Stadtmagazin Witten: Gesundheit und Wellness

Blick über den Tellerrand

Foto(s) zum Vergrößern anklicken

Quellenangabe in den Vergrößerungen

Studiengang Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Einschränkungen

Wenn uns eine Krankheit erwischt, denken wir vermutlich vorrangig an Dinge wie Arztbesuch, Medikamente und Therapie. Dies reicht bei komplexeren gesundheitlichen Problemen aber bei weitem nicht aus, hier sind die Betroffenen auf eine wesentlich umfassendere Unterstützung angewiesen. Daran sind in der Regel viele Berufsgruppen – direkt oder auch indirekt – beteiligt. Seit 2012 bietet die Universität Witten/Herdecke als einzige Hochschule in Deutschland einen berufsbegleitenden Studiengang, der sich mit genau diesem Aspekt beschäftigt: der multiprofessionellen Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Erkrankungen.

Erkenntnisse aus anderen Blickwinkeln

»Unser Ausgangspunkt dabei ist, dass viele Menschen mit chronischen körperlichen und kognitiven Einschränkungen wie zum Beispiel Demenzen, Depressionen, Schmerzsyndromen oder Mobilitätseinschränkungen Unterstützungen aus den unterschiedlichsten Bereichen benötigen«, erklärt Studiengangsleiterin Prof. Dr. Ulrike Höhmann. »Direkt daran beteiligt sind Ärzte, Pflege- und Therapieberufe, aber im Hintergrund natürlich auch Städteplaner, Architekten, Sozialarbeiter oder Verwaltungsmitarbeiter bei Kassen oder Ämtern und viele mehr. Leider ist unser Gesundheits- und Sozialsystem nicht darauf ausgerichtet, dass die diversen Verantwortlichen an den Schnittstellen sich untereinander austauschen beziehungsweise über Erkenntnisse und Informationen aus den anderen Blickwinkeln verfügen. Wir alle müssen lernen, über den eigenen Tellerrand zu schauen, uns mit anderen Profis vernetzen und von ihrem Wissen und ihren Erfahrungen im Sinne des Patienten profitieren. Hier setzt der neue Studiengang an.«

Verstärkung der Interaktionsaktivität

Ein entscheidender Grund für die vorherrschende ›Betriebsblindheit‹ liegt wohl auch in der zunehmenden Spezialisierung in den Gesundheitsberufen. »So nimmt
z. B. der Anteil an Fachärzten deutlich zu, hingegen werden es immer weniger Hausärzte beziehungsweise Allgemeinmediziner, die noch mehr die Gesamtsituation des kranken Menschen im Blick haben«, berichtet Manfred Fiedler, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Lehrstuhls. »Gerade für Spezialisten ist es ein immenser Vorteil zu wissen, was die Kollegen in anderen Fachbereichen tun. Hier möchten wir neue Perspektiven einbringen. Hinzu kommt, dass beispielsweise bei Demenzerkrankten von unterschiedlichen Ärzten oft mehrere Diagnosen gestellt und entsprechende Medikationen verordnet werden, die sich nicht unbedingt sinnvoll ergänzen – im Gegenteil. Hier ist besseres Wissen über die Ziele und Konzepte der anderen nötig. Aus diesem Grund ist es unser Anliegen, die Kompetenz zur Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Berufen zu stärken.«

Herzstück: Projektstudium

In dem Studiengang an der  UW/H geht es aber um weit mehr als den Austausch medizinischer, therapeutischer und pflegerischer Herangehensweisen. Denn es kommen auch Themenbereiche hinzu wie Architektur, Ökonomie, Technik und vieles mehr. »Das Herzstück des aus insgesamt acht Modulen bestehenden Studiums ist ein Projektstudium«, berichtet Prof. Dr. Höhmann. »Auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeiten multiprofessionelle Studierendengruppen aus den diversesten Berufen und Bereichen innovative Ansätze und Ideen für ihre Berufspraxis, die sie dann am eigenen Arbeitsplatz umsetzen. Anschließend reflektieren sie eventuelle Schwierigkeiten, unerwartete Hürden oder aber auch schneller als angenommen erreichte Erfolge bei der Durchführung ihrer Projekte sowie weitere Ausblicke. Begleitet durch ein transdisziplinäres Team erfahrener Lehrender können sie damit sowohl einen direkten Beitrag zur Verbesserung der Situation Betroffener leisten, als auch strukturelle Rahmenbedingungen in den Blick nehmen.«

