Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

›Hymne an die Jungen‹

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Ausstellung im Märkischen Museum verbindet Künstlergenerationen

Das Informationsblatt zur Ausstellung in der Hand, aber ohne es angesehen zu haben, gehe ich in den zweiten Stock des Märkischen Museums und will die Ausstellung erst einmal ganz intuitiv auf mich wirken lassen. Durch die offen stehende Tür des ersten Raums strahlt mich ein kunterbuntes Gemälde mit lustigen Gesichtern an, die etwas zwischen Smileys und Pikachu sind. Gleich denke ich an Computerspiele und die Frage, ob es sich bei der ›Hymne an die Jungen‹ jetzt um kleine männliche oder junge Menschen handelt, hat sich sofort geklärt. Hier geht es um eine junge Generation. Im Raum angekommen schweift mein Blick von den fröhlichen Gesichtchen nach rechts auf ein Bild, und ich bin irritiert: Das gleiche Pikachugesicht ist hier in Grau und Schwarz mit ausgebrannten Augen gemalt. Ich wende mich um und an der Rückwand erkenne ich Totenköpfe. Ein zweiter Gedanke schießt mir in den Kopf: Bei der ›Hymne an die Jungen‹ geht es nicht um die strahlende und freudige Jugend allein. Vergänglichkeit und Tod sind mit im Raum.

Gleichzeitig anwesend an der linken Wand ist Kunst, die auch mir – der ungeübten Museumsbesucherin – als Werke aus einer viel älteren Epoche bekannt sind. Der Maler Hans Kaiser, der mit vielen Werken zum festen Bestand hier im Wittener Kunstmuseum gehört, ist mit zwei kleinen Portraits und Zeichnungen ausgestellt. Bei den schwarz-weiß ›Kritzeleien‹ weiß man nicht, ob es sich um Stacheldraht oder geheimnisvolle Zeichen handelt, die im Ganzen vielleicht einen Kopf darstellen sollen. Der dritte und eigentliche Aspekt der Ausstellung ist gleich hier zu Anfang präsent. Es war Hans Kaiser, der 1982 im Alter von 68 Jahren kurz vor seinem Tod das Gedicht ›Hymne an die Jungen‹ schrieb und damit einer neuen und jungen Künstlergeneration den Vortritt lassen wollte. Genau dieser Gedanke ist der Ausgangspunkt für die aktuelle Ausstellung hier in Witten: Der postmoderne junge und moderne Teil nach dem sogenannten ›Informellen‹ kommt zum Zug. Hier ist wenig abstrakt, keine knatternden Videoinstallationen oder in den Raum geworfenen Gegenstände – nein –, in dieser Ausstellung der Jungen sind die Besuchenden schnell im Thema.

Und so fällt der Blick diagonal in den nächsten Raum auf ein farbenfrohes Gemälde, das gleich Assoziationen an eine Vulva weckt, links begleitet von einem gelben Bild, bei dem die Fantasie gleich einen Eierstock mit Eisprung erkennen will. Der Maler Thomas Helbig beschäftigt sich gerne mit sexuellen Themen, die hier zwar deutlich und doch angenehm wirken. Weiter diagonal in den dritten Raum blickend bin ich sofort angezogen von dem Titelbild der Ausstellung. Eine Figur mit langen blonden Haaren kehrt mir den Rücken zu und blickt auf eine türkisfarbene Leinwand. Beim Näherkommen erfasst mich ein kleiner Schock: Die Puppe sitzt in einem Rollstuhl und hat keine Beine. Hier ist es wieder: das Thema von Jugend und Vergänglichkeit. Da kann auch die provozierende Coca Cola Reklame rechts an der Wand nicht mehr helfen. Eher erscheint sie noch mehr als sonst als eine Karikatur des gesunden und gebräunten Körpers am Meer. Die in der Werbung unzerstörbar scheinende gute Laune ist mehr denn je entlarvt.

