Stadtmagazin Witten: Dies und Das

Fünfe gerade sein lassen

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Weihnachten. Vorbei. Silvester. Vorbei. Corona? Noch da!
Es ist Februar 2021, und nach fast einem Jahr sitzen viele von uns noch immer im Heimbüro und heimbeschulen parallel die Kinder. Die Frustration steigt, bei manchem auch die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, bei anderen entsteht eine generalisierte Zukunftsangst. Dazu kommt mieses Wetter.

Alles Mist? Nein.

Es wäre jetzt zu simpel zu schreiben, dass alles zwei Seiten hat. Manchmal ist man einfach nicht in der Lage, die zweite Seite zu sehen, auch wenn sie da ist. Es ist verständlich und nachvollziehbar, dass vielen von uns gerade die Decke auf den Kopf fällt und Sorgen überhandnehmen. Umso wichtiger ist es, diese Situation nicht einfach so hinzunehmen. An vielen Dingen können wir nichts ändern, an manchen schon eine ganze Menge.

Ich plädiere daher für die ›Fünfe gerade sein lassen‹-Methode, die ich mir gerade selber ausgedacht habe und die auf keinerlei wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.

Jedoch fußt sie auf der Beobachtung, dass es uns gerade oft schwerfällt, gnädig mit uns selber umzugehen. Das ist nicht falsch, denn ein strenger Umgang mit sich selbst strukturiert den Alltag und verhindert, dass wir die mentale Jogginghose gar nicht mehr ausgezogen kriegen.

Eine Erklärung für die Herkunft der Redewendung ›Fünfe gerade lassen‹ ist, dass sie bedeutet, alle Finger der Hand auszustrecken, damit nichts zu greifen oder zu arbeiten. Also sich zu entspannen.

Auch – oder gerade – im Umgang mit heimzubeschulenden Kindern ist dieser Umgang wichtig für die momentane häusliche Stimmung, aber auch für die Tragfähigkeit der weiteren Beziehung in der Zukunft. In meinem Umfeld beobachte ich, anders als im ersten Lockdown, eine immer größere Unsicherheit im Umgang mit dem Lernstoff der Kinder. Klar, Stillstand sollte es nicht geben. Auch aus dem Wissen heraus, dass die Schule irgendwann wieder losgeht und es absolut sinnvoll ist, die Kinder weiter dabei zu unterstützen, ihr Selbstbild als Schüler zu erhalten.

Lass uns nicht so tun, als müsste alles verlaufen wie vor 2020.

Das, was wir gerade erleben, ist das neue ›Normal‹ – zumindest für jetzt und wahrscheinlich noch für etliche weitere Wochen. Daher ist es wichtig, nicht der Vergangenheit nachzutrauern oder die vermeintlich bessere Zukunft herbeizusehnen. Es geht darum, hier und jetzt auf die Dinge zu achten, die schön, gut und positiv sind. Im Bezug auf Kinder kann das bedeuten, die Situation dazu zu nutzen, selbstständiges und freies Lernen zu üben. Noch nie waren die Chancen dazu besser.

Bei mir bedeutet das gerade konkret, dass es mir völlig egal ist, ob mein Kind (2. Klasse) die vorgeschlagene Seitenzahl der Lehrerin stur abarbeitet oder nicht. Ziel ist es, laut Lehrplan, dass die Kinder der Klasse das Malrechnen verstehen und verinnerlichen. Daran arbeiten wir. Hat er's verstanden oder für den aktuellen Tag einen Schritt vorwärts gemacht, dann lassen wir's gut sein. Fertig. Mehr Zeit zum Spielen (dabei lernt man auch), Langweilen (dabei lernt man auch) oder emotionale Bildung (dazu mehr im nächsten Heft).

Denn wer jetzt Stress sät, wird Vertrauen verlieren. Die Kinder sind ja nicht doof. Sie wissen, dass Papa oder Mama nicht der Lehrer oder die Lehrerin sind. Stattdessen können wir Krisenbegleiter sein und zeigen, dass auch eine Situation wie die momentane beherrschbar ist und man keine Angst haben muss. Und wenn man Angst hat, was völlig normal ist, dann kann man ihr gemeinsam begegnen. Wir können gegenseitig unsere Widerstandskraft stärken und Vertrauen zueinander gewinnen.
Für mich bedeutet die ›Fünfe gerade sein lassen‹-Methode:

– Strukturiere deinen Alltag. Rechne gleichzeitig damit, dass es ganz anders kommen kann als geplant.
– Setz dir realistische Ziele für den Tag.
– Mach dir klar, dass gerade vieles anders ist und wir erst lernen müssen, damit umzugehen.
– Schau dich um. Alle Menschen sind gerade von der gleichen Situation betroffen, und jeder hat das Recht, auf seine Weise damit umzugehen.
– Wenn du Schulkinder hast, dann begleite sie auf dem momentanen Weg und zwinge sie nicht auf den ›eigentlich müsste es anders sein‹-Weg.
– Entspann dich mindestens einmal am Tag ganz gezielt mit einer Übung oder Sport.

Fünfe gerade sein lassen bedeutet für mich persönlich, dass ich dankbar bin, gesund zu sein. Es bedeutet, dass ich keine großen Urlaubspläne für dieses Jahr schmiede. Dafür freue ich mich extrem auf die ersten Sonnenstrahlen im Frühling und darauf, einfach mal wieder einen Tee im Freien trinken zu können.

Bleiben Sie gesund!
Christoph Palmert

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