Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Cyanbaal

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Ein musikalisch-literarischer Sprung ins Kaninchenloch

In a lonely forest, there is a pond.
The surface shimmers in oily gloss.
You can not see the ground.
What will live there?

She lives in this dark water.
The swamp daughter …

(Auszug aus ›Shimmering Darkness‹)

Düster, rätselhaft und voller bizarrer Gestalten sind die Klangwelten des deutsch-amerikanischen Electro-Dark-Wave-Duos Cyanbaal. Fans abseitiger Schauermärchen dürften bei mancher Textzeile verzückt aufhorchen, denn die Lyrics lassen Motive und Figuren großer Geschichtenerzähler wie H. P. Lovecraft, Neil Gaiman oder Tim Burton wieder aufleben. Diese Kenntnis ist aber natürlich keine Voraussetzung, um den Sprung ins ›Kaninchenloch‹ zu wagen und in die schattenhaften Sphären von Cyanbaal einzutauchen.

Jugend mit Dark Wave und Schauerliteratur Bandgründer Patrick M. Wenzel aka Georg Kasperski, Jahrgang 1972, ist ein echtes Szenekind. »Durch meinen älteren Bruder und meine Cousins und Cousinen habe mich schon sehr früh in der Dark-Wave-Musik heimisch gefühlt«, berichtet der kreative Wittener. »Noch vor der Einschulung schenkte man mir meinen ersten Kassettenrekorder, mit dem ich eigene Aufnahmen machen konnte. Mit 14 begann ich, mich für Schauerliteratur zu begeistern, damals habe ich jedes Buch von Lovecraft gekauft, das mir in die Finger kam. In den frühen Neunzigern ging es dann mit dem ›Rumgrufteln‹ los. Ich war in den einschlägigen Discotheken wie dem ›Zwischenfall‹ in Bochum unterwegs und fing irgendwann an, selbst Musik zu machen, die ich aber zunächst nicht veröffentlichte.«

Musikalische Experimente

Im Jahr 2014 entstand Cyanbaal als ambitioniertes Studioprojekt, anfangs mit wechselnder Besetzung. Der Bandname, Ergebnis einer Wortspielerei, passt auch inhaltlich wie angegossen, verbindet er doch die Farbe Cyan, welche auf der Skala am Übergang zwischen Blau und Grün angesiedelt ist, mit dem mythischen Wesen Baal, das mal als Gott, mal als Dämon bezeichnet wird. Und so lässt sich auch die Musik von Cyanbaal nur schwer in eine Genre-Schublade einordnen. »Das ist nicht nur Dark Wave, das ist auch Minimal Electronic, Post Industrial oder Synthie Pop«, verrät Georg Kasperski. »Manchmal schwingen sogar freundliche, humorvolle Töne mit. Ich lasse mich gerne inspirieren und experimentiere mit verschiedenen Stilrichtungen. Wobei mir wichtig ist, dass die veröffentlichten Alben in sich harmonisch sind.«

Eine deutsch-amerikanische Zusammenarbeit

Eine EP und drei Alben hat er inzwischen herausgebracht. Seit dem Herbst 2020 und der CD ›Cautionary Tales‹ ist die US-Amerikanerin Haether Wayward als Vollzeit-Sängerin mit an Bord. Schon die Geschichte zur Entstehung dieser internationalen Kooperation ist eine Story für sich: Kennengelernt auf Facebook, erste Begegnung bei einem Treffen der Gothic-Szene in Ostdeutschland, kreativer Austausch über Kontinente hinweg. »Haether hatte zu dem Zeitpunkt noch nie öffentlich gesungen und war entsprechend zurückhaltend. Aber ich bin selbst kein Profimusiker und finde diesen Anspruch auf Perfektion völlig falsch. Hauptsache ist doch, dass man Spaß daran hat. Wenn man sich dann noch eine kleine Fanbase erspielt, umso besser. Also überzeugte ich sie, es einfach mal auszuprobieren. Das Ergebnis war super! Sie hat sich richtig in die Materie reingekniet und arrangiert inzwischen schon eigene Stücke.« Dank moderner Technik ist die Zusammenarbeit zwischen Georg in Witten und Haether in den USA überhaupt kein Problem. Neue Kompositionen werden mithilfe von Synthesizer, Drumcomputer und Sampler zu Hause eingespielt und dann komplett oder in einzelnen Tonspuren im MP3-Format an den Partner nach Übersee geschickt.

Kosmisches Grauen à la Lovecraft trifft auf Tim Burtons Zauberwelten

In Klang und Text spiegelt sich die Faszination des Gespanns für morbide und schwarzromantische Themen wider. Ging es in der Anfangsphase von Cyanbaal vor allem um Atmosphäre, nutzt das Duo heute auch schon mal ganze Textfragmente aus bekannten Filmen und Romanen, um den Zuhörer auf eine (alp-)traumhafte Reise zu entführen. Hier wird das kosmische Grauen à la Lovecraft ebenso heraufbeschworen wie die dystopische Science Fiction eines Charles Stross oder Tim Burtons düstere Wunderwelten. Andere Stücke erzählen ihre ganz eigenen schaurig schönen Geschichten, etwa von den Raben auf Haethers Reithof.

Buchholz ist »das Dunwich von Deutschland«

Kann man Cyanbaal auch live auf der Bühne sehen? Das ist bislang (noch) ein Wunschgedanke. Doch die ersten Anfragen von Festivalveranstaltern flatterten während des Lockdowns bereits ins Haus. Momentan beschränkt sich das Schaffen der beiden Künstler auf ihre heimischen Tonstudios. »Es gibt diese kreativen Tage, an denen ich morgens ins Musikzimmer verschwinde und erst nachts um drei wieder rauskomme«, erzählt Georg Kaspersky, der im echten Leben ganz unspektakulär als Sachbearbeiter bei einer Krankenkasse arbeitet. »In der Urlaubszeit kann es passieren, dass meine Frau mich dann tagelang nicht zu sehen bekommt. Manchmal sind wir aber auch bei uns in der Gegend mit den Hunden unterwegs, wenn mich plötzlich ein Geistesblitz heimsucht. Buchholz ist ja sehr ländlich und abgelegen, mit viel Wald und einzelnen Höfen. Ich nenne es immer ›das Dunwich von Deutschland‹. Das kann sehr inspirierend sein. Wenn mir dann eine Melodie durch den Kopf schwirrt, wird die zu Hause direkt eingespielt.«

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