Stadtmagazin Witten: Sport und Freizeit

Allez les Boules – lasst die Kugeln fliegen!

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1. Pétanque-Boule-Club Witten e. V.

Frohgelaunt machen wir uns auf den Weg zum Hohenstein. Hier hat heute der Pétanque-Boule-Club Witten zum Schnupper-Boule-Kurs für Kinder und Jugendliche eingeladen. Junge Menschen, Kids in Aktion, leuchtende Augen und Sonnenschein pur ... Wir freuen uns wie Bolle – oder heißt es heute Boule? Doch Moment einmal, auch wenn Gesichter und Sonne durchaus um die Wette strahlen, wo sind denn die Nachwuchssportler? »Leider mussten wir unser Event kurzfristig absagen«, erklärt Bernd Matz, 1. Vorsitzender des PBC, »die angekündigten Temperaturen und damit verbundenen Ozonwerte wären für Mädchen und Jungen einfach zu hoch, auch die Kugeln wären für sie viel zu heiß. Dieses Risiko konnten wir nicht eingehen.« Schade aber auch, andererseits die perfekte Gelegenheit, ganz entspannt von einer im Schatten gelegenen Bank aus am Boule-Gelände gegenüber Haus Hohenstein den Vereinsmitgliedern bei ihrer sonntäglichen Runde zuzuschauen und sich bouletechnisch mal etwas schlau zu machen.

Der Kugel auf den Grund gehen

Heißt es eigentlich Boule oder Pétanque, und was bedeutet letzteres überhaupt, fragen wir neugierig. Bernd Matz schmunzelt. »Die Sportart heißt an sich Pétanque, was die meisten gar nicht wissen. Bei uns in Deutschland benutzt man eher den Begriff ›Boule‹, was auf einem reinen Missverständnis beruht. Vermutlich haben Menschen auf Urlaubsreisen in Frankreich – dem Ursprungsland des Sports – häufig von Spielern Sätze gehört wie ›Je joue avec une boule‹, was übersetzt aber lediglich bedeutet ›Ich spiele mit einer Kugel‹, denn ›boule‹ steht ebenso wie das italienische Wort ›boccia‹ nun einmal für Kugel beziehungsweise Ball.« Es gibt übrigens mehrere Kugelsportarten in Frankreich, darunter eben auch Pétanque, erfahren wir von ihm. Es handelt sich dabei um eine Präzisionssportart mit kleineren, etwas leichteren Kugeln und weniger Bewegungsmomenten als beim traditionellen Spiel ›Jeu Provençal‹, wie es bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Frankreich bei Jung und Alt, Soldaten und Bürgern allgemein beliebt war. »Der Erfinder des Pétanque war der Rheuma-geplagte Franzose Jules Le Noir«, erklärt Bernd Matz. »Irgendwann war er nun mal nicht mehr in der Lage, die üblichen drei Anlaufschritte zu machen und schwere Bälle gezielt zu werfen. Also kam er auf die Idee, mit weniger Bewegung, Distanz und Gewicht zu arbeiten. Der Spieler steht dabei mit geschlossenen Füßen an einer festen Position, und genau dies ist die Grundlage für den Namen. Geschlossene Füße heißt auf Südfranzösisch ›ped tanco‹ – voilá: Pétanque.«

400–500 Kniebeugen pro Wettkampf

Geschlossene Füße an einer festen Position bedeuten aber auf keinen Fall mangelnde Energie und/oder Langeweile, wie auch beim Blick auf die parallel stattfindenden ›Wettkämpfe‹ der Vereinsmitglieder festzustellen ist. Im Gegenteil: Es wird mit Schwung geworfen, das ›Schweinchen‹ präzis touchiert und die ein oder andere gegnerische Kugel energisch weggekickt. »Leider entsteht oftmals der Eindruck, es sei eine Beschäftigung für alte Leute, die sich nicht mehr so gut bewegen können«, bedauert Bernd Matz. »Das stimmt so nicht. Selbst wenn es ein großer Vorteil ist, Pétanque auch noch im Alter ausüben zu können, so verlangt es ambitionierten Sportlern so einiges ab. Beispielsweise müssen im Laufe eines Wettkampfs durchaus 400 bis 500 Kniebeugen absolviert und mehrere 100 Kilogramm durch die Luft geworfen werden – eine Präzisionssportart, die viel Einsatz erfordert.«

