Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Reime mit Herz und Humor

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Im Gespräch mit Christine Laurenz-Eickmann

Verse über Hühneraugen und Wackelzähne, über Neugeborene, Pubertät und das Älterwerden, über Goethe, Computer und Handy …  Christine Laurenz-Eickmanns Gedichte erstrahlen geradezu vor Herz, Hirn und Humor. »Ich schreibe, seitdem ich schreiben kann«, erzählt sie mit sympathischem Augenzwinkern. »Deutsch war immer mein absolutes Lieblingsfach, und ich habe auch in der Theater AG mitgespielt, eine echte Herzensangelegenheit.« Von daher war es nur logisch, dass sie später Germanistik studierte. »Nun, das stimmt nicht so ganz«, schmunzelt sie, »eigentlich wollte ich Schauspielerin werden, aber da spielte mein Vater nicht mit. ›Mach was Vernünftiges!‹, lautete seine Ansage. Also entschloss ich mich dazu, Lehrerin zu werden, wobei meine Examensarbeit sogar das Thema ›Theater‹ behandelte.«

Dem Vater die (Reim-)Leviten gelesen

Überhaupt spielte ihr Vater keine unbedeutende Rolle für ihren schreiberischen Schaffensdrang, erfahren wir. »Es war damals keine ganz einfache Situation mit ihm. Er selbst hatte eine schwere Kindheit durchlebt, die vermutlich einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf ihn und seinen Erziehungsstil ausgeübt hat. Beispielsweise wollte er lieber Söhne als eine Tochter – zur damaligen Zeit keine ungewöhnliche Ansichtsweise, die er mich leider allzu oft hat spüren lassen. Und als er dann im Dezember 1972 seinen 50. Geburtstag feierte, habe ich ihm als 18-Jährige, verkleidet als Nikolaus, spontan gehörig die (Reim-)Leviten gelesen. Dieses Ereignis, insbesondere die so positive Reaktion der Geburtstagsgäste auf meine Verse, hat mir klar gemacht, dass das Schreiben wie auch das Vorlesen ein ganz wesentlicher Bestandteil meines Lebens war und auch immer sein würde.«

Ghostwriterin schenkt bewegende Momente

Christine Laurenz-Eickmann war nach ihrem Studium 30 Jahre lang als Realschullehrerin für Deutsch und Französisch tätig. Sie betreute an den Schulen, an denen sie unterrichtete, die Theater-AGs und schrieb so manches Stück selber. »Ich habe mich im Deutschunterricht bemüht, Kindern, die ansonsten keinen Bezug zu Schauspiel und Theater hatten, diesen zu vermitteln«, erzählt sie. »Und als dann einmal der Intendant des Münsteraner Theaters bei uns zu Besuch war, meinte meine Schülerin Jessica: ›Das war voll ätzend, dass Frau Laurenz mit uns immer ins Theater wollte, aber hinterher fanden wir es voll cool.‹« Seit ihrer Pensionierung lebt Christine Laurenz-Eickmann ihre ureigene künstlerische Dynamik noch stärker aus, eine Tätigkeit, die auf keinen Fall als kleines, unbedeutendes Hobby betrachtet werden kann! Es sind Texte über die unterschiedlichsten Lebensmomente und Alltagssituationen, die ihr spontan aus der Feder fließen, mal mit Reim, mal ohne – veröffentlicht in ihren zwei eigenen Gedichtbänden und vorgetragen auf Jubiläen und Familienfesten. Schließlich ist die Autorin seit längerem als Ghostwriterin tätig und schreibt Reden zu den unterschiedlichsten Anlässen. »Sie müssen mir lediglich ein paar Stichworte zu der jeweiligen Person oder dem bevorstehenden Anlass nennen, dann setze ich diese ganz nach Ihren Vorstellungen – ob witzig oder tiefsinnig – in Verse um. Und es ist wirklich bewegend, wie gerührt die Geburtstagskinder darauf reagieren, wenn sie ihr Leben in Reimform hören. Dies gilt auch für Hochzeitsreden: Dem glücklichen Paar sein Kennenlernen als Gedicht zu präsentieren, ist eines der schönsten und persönlichsten Hochzeitsgeschenke«, berichtet sie. Wobei – ganz nach Wunsch der Auftraggeber – besagte Verse von diesen selbst oder aber durchaus auch von Christine Laurenz-Eickmann vorgetragen werden.