Produktive Verunsicherung

Insgesamt gesehen ist also nicht nur die Gruppe der Studierenden äußerst heterogen, sondern auch die der Dozenten und Lehrenden. Das ist eine wichtige Voraussetzung für unterschiedliche und inspirierende Sichtweisen auf Konzepte und ­Ideen. So benötigt beispielsweise die innenarchitektonische Gestaltung einer geriatrischen Krankenhausabteilung, die den Patienten ermöglichen soll, sich schnell und instinktiv zurechtzufinden, und dadurch das Wohlbefinden und die Vertrauensbasis stärkt, durchaus ›Gebrauchsanweisungen‹, damit die Pflegenden und Therapeuten die mit den Architekten geplanten Baumaßnahmen auch wirklich so nutzen. Ein anderes mögliches Beispiel: das Konzept von sichernden Maßnahmen im Außengelände einer Senioreneinrichtung. Wäre hier beispielsweise die Anpflanzung einer Hecke eine natürliche, nicht als unangenehm wahrgenommene Sicherheitsgrenze oder müsste es bereits als freiheitsentziehende Maßnahme angesehen werden? »Oder nehmen wir den sprachlich kommunizierenden Roboter, mit dem die alleinlebende, unter Altersdemenz leidende Mutter in unruhigen Situationen und Momenten mit der Stimme der Tochter schnell und unproblematisch beruhigt werden kann«, erzählt Manfred Fiedler. »Was aber ist, wenn die Unruhe durch ein Feuer ausgelöst wurde? Hier wäre die per Roboter übertragene Aussage ›Ganz ruhig Mutti, schlaf weiter‹ wohl wenig hilfreich. Von daher sind gerade die Diskussionen und Beratungen innerhalb des multiprofessionelle Studententeams von großer Bedeutung«, betont er. »Sie erweitern Perspektiven und Sichtweisen, lassen erkennen, wie im Kleinen und Großen Innovation funktioniert. Man kann fast von einer produktiven Verunsicherung sprechen, die den Blick öffnet und damit langfristig eine Veränderung in der Praxis hervorruft – und genau das ist unser Ziel. Dass durch Austausch und offenes Miteinander unterschiedlichster Profis und Experten chronisch erkrankten und/oder dementen Menschen ein möglichst positives Umfeld geschaffen und damit ihre Lebensqualität verbessert wird.«

Der Bedarf steigt

Auch für die Studierenden selbst eröffnen sich interessante Perspektiven. »Die Chancen für die Absolventinnen und Absolventen, ihre beruflichen Tätigkeiten zu erweitern, sind bereits aktuell sehr gut und werden zukünftig weiter wachsen«, führt Prof. Dr. Höhmann aus. »Denn schon heute haben Versorgungsfragen eine zunehmende soziale, politische, ökonomische und kulturelle Bedeutung, und der Bedarf an umfassend qualifizierten Experten, Beratern und Leitungskräften steigt.«

Auf einen Blick

Bei dem Studiengang ›Multiprofessionelle Versorgung von Menschen mit Demenz und chronischen Erkrankungen‹ handelt es sich um ein berufsbegleitendes Studium.
Angesprochen sind alle in ihrem Beruf engagierten Interessenten, die auf unterschiedlichen Versorgungsebenen innovative und ineinandergreifende Lösungen zur Verbesserung der Lebensqualität chronisch kranker Menschen leisten möchten.
Das Studium besteht aus acht unterschiedlichen Modulen, die auch einzeln und unabhängig voneinander mit unterschiedlichen Abschlüssen (Masterstudiengang, Zertifikat CAS 1 und Zertifikat CAS 2) absolviert werden können. Bewerbungsfrist für das kommende Wintersemester ist der 30. August.

Weitere Informationen zum Studium (Zulassungsvoraussetzungen, Inhalte, Termine, Stipendien u.v.m.) finden sich unter: www.uni-wh.de/studium/studiengaenge/multiprofessionelle-versorgung-von-menschen-mit-demenz-und-chronischen-einschraenkungen-ma

NorMultität

Das gemeinsame Lehren und Lernen von Gesundheits- und Nicht-Gesundheitsberufen stellt eine wesentliche Basis des Studiengangs an der UW/H dar. Es handelt sich um eine geradezu revolutionäre Studienform, die sich als äußerst vielversprechend abzeichnet und bei den Absolventen durchweg auf positive Resonanz stößt. Allerdings gibt es bislang keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über diese innovative Vorgehensweise. Aus diesem Grund wird seit einiger Zeit hierzu an der Fakultät der  UW/H ein eigenes Forschungsprojekt betrieben: ›NorMultität – Normalisierung multiprofessionellen Lehrens und Lernens? Barrieren und Bedingungsfaktoren für das gemeinsame Lernen heterogener Professionen‹.
Innerhalb des Projekts befragen Kirstin Schütz und Britta Becker unterschiedlichste Ansprechpartner (Lernende, Lehrende, Alumni, Verantwortliche aus der Organisation Universität) dazu, wie ihrer Meinung nach die förderlichen und hinderlichen Rahmenbedingungen für das gemeinsame universitäre Lernen von Gesundheits- und Nicht-Gesundheitsberufen im Rahmen eines Studiengangs aussehen. Welche Erfahrungen wurden gemacht? Welche Faktoren begünstigen und erschweren multiprofessionelles Lehren und Lernen?
Ziel ist, diese Lern-/Lehrform zu optimieren und zu etablieren, sodass sie eventuell auch in die Berufspraxis überführt werden kann.

Facebook Logo  diese Seite auf Facebook teilen