Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Riecht das, oder ist das Kunst?

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Über Geruchskunst und Kunst, die riecht

Von Maika Letizia Wolff

Wer kennt das nicht, man geht spazieren und auf einmal steigt einem der Duft von frisch gemähtem Heu in die Nase. Ohne es kontrollieren zu können, fühlt man sich versetzt in seine Kindheit, wo das gemähte Gras noch auf der Wiese blieb. Oder man geht durch die Stadt und eine fremde Person huscht schnell an einem vorbei, aber halt, das Parfum, das kenne ich, so duftet meine Oma doch auch.

Duftstoffe sind ausschließlich flüchtige Verbindungen, denen wir uns nicht entziehen können, und die dadurch entstehenden Assoziationen und Verknüpfungen sind von einer starken emotionalen Kraft.
Wer aber über das Riechen spricht, muss bei der Luft beginnen. Jeden Tag atmet ein Mensch bis zu 24.000 Mal und bewegt dabei 12,5 Kubikmeter Luft. Mit jedem Atemzug, der gemacht wird, strömen Geruchsmoleküle durch den Körper, selbst im Schlaf. Der Mensch riecht immer.

Gerüche und Düfte begleiten jeden einzelnen ein ganzes Leben, und doch ist der Geruchssinn der am wenigsten untersuchte, am meisten unterschätzte, aber auch unmittelbarste Sinn des Menschen.

Während visuelle, haptische und auch akustische Signale erst in der Großhirnrinde des Gehirns verarbeitet werden müssen, wirken Düfte im Gehirn direkt auf das sog. Limbische System, wo Emotionen, also Gefühlszustände, entstehen und analysiert werden.
Verschiedene Bildungseinrichtungen setzten in den letzten Jahren zunehmend auf geruchliche Effekte, indem sie sich zum Ziel machten, multisensorisch zu arbeiten, um somit bestimmte Sachverhalte eindrucksvoller zu vermitteln. So versuchen bspw. historische Museen wie das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden das Eintauchen in vergangene Zeiten durch den Zusatz von Gerüchen zu verstärken. Hier synthetisierte zum Beispiel die Künstlerin und Geruchsforscherin Sissel Tolaas den Gestank der Schlachtfelder im ersten Weltkrieg. Die Geschichte soll dadurch erfahrbarer gemacht werden, und somit führt der Geruch zu einem neuen Medium in der Vermittlung. Aber nicht nur in historischen Museen, sondern auch in Kunstmuseen hält der Geruch Einzug. Gerade zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen experimentieren u. a. mit Düften und Gerüchen und konfrontieren den Besucher damit, den Nasensinn zu benutzen.

Es gibt keine klare Definition des relativ neuen Begriffs der olfaktorischen Kunst, also der Geruchskunst.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Museum, schließen die Augen und riechen Schokolade. Vor Ihrem inneren Auge erscheint eine Schokoladentorte mit Sahne oder eine Tafel Schokolade oder eine Tasse Kakao. Wenn Sie dann die Augen öffnen, erblicken Sie ein zunächst befremdlich wirkendes Objekt. Zwei Puppenbeine ragen aus einem mit Kakaopulver gefüllten kaputten Plastikbehälter. Der Geruch ist noch wahrnehmbar, aber das Sichtbare scheint doch eher absurd. Bei dem soeben beschriebenen Kunstwerk handelt es sich um das Werk Puppe in Schokolade (Abb. 01) des Künstlers Dieter Roth aus dem Jahr 1969.
Diether Roth arbeitete u.a. mit Materialien, die per se einen starken Eigengeruch haben wie etwa Lebensmittel. Dennoch steht die visuelle Wirkung im Vordergrund, und der Geruch ist nur Teil des Gesamtkunstwerkes.

Auf der anderen Seite gibt es tatsächlich Geruchskunst. Hierzu zählen Werke, bei denen einzig der Geruch das Kunstwerk ausmacht und visuelle Aspekte entweder ganz verschwinden oder so stark in den Hintergrund treten, dass sie für den Betrachter nicht mehr ausschlaggebend sind. So arbeitet die schwedische Künstlerin Sissel Tolaas. Betritt man als Besucher ihre Rauminstallation The FEAR of Smell – the Smell of FEAR aus den Jahren 2006–2015 (Abb. 02) sieht man nichts. Ein leerer Raum, weiße Wände und einzig und allein die Aufforderung, an den Wänden zu schnuppern. Wahrnehmbar ist hier ein beißender Geruch von verschiedenen Schweißproben. In diesem Fall thematisiert die Künstlerin die Bedeutung von Gerüchen in unserer heutigen Gesellschaft.

Riechen ist nichts Intellektuelles, sondern etwas Sensibles, nichts Erlernbares, sondern etwas Individuelles. Trauen Sie sich ruhig, bei Ihrem nächsten Museumsbesuch einmal die Augen zu schließen und zu riechen!

Kurzvita

Name: Maika Letizia Wolff
Geburtsdatum: 23.03.1991
Geburtsort: Witten

1997–2001 Städt. Gem. Crengeldanzgrundschule
2001–2010 Städt. Schiller-Gymnasium Witten, Abitur
2010–2013 Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften (2-Fach-B.A.) an der Ruhr-Universität Bochum
2013–2018 Kunstgeschichte (1-Fach-Master) an der Ruhr-Universität Bochum

Thema der Masterarbeit:    

KUNST UND GERUCH
Eine Kategorisierung von Geruchskunst und Kunst, die riecht unter Berücksichtigung der Ausstellungspräsentation
Belle Haleine – Der Duft der Kunst in Basel im Jahr 2015

  • Freie Mitarbeiterin im Bereich Kunstvermittlung im Museum Ostwall (Kita- und Schulführungen, Erwachsenenführungen, Kunstkurse und bildungsorientierte Workshopangebote)
  • Freie Mitarbeit als Museumspädagogin im Kunstmuseum Bochum (Kita- und Schulführungen, Erwachsenenführungen, Kunstkurse und bildungsorientierte Workshopangebote)
  • Freie Mitarbeit als Museumspädagogin im Märkischen Museum Witten (Kita- und Schulführungen, Erwachsenenführungen, Kunstkurse und bildungsorientierte Workshopangebote)
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