»Voll die Oma!«

Ja, mittlerweile hat sie dann doch die Bühne für sich und ihre Verse erobert, und dies längst nicht nur bei privaten Festivitäten. »Der Auslöser dafür war wieder einmal eine Spontansituation«, erinnert sie sich schmunzelnd. »Ich war vor einem guten Jahr zu Gast im Bochumer Schauspielhaus, wo der Intendant Johan Simons das anstehende Programm bekanntgab und uns mitteilte, dass demnächst auch wieder Poetry Slams veranstaltet würden. Darauf fragte ich aus dem Bauch heraus, ob nicht auch ich mitmachen dürfe, und prompt wurde mir ein Mikrofon überreicht. Also habe ich mir einfach einen Ruck gegeben und mein absolutes Lieblingsgedicht vorgetragen: ›Das Alte macht dem Neuen Platz‹«. Sowohl der pointierte Text als auch die ausdrucksstarke Vortragsweise der Dichterin sorgten nicht nur Furore im Publikum, sondern auch für eine Einladung zum angesagten Poetry-Slammer Sebastian 23 im Bochumer Bermudadreieck. Wieder muss Christine Laurenz-Eickmann herzhaft lachen, als sie sich besagten Wettbewerb vor Augen führt. »Von den acht Kandidaten war ich mit Abstand die älteste: voll die Oma! Umso verblüffter war ich, wie begeistert alle auf meine Gedichte reagiert haben und dass ich sogar den ersten Platz machte.« Inzwischen ist sie immer häufiger live on Stage zu erleben: auf Kleinkunstabenden und Ausstellungseröffnungen, bei unterhaltsamen Veranstaltungen in Seniorenheimen und Frauengemeinschaften sowie bei Lesungen beispielsweise in der Buchhandlung Lehmkul – solistisch, aber auch mit einer sehr geschätzten Künstlerpartnerin. So bildet sie gemeinsam mit der Wittener Akkordeonspielerin Beate Telgheder das Duo ›Wort und Klang‹: eine Komposition aus humorvollen sowie nachdenklich stimmenden Texten, untermalt von stimmigen und stimmungsvollen Melodien.

Wittener Glücksmomente

Christine Laurenz-Eickmanns jüngste wortakrobatischen Werke finden sich im kürzlich erschienenen Buch ›Unsere Glücksmomente – Geschichten aus Witten‹. »Ich lebe ja seit 2009 in Witten und bin recht schnell dem Wittener Autorentreff beigetreten. Hier sprach uns der Wartberg Verlag dieses Jahr an, ob wir nicht Interesse hätten, Geschichten aus und über Witten zu veröffentlichen und so ein lebendiges Bild unserer Stadt zu ›zeichnen‹. Sofort wollte mich eine waschechte Wittenerin dazu überreden, das Buchprojekt in die Hände zu nehmen, woraufhin ich völlig verdutzt meinte: ›Ich bin doch gar nicht aus Witten.‹ Ihre Antwort lautete: ›Aber du schreibst doch so fantastisch!‹. Dadurch motiviert, habe ich mich darangegeben, zumal ich die ein oder andere Anekdote schon im Kopf hatte. So hatte ich zu Beginn meiner Ruhrstadt-Ära an diversen Stadtführungen teilgenommen, um meine neue Heimat möglichst schnell und gut kennenzulernen, und bei diesen Rundgängen erzählte Stadtführerin Hildegard Priebel ungemein interessante Geschichten über Witten und seine Stadtteile, die ich auch noch nach Jahren in meinem inneren Ohr habe und jetzt in meinen eigenen Worten und meiner manchmal ja doch etwas speziellen Schreibweise zu Papier gebracht habe«, berichtet sie mit selbstironischem Lächeln. »Was mich übrigens freut: Das Buch ist wirklich eine wunderbare Ruhrpott-Story-Sammlung. Dies liegt aber auf keinen Fall nur an mir – ganz und gar nicht! In dem Buch sind nämlich noch tolle Texte anderer Wittener Autorinnen und Autoren: von Ute Biermann, Helmut Rinke, Sabine Ch. Sellmann, Bernd Wittke und Prof. Dr. Manfred H. Wolff. Und glauben Sie mir, gerade dieser Mix macht’s – und er macht mich glücklich!«

