Lebenserwartung erhöht«, lächelt Kerstin Schulze (stellvertretende Zoodirektorin). »Durch ihren langsamen Stoffwechsel werden sie bis zu 200 Jahre alt. Man stelle sich vor, was die Tiere in dieser langen Zeitspanne alles erlebt haben!« Das Gegenteil von gemütlich erwartet uns ein paar Schritte weiter, bei den Keas. Die verspielten Papageien leben in einem Gehege, das der neuseeländischen Bergwelt nachempfunden wurde. Eigentlich gibt es hier viel Abwechslung, doch die Keas interessieren sich auch für die Außenwelt – insbesondere für die Autorin des Stadtmagazins, die mit der Kamera vor dem Zaun herumturnt. »Diese Vögel sind hochintelligent«, verrät Kerstin Schulze. »Sie beobachten, untersuchen Gegenstände und können sogar Fahrradklingeln bedienen.«

»Selbst die kleinsten und gruseligsten Tiere sind von Bedeutung«

Mindestens genauso spannend wie der Freiluftbereich sind die Aquarien- und Terrarienhäuser des Tierparks. Hier tauchen wir in eine fremde Welt voller leuchtend bunter Fische und seltener Reptilien ein. Ob Süßwasserfluss oder Korallenriff, Wüste oder Regenwald: Auf unserer kleinen Weltreise begegnen wir den erstaunlichsten Kreaturen hautnah – etwa dem südamerikanischen Lungenfisch, der im Spiel aus Licht und Schatten wie ein Seeungeheuer erscheint, oder der exotisch gemusterten Würgeschlange, der man nicht nachts im Dunkeln begegnen möchte. Eine Bewohnerin, die eher durch Talent als durch Schönheit punktet, ist die Seidenspinne. »Die gesponnene Seide ist extrem flexibel, reißfest und antibiotisch«, erklärt Biologin Kerstin Schulze. »Aktuell unterstützen wir eine Promovierende der RWTH Aachen, die in ihrer Doktorarbeit erforscht, wie das Gewebe bei Operationen als Trägerstruktur für Stammzellen zum Einsatz kommen könnte.« Damit sei die Spinne ein gutes Beispiel dafür, dass jede Art ihre Berechtigung hat, ergänzt Ralf Slabik. »Selbst die kleinsten und gruseligsten Tiere sind von Bedeutung.«

»Diese Botschaft wollen wir in die Welt tragen«

Der Tierpark Bochum ist nicht nur ein Zoo, er ist auch ein Bildungszentrum, das sich über seine Grenzen hinaus für Umwelt und nachhaltige Entwicklung einsetzt. »Wir haben uns als zertifiziertes BNE-Regionalzentrum dazu verpflichtet, gegen die Naturentfremdung in der Gesellschaft anzuarbeiten, und nehmen diesen Auftrag sehr ernst, mobil und hier vor Ort.« Denn das ökologische Wissen bzw. der Respekt gegenüber Tieren und Pflanzen nimmt gemäß der  Erfahrung des Teams immer mehr ab. »Manche Kinder können auf Nachfrage kein einziges Meerestier nennen«, berichtet Ralf Slabik. »Oder sie denken, dass Kühe lila sind. Wie sollen sie da ein Verständnis für unser Ökosystem entwickeln?« Um junge Menschen für Naturzusammenhänge zu sensibilisieren, veranstaltet die Einrichtung circa 1.300 Unterrichtseinheiten mit rund 25.000 Kindern und Jugendlichen pro Jahr. Im Streichelzoo können die Kids auf Tuchfühlung mit zahmen Ziegen gehen oder den Bewohnern der Schweine-WG guten Tag sagen. Sie lernen, wo das Fleisch herkommt, ehe es im Supermarkt landet, und warum Artenschutz wichtig ist. »Man muss sorgsam mit dem Planeten umgehen, damit auch künftige Generationen gut leben können«, sagt Kerstin Schulze. »Diese Botschaft wollen wir in die Welt tragen.«

Preisfrage · Verlosung

Wie alt werden Seychellen-Riesenschildkröten? Einfach bis zum 9.9.2025 eine Mail an info [at] stadtmag.de schicken und mit etwas Glück ein Familienticket (2 Erwachsene und alle eigenen Kinder bis einschließlich 17 Jahre) für den Tierpark Bochum gewinnen. Der Preis wird unter allen richtigen Antworten ausgelost.

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