Frische Luft, Mannschaftsgeist, Präzision und Dynamik

Überhaupt ist seiner Überzeugung nach Pétanque ein Sport mit vielen Vorzügen. »Es verbindet Mannschaftsgeist mit frischer Luft, erfordert ein gutes Auge und Kugelgefühl, aber auch Präzision und Dynamik. Nicht umsonst wird es mittlerweile weltweit in mehr als 100 Ländern ausgeübt. In Frankreich ist es immerhin die größte nicht-olympische Sportart und wird selbst an Schulen im Sportunterricht mit behandelt. Auch in Thailand steht Pétanque ganz weit oben bei Sport- und Freizeitbeschäftigungen.« Und wie schaut es in Witten aus, möchten wir wissen. »Gut«, schmunzelt er. »Mittlerweile gibt es unseren Verein seit 17 Jahren und wir haben 46 Mitglieder, die sich regelmäßig zu Spielen oder Trainingseinheiten zusammenfinden. Wenn Wetter und Arbeit es zulassen, treffen wir uns täglich! Ein absoluter ­Höhepunkt ist natürlich unser jährliches Boule-Turnier, das mittlerweile durchaus mehrfache Deutsche Meister anzieht, ebenso wie Topspieler aus den Niederlanden oder Belgien. Es kann übrigens jeder teilnehmen, der mag – eine Lizenz ist nicht nötig. Und glauben Sie mir, wir erleben oft die ein oder andere Überraschung von unbekannten Teilnehmern. Selbst absolute Anfänger haben hier schon für unerwartete Erfolge gesorgt.«

Die Jugend begeistern

Einen Wunsch hat der Vereinsvorsitzende aber doch für die Zukunft. »Zu unserem Verein gehört auch ein zehnjähriger Spieler, ein richtiges Talent. Wir würden uns aber riesig freuen, wenn noch mehr junge Menschen unseren Sport für sich entdeckten. Von daher ist es natürlich schade, dass unser Jugend-Schnupper-Boule-Kurs heute ausfallen musste. Aber wir haben bereits einen Nachholtermin angesetzt – am 18. August – übrigens nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Familien. Schließlich lässt sich Pétanque hervorragend gemeinsam mit Eltern, Großeltern, Onkel und Tante spielen. Sollten Sie an diesem Datum nicht können, so sprechen Sie uns einfach an, wir würden uns freuen, Sie an einem anderen Tag bei uns zu einem sportlichen Familientreffen willkommen zu heißen. Und auch Schulen, die vielleicht an einem Pétanque-Projekt interessiert sind, helfen wir ausgesprochen gern weiter. Es wäre für uns wirklich schön, Kinder und Jugendliche für diesen wunderbaren Sport zu begeistern.«

Weitere Infos finden sich unter: www.pbc-witten.de

Wettkampfarten

Tete à tete: 1 Spieler gegen 1 Spieler
Doublette: 2 Spieler gegen 2 Spieler
Triplette: 3 Spieler gegen 3 Spieler

Wörterbuch

Pointer (frz. für auf den Punkt spielen) bezeichnet den Vorgang, die Kugel so nah wie möglich an die Zielkugel zu befördern.
Tirer (frz. für ziehen, feuern, abschießen) = die gegnerische Kugel wegschießen
Cochonnet (frz. für Ferkel) ist die französische Bezeichnung der Zielkugel im Boulespiel. Der Begriff soll sich davon ableiten, dass sie früher aus Schweineknochen gefertigt wurde. Bei uns in Deutschland wird sie Schweinchen genannt, in manchen Regionen sogar Sau oder Wutz.

Kugel ist nicht gleich Kugel

Den Mitgliedern des PBC liegt neben der sportlichen Leistung auch die ›Machart‹ des ›Werkzeugs‹ am Herzen. Bernd Matz: »Kugel ist nicht gleich Kugel. Dabei geht es um mehr als Gewicht und Größe, die natürlich optimal zum Spieler passen sollten. Noch wichtiger ist aber die Qualität als solche. Manche Hersteller aus Fernost arbeiten hier mit minderwertigem Metall und füllen den erforderlichen Hohlraum mit ungeeigneten Materialien, die durch Feuchtigkeit und/oder Wärme mit dem Metall korrodieren und ein Gasgemisch entstehen lassen können. Im schlimmsten Fall kann dies die Kugel zum Platzen bringen, wie vor drei Jahren in der Nähe von Düsseldorf geschehen. Auch die Verarbeitung der Schale sollte professionell gemacht sein. Aus diesem Grund ›arbeiten‹ wir ausschließlich mit hochwertigen Kugeln, die übrigens aus einem Zentrallager hier in Witten kommen.«

Spielzeiten

Die Vereinsmitglieder treffen sich regelmäßig zum Spiel/Training am Boulodrôme direkt neben Haus Hohenstein je nach Wetterlage und Auswärtsspielen
dienstags ab ca. 15 Uhr
freitags ab ca. 14 Uhr
samstags und/oder sonntags ab 14 Uhr

Termintipps

Nachholtermin Jugend-Schnupper-Boule-Kurs (auch für Familien)
So. 18.08. ab 10.30 Uhr bei Haus Hohenstein

Das 17. Wittener Boule-Turnier auf Zeche Nachtigall findet am 25.08. statt.

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