Ich gehe zurück zu der blonden Schönheit, deren Rollstuhl sich im am Boden angebrachten Spiegel sogar als Toilettenstuhl enttarnt und sehe auf den zweiten Blick, dass es vielleicht gar keine Sie ist. Der Körper männlich, die Gesichtszüge unter den blonden Haaren eher kantig vermischen die Geschlechterrolle, auf die sich das Gehirn beim ersten Blick festgelegt hatte. Und trotz der nun erkannten Unvollkommenheit wird der hier dargestellte junge Mensch von einem wohligen Wärmegebläse und dem Blick in die türkise Weite in eine Sehnsuchtswelt entrückt, die Meer, Sonne und das Paradies verspricht. Auch in diesem Raum ist Hans Kaiser mit einem sehr klassischen Gemälde eines kleinen Mädchens vertreten, und mir wird klar, so kann es kommen: Das real gemalte Bild des süßen Kindes war einmal – hier zeigen die jungen Künstler mit dem Finger auf die romantische Lüge der Älteren.

Ich besuche die anderen Räume und freue mich über den letzten, in dem die Künstlerin Jana Schumacher eine riesige Kratzarbeit ausstellt. Wer entsinnt sich nicht daran, in Kindergarten und Schule ein Blatt Papier erst ganz bunt mit Wachsmalstiften bedeckt zu haben, über die eine dicke schwarze Schicht kam. Und dann haben wir mit kleinen Kratzutensilien die Farbe wieder zum Vorschein gebracht. Die Erinnerung an das kindliche Spiel mit der Freude am Verstecken und Wiederentdecken zaubert mir hier ein Lächeln aufs Gesicht. Und doch steckt hier mehr dahinter, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Künstlerin hat eine Weltkarte schwarz lackiert und reale Sturmverläufe von Zyklopen wieder herausgeritzt.

Nachdenklich und doch inspiriert verlasse ich die Ausstellung und weiß einmal mehr, warum Kunst so wichtig für unsere Gesellschaft ist: Kunst muss ja nicht gefallen, sie kann provozieren und irritieren, aber sie aktiviert unser Denken und macht uns zu sozialeren Menschen. Wer sich eine halbe Stunde auf die Ausstellung eingelassen hat, wird mit weit offeneren Augen wieder aus dem Museum in die Welt hinaustreten. Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit werden ersetzt von einem tiefen Bewusstsein für unsere Existenz. Draußen empfängt mich die Wittener Sonne, und auch wenn ich die Wärme und das Licht genieße und tief einatme, denke ich im selben Moment an unsere Zerbrechlichkeit hier in Witten und auf der ganzen Welt. So wie die Ausstellung zwei Seiten von Jugend zeigt, hat auch die Sonne ihre zwei Aspekte: Leben spendend und gleichzeitig tödlich.

Die Ausstellung ›Hymne an die Jungen‹ ist noch bis zum 22.09.2019 im Märkischen Museum zu ­sehen. Öffnungszeiten: Mi., Fr.–So. 12–18 Uhr; Do. 12–20 Uhr, Eintritt 4 Euro, erm. 2 Euro

Das Märkische Museum Witten verfügt über eine Sammlung von rund 5.000 Werken deutscher Malerei und Grafik des 20. Jahrhunderts. Einen Schwerpunkt bildet das deutsche Informel. In der Wechselausstellung ›Hymne an die Jungen‹ werden die Bilder und Installationen der Künstler*innen Shahin Afrassiabi, André Butzer, Ben Cottrell, Ina Johanna Götte, Thomas Helbig und Jana Schumacher den Werken Hans Kaisers gegenübergestellt.

Die aktuelle Ausstellung wurde kuratiert von ­Cora Waschke. Die promovierte Kunsthistorikerin aus Berlin hat seit 2012 schon zehn Ausstellungen u. a. in Hamburg, Prag, Bielefeld und Soest konzipiert und gestaltet.

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