Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Expressionismus

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Architektonische Reise durchs Ruhrgebiet

Die meisten Menschen verbinden mit Expressionismus vor allem Werke der Malerei und Grafik und erinnern sich an Künstlergruppen wie ›Die Brücke‹ und ›Der Blaue Reiter‹ oder die damit verbundenen Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff, Wassily Kandinsky oder Franz Marc, um nur einige zu nennen. Charakteristisch für ihre Malerei waren freie Formen und die Verwendung von ungemischten Farben, was ihren Bildern eine besonders intensive und expressive Ausdruckskraft verlieh. 

In der Architektur setzte sich der Expressionismus erst am Ende des Ersten Weltkriegs durch, als er in Kunst und Literatur schon wieder rückläufig war, und dauerte bis zur Mitte der 20er-Jahre. Ein Baustil, der fast ausschließlich in Deutschland praktiziert wurde und hier vor allem in Norddeutschland. Wichtige und überregional bekannt gewordene Architekten waren u .a. Erich Mendelsohn mit bspw. seinem Einsteinturm in Potsdam-Babelsberg sowie Fritz Höger, von dem die berühmte Böttcherstraße in Bremen stammt. Häufig verwendetes Baumaterial war Backstein – also Ziegel, die aus Ton gebrannt werden. Brennt man sie bei besonders hohen Temperaturen, heißen sie Klinker. Da sie besonders haltbar sind, wurden sie zurzeit des Expressionismus gern in unterschiedlichen Farbabstufungen von Rot bis Violett verwendet. Man spricht daher in der Fachliteratur auch häufig vom Backstein-Expressionismus. Typisch für expressionistische Bauten sind kantige, spitze und gezackte Formen. Durch die unterschiedliche Setzung der Steine konnte man Muster erzielen, indem man z. B. horizontale Reihen von Backsteinen abwechselnd vor- und zurückmauerte. Einen besonderen Einfluss auf den Baustil hatte auch die bildende Kunst, speziell die Bildhauerei. Für die Fassadengestaltung wurden nämlich häufig Skulpturen verwendet, die den Bauten eine besondere Plastizität verliehen.

Seine größte Verbreitung fand der ›Backsteinexpressionismus‹ übrigens im Ruhrgebiet. In zahlreichen Städten von Dortmund über Gelsenkirchen und Essen bis nach Duisburg findet man interessante und repräsentative Gebäude sowohl in der Industriearchitektur als auch bei Sakralbauten und Gebäuden für das Gemeinwesen wie Rathäuser, Postämter und nicht zuletzt auch private Villen und Bürgerhäuser. Ein besonders beindruckendes Bauwerk ist das Rathaus der Stadt Oberhausen (Abb. 1). Die Konstruktion aus kubischen Bauelementen, die in unterschiedlichen Höhen angeordnet sind, sowie der Wechsel von dunklem Klinker und hellem Naturstein sowie die Arkadengänge lockern die 100 Meter lange Südfassade auf. Bescheidener, aber ebenfalls als Verwaltungsgebäude entstand das Volkshaus Rotthausen (Abb. 2) in einem Stadtteil von Gelsenkirchen nach Entwürfen des Essener Architekten Alfred Fischer, von dem es noch viele weitere Bauten im Ruhrgebiet gibt. So insbesondere auch einige Sakralbauten.
Gerade bei den Kirchen zeigt sich die Vielfalt der architektonischen Gestaltung und die künstlerische Variabilität. Ein Hauptwerk der expressionistischen Architektur generell, aber speziell auch eines Sakralbaus, ist die Kirche ›Heilig Kreuz‹ in Gelsenkirchen (Abb. 3), eine der wenigen sogenannten Parabelkirchen. Die massive, geradezu klotzige Fassade wird aufgelockert durch ein parabelförmiges Fenster, flankiert von Apostelfiguren als roh belassene Steinblöcke. Gekrönt wird das Ganze durch ein riesig gemauertes Kruzifix, das die beiden Kirchentürme verbindet. 2017 wurde die Kirche profaniert (außer Dienst gestellt) und soll nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten als Multifunktionshaus für Kulturveranstaltungen dienen. Eine Innenansicht mit der typischen Parabelarchitektur und der interessanten expressionistischen Ausmalung ist wegen der Bauarbeiten derzeit leider nicht möglich. 

St. Antonius in Castrop-Rauxel, Ickern, (Abb. 4) von dem oben erwähnten Alfred Fischer ist nach eigenen Literaturrecherchen wahrscheinlich die erste Parabelkirche in Europa. Die Außenseite der Kirche zeigt eher eine traditionelle Form mit vorherrschend kubischer Gestaltung, dominiert von rechten Winkeln, geraden Linien mit Ecken und Kanten. Der mächtige Turm gleicht dem Kesselhaus der Zeche Viktor von demselben Architekten. Demgegenüber steht der Innenraum, geformt durch Parabeln, Ovale und Ellipsen. Eine Bauweise, die durch das damals noch neue Spannbetonverfahren ermöglicht wurde. Die Grundform ist die einer Basilika mit Haupt und Nebenschiffen. Die Parabelbögen erinnern an die Hauptstollen im Bergbau, die ebenfalls parabelförmig gestaltet sind. Es gibt keine basilikatypischen Säulen, sondern arkadenförmige Bögen trennen Haupt- und Nebenschiffe. Die Parabel formt, anders als Rund und Spitzbögen, nicht nur das Gewölbe, sondern den gesamten Innenraum. Es entfällt die traditionelle Unterteilung von Decken und Wänden, von oben und unten, was die theologische Interpretation einer engen Verbundenheit von Himmel und Erde, Gott und Mensch ohne Zwischenstufen erlaubt (Abb. 5).

Zwei weitere ebenfalls expressionistische Parabelkirchen mit interessanten Fassaden und Innengestaltungen sind ›St. Ludger‹ in Bottrop (Abb.6) und ›Heilige Schutzengel‹ in Essen (Abb. 7).

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