Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Zeitgenössische Architektur nach 2000

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Architektonische Reise durchs Ruhrgebiet

Moderne (ca. 1910–1960), Postmoderne (ca. 1972–1990) und Zeitgenössische Architektur (ca. 2000 bis heute) sind geprägt durch unterschiedliche, zum Teil gegensätzliche Tendenzen. Davon zeugt eine Vielzahl von interessanten Gebäuden weltweit und natürlich auch bei uns im Ruhrgebiet. Hier sind es insbesondere Großbauten von Konzernen und Unternehmen, aber auch städtische Baukomplexe und Wohnungsbauten. Im vorliegenden Bericht soll es um Bauten gehen, die nach 2000 entstanden sind.

In Witten sind architektonisch herausragende Gebäude nicht so häufig entstanden. Vorreiter ist da die Universität mit ihrem Hauptgebäude und vor allem mit dem Zahnmedizinisch-Biowissenschaftlichen Forschungs- und Entwicklungszentrum (ZBZ), das 2004 fertiggestellt wurde und sich mit seinen zylindrischen Türmen geradezu kontrapunktisch gegen die spitzen Formen des ›Schwesternbaus‹ absetzt und das auch überregional als architektonisches Highlight beschrieben wurde (Abb. 1). Um einen zentralen Turm, der als Eingangs- und Treppenbereich dient und auch die Seminarräume beherbergt, sind drei weitere Türme angeordnet, in denen Diensträume, Institute und Behandlungseinheiten der Zahnmedizin untergebracht sind. Während der Zentralbau mit einer homogenen perforierten Metallhülle verkleidet ist, weisen die anderen drei Gebäude eine vertikal laminierte Fassade mit geschosshohen Fenstern auf. Auf die Innenarchitektur und die interessante wie praktikable Farbgestaltung soll hier nicht weiter eingegangen werden, da wir darüber bereits in einer früheren Ausgabe berichtet haben. Man darf gespannt sein, ob der geplante Erweiterungsbau der Uni erneut eine architektonische Besonderheit in die Region setzt.

Fährt man über die Wittener Stadtgrenzen in Richtung Osten nach Dortmund, entdeckt man direkt an der A44 gelegen die Hauptverwaltung des ADAC in Westfalen (Abb. 2). Das Bauwerk – eine Kombination aus hellen Kalksteinquadern, Aluminium und Glas – ebenfalls von 2004 setzt mit einer Bruttogeschossfläche von 23.000 Quadratmetern und einer Länge von 180 Metern einen markanten städtebaulichen Akzent. Ein repräsentatives Gebäude mit in der Tat skulpturalen Qualitäten. Beeindruckend insbesondere die fast neun Meter breite Freitreppe, die zu einem der zwei Atrien führt. Das Gebäude ist durchaus als eine architektonische Visitenkarte für die Stadt Dortmund zu betrachten. Am Rande des Geländes der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg entstand 2006 ein markanter Kubus-Bau (35 x 35 x 34m) aus hellem Sichtbeton – die ›Zollverein School‹ oder auch ›Sanaa-Kubus‹ genannt (Abb. 3). Die Bezeichnungen weisen einerseits auf eine ursprünglich geplante Privathochschule für Management und Design hin, andererseits auf das japanische Architektenteam (Sejima And Nishizawa And Associates). Auffällig ist die Fassadengestaltung mit 132 Fenstern in vier unterschiedlichen Größen und deren Verteilung auf den Wandflächen mit einer Konzentration auf die jeweils gegenüberliegenden Ecken (Südwesten und Nordosten). Diese Anordnung erfolgte nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern auch aufgrund der Tageslichtsituation und der Berücksichtigung der Ausblicke. So befinden sich die meisten Fenster an der südwestlichen Ecke, also in Richtung des Geländes der Zeche Zollverein. Zum Erhalt der Gesamtoptik sind auch die Türöffnungen quadratisch und von unterschiedlicher Größe. Eine weitere (nicht sichtbare) Besonderheit des Gebäudes ist ein in die Wände einbetoniertes 3.000 Meter langes Schlauchsystem, durch das ungenutztes warmes Grubenwasser aus dem Zechengelände läuft und der aktiven Wärmedämmung dient. Das Gebäude wird heute von der Folkwang Universität der Künste für den Bereich ›Gestaltung‹ genutzt.

Essen als Zentrum des Ruhrgebiets weist noch weitere erwähnenswerte zeitgenössische Bauten wie das Haus der Essener Geschichte / Stadtarchiv auf. Ein monolithisch anmutender Baukörper mit einer Cortenstahl-Fassade (Abb. 4). Ganz abgesehen von der technisch hohen qualitativen Ausstattung lobte der BDA (Bund Deutscher Architekten) diesen Bau auch ob seiner symbolischen Deutung: Stahl schützt das Gedächtnis der Stadt (Stadtarchiv) wie ein Tresor, und Stahl verändert sich durch Alterung (Korrosion). Die so gebildete Schutzschicht steht damit wie kein anderes Material für den Wandel der Zeit. Nicht zuletzt ist die Stadt Essen mit Stahl und der Familie Krupp verbunden. So sei auch noch ein Blick auf das 2010 fertig gestellte ThyssenKrupp Quartier, dem Verwaltungsgebäude des Unternehmens erlaubt (Abb. 5). Eine Campusanlage um einen Wasserplatz mit Gebäuden und Freiräumen, Plätzen und Wegführungen. Im Mittelpunkt steht das sogenannte Q1, ein 50m hoher Kubusbau zusammengesetzt aus L-förmigen Einzelbaukörpern, die ineinander verschränkt sind und so ein zentrales Atrium bilden. Die nördlichen und südlichen Stirnseiten sind verglast und imponieren als riesige Landschaftsfenster. Zusammen mit dem ebenfalls vollverglasten Atriumdach sorgen sie für die optimale Tageslicht Beleuchtung nicht nur des Innenhofs, sondern auch der benachbarten Büroräume.

Während Kirchen in den 60er- und 70er-Jahren noch häufig gebaut wurden, sind seit dem Jahr 2000 in Deutschland allein mehr als 500 katholische Gotteshäuser geschlossen worden und davon rund 1/3 abgerissen. Nur ca. 50 neue Kirchen sind entstanden, davon im Ruhrgebiet nicht einmal eine Handvoll. Ein architektonisches Kleinod ist die Kapelle der evangelischen Tagungsstätte Haus Villigst in Schwerte, die nach zweijähriger Bauzeit 2007 fertiggestellt wurde (Abb. 6 und 7). Das Äußere der Kapelle hat durchaus skulpturale Qualitäten und erinnert durch die spitzbogenförmig zusammenlaufenden fensterlosen Seitenwände an einen Schiffsbug. Tageslicht erhält der Innenraum über die verglaste Eingangsfront mit Wellenmalerei in verschiedenen Blautönen und einen Oberlichtaufbau über dem Altarbereich. Das kräftige Rotbraun der Außenwände im Kontrast zum Blau des Innenraums assoziiert Ferne, Unendlichkeit, Entspannung, was an diesem Ort zu einer geistigen Versenkung einlädt.

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