Stadtmagazin Witten: Dies und Das

Jauchzet, downlocket!

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Von wegen ›Alle Jahre wieder‹. Sieht man den Titel eines der bekanntesten Weihnachtslieder als Sinnbild für alljährliche Bräuche und Rituale, für Altvertrautes und Routine, für Bewährtes und Langweilendes, für regelmäßig Nervendes und Beglückendes, scheint genau das außer Kraft gesetzt: Dieses Jahr wird Weihnachten definitiv anders als all die Jahre zuvor.

Wie viele Menschen aus wie vielen Haushalten werden einander begegnen dürfen, um gemeinsam die Ankunft des Herrn zu feiern? Reichen Heiligabend plus zwei Weihnachtsfeiertage aus, damit Großeltern all ihre Enkelkinder sehen und beschenken können? Und dann der doch eigentlich obligatorische Kirchbesuch. Den wird es nicht geben, prognostiziere ich in Erinnerung daran, wie die Gotteshäuser gemeinhin aus allen Nähten platzen am Heiligen Abend, so als spiele der BVB gegen Bayern. Wie von Nächstenliebe beseelte Christen sich schon eine Stunde vor Showbeginn am Ort des Geschehens drängeln, um sich später von einem der begehrten Sitzplätze aus paradoxe Botschaften anzuhören wie ›Die Letzten werden die Ersten sein.‹ Tragikomisch irgendwie: Das ganze Jahr lang könnte man vielerorts einen normalen Sonntagsgottesdienst besuchen und würde dabei automatisch alle denkbaren Abstandsregeln einhalten – aber dieses eine Mal im Jahr wollen alle. Doch das wird es nicht geben 2020. Home-Churching wird angesagt sein. Weihnachten ohne echten Gottesdienstbesuch. ›Alle Jahre wieder?‹

Nein, das Gegenteil gilt in diesem Jahr, und das macht uns irgendwie fassungslos. Nicht, dass das Christuskind nicht wie immer auf die Erde niederkäme, wo wir Menschen sind. Doch wenn es nun mit seinem Segen in jedes Haus einkehrt, trifft es wohl in wesentlich mehr Haushalten als sonst auch deren Bewohner an. Und diese werden sich von der weihnachtlichen Gestalt zwar bestenfalls gern leiten lassen, aber gewiss nicht ›an der lieben Hand‹. Pfui, schon der Gedanke an derlei Körperkontakt weckt heutzutage den Reflex, schnell zur Desinfektionsmittelflasche zu greifen! Ja, die psychischen Folgen der Pandemie sind spürbar, schon fange ich an, mir die Weihnachtsgeschichte unter Coronabedingungen auszumalen …

Josef zog mit Maria, seiner Verlobten, nach Bethlehem, in die Stadt Covids – pardon, Davids –, wo Maria ihren Sohn gebar. Sie wickelte ihn in Windeln, womit sich die beiden reichlich eingedeckt hatten, da es kein Toilettenpapier mehr gegeben hatte. Maria legte ihren Erstgeborenen in eine Krippe, weil in der Herberge zwar jede Menge Platz für sie gewesen wäre, aber von Kaiser Augustus ein Beherbergungsverbot erlassen worden war.

In der Gegend waren Hirten auf dem Felde, und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und sie fürchteten sich sehr. Denn der ihnen fremde Engel trug keinen Mund-Nasenschutz. »Fürchtet euch nicht«, sprach der Engel, »ich verkünde euch große Freude, die der ganzen Welt zuteil wird.« »Ein Impfstoff!« rief einer der Hirten freudig erregt. Unbeirrt fuhr der Engel fort: »Heute ist euch der Retter geboren. Ihr werdet ein Kind finden, in Windeln gewickelt, in einer Krippe.« »Aber dann gibt es den Impfstoff ja erst in frühestens knapp 20 Jahren«, murmelte der Hirte enttäuscht. Und plötzlich erstrahlte über dem Engel eine Horde geflügelter Heerscharen. Mit einem Abstand von je einem Meter fünfzig zu allen Seiten erfüllten sie den Himmel und sprachen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seines Wohlgefallens.« Als die Engel von ihnen fort in den Himmel gefahren waren, da sagten die Hirten untereinander: »Wollen wir nach Bethlehem gehen und dieses Ereignis sehen, das der Herr uns kundgetan hat? Besser nicht, schließlich könnten viele dorthin kommen, und es könnte ein Super-Spreading-Ereignis entstehen.«

Und so würde die Geschichte hier enden, auch die drei Könige aus dem Morgenland hätten ja erst gar nicht einreisen dürfen. Maria hätte wesentlich weniger, was geschehen wäre, in ihrem Herzen bewegen können, und der Auftritt des Gottessohnes auf Erden wäre das erste Geisterspiel der Geschichte gewesen. Zudem würde sich heute jeder eine Krippe unter den Weihnachtsbaum stellen, zu der vier Figuren gehören, nämlich Maria, Josef, Jesus in der Krippe und dahinter eine Packung Ersatzwindeln.

Und es wäre Tradition: Weihnachten zu Hause, allein mit den buchstäblich Nächsten aus dem eigenen Hausstand. Erst die Christmette im Fernsehen oder Netz, dann Skypen mit Oma. Das Festmahl wird geliefert, aber nicht rituell gemeinsam eingenommen, denn den ganzen Abend über klingeln Weihnachtsmänner an der Tür und bringen Paketpost, die Aufmerksamkeit erfordert. Auf ihren Schlitten sind Schriftzüge von Amazon und Co. zu lesen, und eigentlich wären sie jetzt auch gern bei ihren Lieben, aber da sie im Niedriglohnsektor beschäftigt sind, ist der kleine Feiertagszuschlag ein ausreichender Anreiz, sich stattdessen auch heute als Held der Krise zu betätigen. So erfreuen sie Kinder, deren Eltern einst bei der Zeugung natürlich einen Mund-Nasenschutz trugen, etwa mit dem Buch ›Prinzessin Lillifee in Quarantäne‹ und mit der Playmobil-Krankenhaus-Coronastation.

Doch mit dieser Horrorvision möchte ich nicht enden. Hoffen wir alle, dass der Spuk bald ein Ende hat – dieser Ausnahmezustand darf keine neue Normalität werden! Die Frage ›Ist es das alles wert?‹ stellt sich neu in dieser besonderen Zeit des Jahres, empfinde ich. Und möchte keine Antwort darauf wagen, also wünsche ich mir und uns einfach nur sehr: In einem Jahr soll bitte wieder ganz normal Weihnachten sein, so feierlich und lecker, so freudig und nervtötend, so herzerwärmend und stressig, so anstrengend und gemeinsam – so wie alle Jahre wieder!

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