Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Hundert Jahre Singfreude

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Der Wittener Bach Chor feiert Jubiläum

Es ist ein munteres Treiben vor der Chorprobe. Nach und nach trudeln die Sängerinnen und Sänger im Gemeindesaal der Martin Luther Gemeinde an der Ardeystraße ein. Sie bringen selbst gekochte Marmelade, Gartenkräuter und ein Sparschwein mit. Wer etwas anzubieten hat, gibt es für kleines Geld an die Chorschwestern und -brüder ab. Neben dem Mitgliedsbeitrag sind diese kleinen Zusatzspenden wichtig, um die teuren Konzerte zu finanzieren. Zwar singen hier alle ehrenamtlich, aber für das Jubiläumskonzert am 30. Juni in der Erlöserkirche müssen Solisten und ein Orchester engagiert werden.

Es tönen die Lieder …

Um Punkt viertel vor acht geht es los mit dem Einsingen. Chorleiter Gerhardt Marquardt packt stapelweise Noten aus seiner Aktentasche, nimmt hinter dem Klavier Platz und lässt zuerst alle tief durchatmen. Langsam stimmt er die ersten Töne an, und nach und nach füllt der Klang der Stimmen den Raum. Richtig warm gesungen stimmen alle das bekannte Frühlingslied ›Es tönen die Lieder‹ an, und beim ›la lalla lalla lalla la la‹ entwickeln alle Stimmen ihre volle Kraft. Glockenhell klingen die Soprane, und Bass und Tenor untermalen sonor. Jetzt kann es losgehen mit dem eigentlichen Programm. Die Chorwerke von Bach und Händel müssen schließlich noch ein wenig geübt werden. »Ich habe ja hier mit Laienmusikern zu tun, aber es ist wunderbar, was beim Konzert dabei herauskommt«, so der Kirchenmusikdirektor. »Konzerte haben etwas Endgültiges. Was da abgeliefert wird, kann niemand mehr zurücknehmen.« Seit 1990 leitet er den Wittener Bachchor. Was ihn antreibt ist die Freude, Menschen die Kirchenmusik näher zu bringen. »Die meisten Werke gibt es ja auf CD, aber sich jede Note und das ganze Werk selbst zu erarbeiten, das hat doch schon eine andere Qualität.«

Musik soll trösten und Licht in die Herzen bringen

Mit Gerhardt Marquardt begann vor fast 30 Jahren die dritte Phase des Bach-Chors. Angefangen hatte alles 1919 mit dem passionierten Kirchenmusiker Erich Näscher. Er war aus Leipzig, der Stadt des Thomaskantors Johann Sebastian Bach, nach dem Ersten Weltkrieg nach Witten gekommen und hatte sich als Kantor an der Gedächtniskirche ein Ziel gesetzt: Die Musik sollte trösten und Licht in die Herzen der Menschen bringen. Aus dem anfänglichen ›Kirchenquartett‹ wurde bald ein ausgewachsener Chor mit etwa 25 Sängerinnen und Sängern. Bereits 1930 gab es bereits 50 Mitglieder, die damals als ›Wittener Chor für Kirchenmusik‹ zwei große Konzerte im Jahr gaben und viele Gottesdienste bereicherten. Dazu pflegte Erich Näscher die Tradition der Motette, einer kirchenmusikalischen Andacht. Manchmal spielte er nur selbst die Orgel, dann sangen Solisten und oft eben auch der Chor. Bereits 1931 zählte das Programm die 50. Motette. In zwölf Jahren muss er jedes Jahr mehr als vier dieser abendlichen Kirchenkonzerte dirigiert haben. Der Chorleiter konnte viele junge Menschen gewinnen, auf die er teilweise bei seiner Arbeit an Schulen aufmerksam wurde oder die er einfach ansprach.

Konzerte auch in schweren Zeiten

Erich Näscher installierte auch die Bachfeste in Witten. Noch 1939, also im Jahr des Kriegsbeginns, gab es insgesamt zehn Aufführungen über das ganze Jahr verteilt zum 4. Wittener Bachfest. Auch in den folgenden Jahren lag die musikalische Arbeit nicht ganz brach. Trotz der Abwesenheit vieler Männerstimmen, die als Soldaten eingezogen worden waren, zeugt ein Gang ins Stadtarchiv Witten von zumindest einem großen Konzert am 16. Mai 1943. Erich Näscher hatte es neben seiner Verpflichtung als Truppenführer der Luftschutzpolizei geschafft, ›Die Schöpfung‹ von Haydn auf die Beine zu stellen und den Erlös zu Gunsten des Deutschen Roten Kreuzes zu spenden.

