Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Von Geisterstädten und Ruinen

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Kai Schroeders Bildband ›Lostventure‹ zeigt eine Sinfonie des Verfalls

Verlassene Geisterstädte. Industrieruinen mitten im Nirgendwo. Abgeschiedene Bahnhöfe, an denen lange kein Zug mehr gehalten hat, und leere Krankenhausflure, die eine erstklassige Kulisse für Stephen-King-Verfilmungen abgeben würden. Gespenstische Fußabdrücke im uralten Staub …

»Wo sich die Natur ihr Terrain zurück­erobert,
wird man mit ­einer verfrem­deten Realität konfrontiert.«

Eine fotografische Entdeckungsreise

›Lost Places‹ üben seit jeher eine besondere Faszination auf uns Menschen aus. Der Grafikdesigner Kai Schroeder hat zwölf verlorene Orte in einem außergewöhnlichen Bildband zusammengebracht. ›Lostventure‹ ist aber mehr als ein Fotobuch. Gespickt mit kurzen, stimmungsvollen Erläuterungen und Zitaten großer Dichter und Denker wie Goethe oder Edgar Allan Poe führt es die dunkle Ästhetik des Verfalls vor Augen und lädt zum Eintauchen in die Szenen ein. So kann man das Moos, das an den porösen Wänden emporkriecht, geradezu riechen, kann den Wind in den Nischen und Winkeln der alten Gemäuer heulen hören. »Ich möchte dem Betrachter die Welt aus meiner Perspektive zeigen, ihnen meine Eindrücke und Wahrnehmungen näherbringen«, erklärt er. »Wo sich die Natur ihr Terrain zurückerobert, wird man mit einer verfremdeten Realität konfrontiert. Hier keimen starke Gefühle auf: Beklemmung, Einsamkeit und Isolation gepaart mit dem Bewusstsein, dass alles Schöne vergänglich ist.«

Kontrast als Leitmotiv

Nach mehreren Jahren in der Werbebranche hat sich Kai Schroe­der im Februar mit seiner Designagentur ›Blacktivity‹ für Print- und Webgestaltung erneut selbstständig gemacht. Schon seine Altbauwohnung im Zentrum von Wetter wirkt wie eine kleine Ausstellungslandschaft und zeigt das Faible des 41-Jährigen für schwarzromantische Themen: surreale Malereien, anatomische Illustrationen, ein schwarzes Klavier, Totenschädel. Hier ein Porträt von Edward mit den Scherenhänden, dort der Joker oder Two-Face aus Christopher Nolans ›The Dark Knight‹. Der Kontrast von Schwarz und Weiß, Leben und Tod, Schönheit und Verfall durchzieht als Leitmotiv all seine Werke. Mehr davon gibt es im Atelier im nahe gelegenen Harkorthaus. »Ich bin eine Promenadenmischung der Talente«, verrät er mit einem Schmunzeln.« Aber heute soll es ja um den neuen Bildband gehen. Und dafür muss man ein bisschen ausholen.

»Das war echt unheimlich –
als hätte der Ort eine eigene ­Gesetzmäßigkeit,
die mit der alltäglichen Welt nichts mehr zu tun hat.«

Unterwegs in alten Fabriken und verlassenen Straßenschluchten

Bereits 2016 reiste Kai Schroeder mit einem Freund, Stephan Marten, auf der Suche nach Lost Places durch Deutschland und Belgien. Er besuchte die kirchenartigen Hallen eines alten Wasserkraftwerks, erforschte eine ehemalige Keksfabrik und ein Gefängnis, kletterte durch die abbruchreifen Unterkünfte einer früheren Kaserne und durchwanderte das Straßenlabyrinth einer dem Untergang geweihten belgischen Geisterstadt. »Da habe ich mich gefühlt wie in Prypjat bei Tschernobyl«, berichtet er. »Die Fenster mit Brettern vernagelt, die Fassaden mit Graffitis besprüht. Du gehst die Gasse entlang, und es ist einfach niemand da. Das wirkt sich auch auf dich selbst aus: Du hörst, siehst, bewegst dich anders. Das ist unbeschreiblich!« Besonders ist ihm auch das sogenannte ›Tal des Todes‹ im Gedächtnis geblieben, eine alte Munitionsfabrik im Schatten bewaldeter Hänge. »Plötzlich zwitscherten keine Vögel mehr. Es gab einen regelrechten Temperatursturz. Das war echt unheimlich – als hätte der Ort eine eigene Gesetzmäßigkeit, die mit der alltäglichen Welt nichts mehr zu tun hat.«

Corona verwandelt alltägliche Orte in Lost Places

70 Prozent der abgelichteten Schauplätze existieren heute nicht mehr, sie wurden nach und nach abgerissen, dem Erdboden gleichgemacht. Die Fotografien von Kai Schroeder gerieten in Vergessenheit. Dann kam Corona. »Ich bin morgens um halb fünf aufgewacht und dachte: Ich muss ein Buch machen«, erzählt er. »Denn meine Bilder stehen auch metaphorisch für das, was gerade in unserer Gesellschaft passiert. Die Pandemie hat uns rausgerissen aus dem geregelten, bunten Alltag und uns in eine Art Schock-Metamorphose versetzt. Plötzlich erscheint uns die Realität chaotisch, farblos, verfremdet. Alltägliche Orte sind nun nicht mehr alltäglich: Innenstädte, Bahnhöfe, Theater liegen verlassen da. Hier tun sich viele Parallelen zu meinen Lost Places auf.«

Dunkle Ästhetik mit Farbtupfern

Der hochwertig verarbeitete Hardcover-Bildband ist auch eine Liebeserklärung an die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie. Es dominiert eine düstere, schattenhafte Atmosphäre. Doch manchmal, wenn man es am wenigsten erwartet, schleichen sich Farbtupfer in Form von grünen Ranken, Schimmel oder knallbunter Street Art ein. »Als Designer bin ich es gewöhnt, Motive bis zur Unkenntlichkeit zu bearbeiten – und das wollte ich diesmal gerade nicht. Vielmehr ging es mir darum, den wahren Charakter der Dinge auf ästhetische Weise widerzuspiegeln und die Sinfonie des Verfalls erlebbar zu machen.« Durch das stilistische Mittel der Zentralperspektive und das klare Buchlayout werden Chaos und Zerfall in eine stabile Form gegossen. »Irgendwann habe ich allerdings gemerkt, dass das Buch viel zu klein für die Message ist«, verrät Kai Schroeder mit einem Augenzwinkern. »Daher wird die Standardausgabe jetzt durch eine limitierte Premiumausgabe im Großformat 37 x 25,5 ergänzt. Da kann man sich dann wirklich in den Ruinen verlieren.«

https://blacktivity-ks.com/work
https://lostventure.de/

›Lostventure‹
Hardcover
Blacktivity
39 Euro

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