Das Alte macht dem Neuen Platz

Wie liebten wir die alte Allee
voller duftender Linden,
und es tat uns allen weh,
als sie sollt’ verschwinden.

Bestand Gefahr, sie fielen um,
bedrohten’s alte Haus,
es ging kein Weg darum herum,
mit ihnen war es aus.

Es ward auf einmal kahl und leer,
doch wurd’ es hell im Garten,
es gab nun keine Linden mehr
und folglich keinen Schatten.

Das Licht holte die Blumen raus,
was sie enorm genossen,
sie blühten nun in Saus und Braus,
vom Regen auch begossen.

Nachdem die Baumallee entweicht,
zuerst zu unserem Kummer,
da blüht’s im Garten überreich,
als sei gescheh’n ein Wunder.

Und wenn man endlich daraus lernt,
willst du mal was erreichen,
man manchmal Altes erst entfernt
und lässt Gewohntes weichen.

Und sieh, was dann entstehen kann,
an des Alten Platz,
es wächst vielleicht was Bess’res ‘ran,
vielleicht dein größter Schatz.

(aufgenommen in die Bibliothek deutschsprachiger Gedichte)

 

BUCHtipp

Geschichten aus Witten

Das Glück hat so viele Gesichter! Die Glücksgeschichten erzählen von Menschen, die etwas bewegen oder bewegt haben, von positiven Entwicklungen, von Mutmachern und Hoffnungsgestalten.
In Witten kann man glücklich sein! Begeben Sie sich mit der Autorin auf einen Spaziergang durch die herrliche Natur der Stadt an der Ruhr wie am Hohenstein, am Kemnader See, am Hammerteich oder auch in Bommern. Erfahren Sie, was der frühere Bergbau mit glücklichen Schweinen zu tun hat, und staunen Sie über die Pfiffigkeit der Bergleute, die sich ›einen auf die Lampe gießen‹ wollten. Lesen Sie von Wittener Erfindungen, wie der Kohle-Margarine und von einer wunderschönen Kombination aus Stadtbücherei und Museum. Oder lernen Sie, was es mit dem ›Rheinischen Esel‹ und dem ›Weiberarsch‹ auf sich hat …
Und nicht selten liegen Glück und Unglück nah beieinander: ›Grade nochmal Glück gehabt‹, ›Glück im Unglück‹ – jeder kennt diese Redensarten. Ebenso wie ›Jeder ist seines Glückes Schmied‹. Denn manchmal ist Glück auch das, was man daraus macht. Sind doch Glücksmomente höchst individuell, werden ganz unterschiedlich wahrgenommen und bewertet.
Die 30 Geschichten der Neuerscheinung nehmen Sie mit an aktuelle und vergangene Orte des Glücks mitten in der Stadt und verführen dazu, Witten mit neuen Augen zu sehen. Denn schlechte Nachrichten findet man überall – die guten muss man sehen wollen!

Christine Laurenz-Eickmann
Unsere Glücksmomente
Geschichten aus Witten
Wartberg Verlag
80 Seiten · gebunden · 12,00 Euro
Erhältlich überall dort, wo es Bücher gibt.

Weitere Infos über Christine Laurenz-Eickmann finden sich unter
http://www.gedichte-nach-stichworten.de

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