Der musikalische Anspruch wuchs

Nach dem Krieg leitete er die Sangesgemeinschaft noch fast fünfzehn Jahre weiter, seit 1949 nun unter dem Namen Wittener Bachchor. Nach einem kurzen Intermezzo übernahm 1966 wieder ein junger Dirigent das musikalische Zepter. Mit dem Kantor Henning Frederichs begann die zweite stilprägende Phase des Singkreises. Er war Leiter des musischen Zentrums an der damals noch im Ausbau befindlichen Ruhr Universität Bochum und brachte von dort viele Studenten mit. Der musikalische Anspruch wuchs, und opulente Konzerte wie die ›Matthäuspassion‹ von Bach, aber auch die ›Carmina Burana‹ von Carl Orff machten den Wittener Bach Chor zu einer festen Institution in der Stadt. 1982 war es 400 Jahre her, dass die Reformation in der Ruhrstadt angekommen war, und zum Jubiläum führte Henning Frederichs mit seinem Chor die von ihm selbst komponierte biblische Sensopera ›Petrus‹ im Saalbau urauf.

Anspruchsvolle Herausforderungen

Er installierte auch regelmäßige Probenwochenenden auf der Jugendburg Gemen und intensivierte die Begegnungen mit der französischen Partnerstadt Beauvais. Obwohl sein Herz an dem Chor hing, war es einigen der Sängerinnen und Sänger vielleicht doch ein wenig zu viel. Dass sie nicht mehr wie bei Erich Näscher in der Chorprobe stricken durften, konnten sie verschmerzen, aber Henning Frederichs unerbittlicher Leistungsanspruch war für einige eine echte Herausforderung. Der Chor litt unter Mitgliederschwund. Der musikalische Leiter formulierte es selbst so: »Vor den Konzerten ist es die Hölle. Während des Konzerts ist es der Himmel. Und danach steht man wieder auf der Erde.« So folgte Henning Frederichs 1987 dem Ruf einer Professur an die Musikhochschule in Köln. Die Stadt Witten schenkte ihm zum Abschied einen Kompositionsauftrag für ein Chorwerk, das zu den Wittener Tagen für Neue Kammermusik 1989 aufgeführt werden sollte. Dazu kam es nicht mehr. Frederichs komponierte zwar seinen ›Hiob‹, aber für die gewaltige Aufführung mit Chor, Orchester und Tänzern fand sich in Witten kein geeigneter Ort, so dass die Uraufführung im Altenberger Dom und ohne den Bach-Chor stattfand.

Kraft, Lebendigkeit und Lebensfreude

Es dauerte drei Jahre, bis 1990 mit Gerhardt Marquardt aus Gevelsberg wieder ein junger, hochmotivierter Kantor nach Witten kam. Besonders seine Kooperationen mit den Chören in Gevelsberg und Schwelm senken die Kosten für die großen Aufführungen, und die lange Probenarbeit lohnt sich viel mehr wenn es nicht nur ein, sondern drei Konzerte gibt. Es ist die Synergie aus Kraft, Lebendigkeit und Lebensfreude, die er mit seiner Begeisterung für die Musik und den Chor versprüht, die für viele der heutigen Mitglieder entscheidend zur Motivation beiträgt und sie gerne zu Höchstleistungen antreibt. Ein älterer Herr meint zum Abschied: »Wir kommen alle nur wegen Herrn Marquardt hierher.«

Das festliche Jubiläumskonzert zum hundertjährigen Bestehen des Bachchors bietet am 30. Juni um 17 Uhr Werke von Bach und Händel in der Erlöserkirche in Annen.
Am Sonntag, den 24. November, wagt sich der Chor an das zeitgenössische Requiem von Karl Jenkins in der Johanniskirche.
Willkommen zu den Proben montags um 19.45 Uhr in der Martin Luther Kirchengemeinde sind alle, die Freude am Singen haben. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.
Kontakt: Peter Mölders
Tel. 0 23 02 / 8 54 06
www.wittener-bachchor.de

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