Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Brutalismus

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Architektonische Reise durchs Ruhrgebiet

Um es gleich vorwegzunehmen, der Begriff Brutalismus leitet sich nicht von dem Wort brutal ab, wenn auch einige Kritiker diesen Baustil gerne so bezeichnen, sondern von ›béton brut‹ aus dem Französischen und bedeutet ›roher Beton‹. 1950 vom schwedischen Architekten Hans Asplund geprägt, weist dieser darauf hin, dass als wichtigster Baustoff Sichtbeton verwendet wurde. Das heißt, der Beton wurde in seiner Rohform belassen und weder verputzt noch verblendet. Damit waren die entstandenen Gebäude im herkömmlichen Sinne nicht schön oder gar gefällig, sondern wirkten tatsächlich für einige Betrachter brutal und hässlich. Eine gewollte Provokation der Architekten!

So ließ die Kritik bezüglich dieses Baustils auch nicht lange auf sich warten. ›Betonwüsten‹, ›Verschandelung‹ bis hin zu ›grauen Höllen‹ waren keine seltenen Kommentare. Einer der Urväter dieser ›Bauform‹ war der weltbekannte Architekt Le Corbusier, dessen Baustil für klare einfache Baukörper steht, die sich aus geometrischen Grundformen wie Rechteck, Kreis und Quadrat zusammensetzen. Bekanntgeworden ist er u. a. durch die Kapelle Notre Dame du Haut von Ronchamp. Seine Blütezeit hatte der Brutalismus zwischen 1953 und 1967, blieb aber bis in die 1980er-Jahre präsent. Entsprechende Bauwerke finden sich nicht nur in Europa, sondern weltweit, so auch in Afrika, Südamerika, Japan, selbst in Papua Neuguinea. In den 1990er-Jahren geriet der Brutalismus dann in Verruf und galt für viele Kritiker als ›ästhetischer Vandalismus‹. Nicht zuletzt auch deshalb, weil viele der Bauwerke tatsächlich ungepflegt erschienen, da der Beton über die Jahre hinweg stark verschmutzt, mit Algen bewachsen und dem Zerfall ausgesetzt war. Und so scheiden sich die Gemüter bei der Beurteilung der Betonbauten. Für die einen die interessantesten Bauten der Moderne schlechthin (auch für den Autor), für die anderen einfach hässliche, die Städte verschandelnde Gemäuer.

Da in den späten Nachkriegsjahren in Deutschland und besonders auch im Ruhrgebiet sehr viel gebaut wurde, findet man gerade hier überraschend viele, durchaus interessante und auch international bekannte und hochwertige Bauten dieser Art. Nicht nur Wohnsiedlungen, sondern auch Universitäten, Rathäuser, Fußballstadien und nicht zuletzt Kirchen. Gerade letzteren schlug deutlich weniger Unmut entgegen, denn oft sind diese gigantischen Bauten äußerlich zwar unansehnlich, aber im Innenraum trotz des rohen Betons erstaunlich hell und atmosphärisch.

Ein Musterbeispiel dieser Beton-Architektur liegt vor der Haustür Wittens: die Ruhruniversität Bochum. Die erste Universität im Ruhrgebiet wurde seinerzeit in nur zehn Jahren fertiggestellt. Sie wurde als Campus-Universität mitten im Grünen gebaut. Die Gesamtfläche der Anlage mit den Maßen 400 x 900 Meter wird durch ein Achsenkreuz in vier rechteckige Felder geteilt. Während die Ost-West-Achse aus einer Grünfläche besteht, ist die Nord-Süd-Achse mit den Gebäuden besetzt. Im Schnittpunkt der Achsen liegt der Forumsplatz mit Audimax und Bibliothek. Die Idee des Architekturbüros: Die Universität ist der ›Hafen im Meer des Wissens‹, wobei die einzelnen Gebäude Schiffe symbolisieren sollen, und das Dach des Audimax an eine Muschel erinnert (Abb.1 u. 2). Unweit der Uni entstand die Wohnsiedlung Girondelle im Stil eines Terrassenhauses. Durch die aufgelockerte Anordnung der einzelnen Geschosse, bedingt durch Vor-und Rücksprünge der Fassadengestaltung, wirkt der kompakt massige 200 Meter lange Gebäudekomplex eher ›leicht‹ – ja, geradezu verspielt (Abb. 3). Die Anlage verdient keineswegs – wie oft in der Presse tituliert – die Bezeichnung ›Betonwüste‹. Das trifft schon eher für den in Dortmund-Dorstfeld erbauten 16-stöckigen Hannibal-Komplex zu, der übrigens 2017 wegen Brandschutzmängeln geräumt werden musste (Abb. 4). Als das ›kühnste und verwegenste Rathaus der Deutschen‹ und als ›erregendste Vorgänge auf dem Gebiet des Städtebaus unserer Zeit‹ wurde das Rathaus Marl von der Fachpresse nach seiner Fertigstellung im Jahre 1966 bezeichnet (Abb. 5). In der Tat beeindrucken die zwei, als Hängehochhäuser (die ersten in Deutschland) konstruierten Büro-Türme immer noch architekturbegeisterte Besucher. Die offizielle Marler Webseite beschreibt die Hängehochhäuser so: »Aus den Fundamenten wächst jeweils ein großer Betonkern mit Treppenhäusern und Aufzügen. Auf diesem Kern ruht ein ›Pilzkopf‹, an dem die Hängeglieder befestigt sind, die wiederum die Geschossdecken halten und den Türmen ihre feingliedrige Fassade geben …«

Einer der beeindruckendsten Sakralbauten aus dieser Bauperiode ist die von dem Architekten Toni Hermanns geplante Liebfrauenkirche in Duisburg, ein zweigeschossiger kubischer Baukörper aus Stahlbeton mit Flachdach, der eine Unter- und Oberkirche beherbergt (Abb. 6). Über dem Hauptportal befindet sich ein Sandsteinrelief des Bildhauers Karl Heinz Türk. Es zeigt die biblische Szene von Moses mit dem brennenden Dornbusch. Während sich in der Unterkirche immer noch ein kleiner Andachtsraum befindet, dient das weitläufige Kirchenschiff der Oberkirche nach der Profanierung Kunstaustellungen und anderen Kulturveranstaltungen. Beeindruckend ist die Faltwandkonstruktion aus glasfaserarmiertem Plexiglas, durch das diffuses Licht einfällt (Abb. 7). Die Ausstattungsgegenstände wie der Altar mit Baldachin und Kreuz, Wandbilder und Mosaiken sowie die farbigen Fenster von Georg Meistermann und Gérard Lardeur stammen übrigens aus der Vatikankirche der Expo Brüssel 1958. Eine Stiftung unter dem Vorsitz von Wolfgang Esch, dem der Autor an dieser Stelle für das hoch interessante Gespräch dankt, kümmert sich um den Erhalt und die kunsthistorische Aufarbeitung der Kirche. Ein Vorgehen, das leider bei vielen der Bauten des Brutalismus nicht erfolgt. Sie werden zunehmend abgerissen und entsorgt und verschwinden somit aus dem Stadtbild vieler Städte. Schade.

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