Stadtmagazin Witten: Menschen

›Mutter, warum weinst Du?‹

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Im Gespräch mit Werner Jacob

Kriegsbeginn … Meine Mutter stand am Wohnzimmerfenster und blickte hinaus in unseren großen Garten. Sie weinte. Mutter war immer so liebevoll und fröhlich, sodass mich mit meinen gerade vier Jahren ein bedrückendes Gefühl übermannte: »Mutter, warum weinst Du?«, habe ich gefragt. Mutter hielt ein Papier in der Hand und erklärte mit erstickter Stimme: »Vater muss in den Krieg!« Es war August 1939 und in der Hand hielt sie den Gestellungsbefehl.

Mit dem Rückblick auf dieses kleine und doch bedeutsame Ereignis beginnen Werner Jacobs Erzählungen ›Mutter, warum weinst du?‹ – Erinnerungen von 1939 bis 1946 des allseits bekannten Witteners. Es ist vielleicht eher ein Büchlein als ein Buch, und doch geht Werner Jacob mit seinen Geschichten enorm in die Tiefe einer von vielen tragischen Geschehnissen geprägten Epoche. »Ich habe meinen Kindern und später meinen Enkeln oft von damals erzählt und aus meiner heutigen Sicht verrückte Situationen zum Besten gegeben. Irgendwann meinte ein Enkelkind: Schreib das doch mal auf, Opa!« Das tat er! Dabei geht es ihm aber um weit mehr, als lediglich die eigene Story zu verewigen. »Je mehr die Geschichte Geschichte wird, umso stärker gerät sie in Vergessenheit. Und gerade im Hinblick auf die aktuelle Situation, in der Rassendiskriminierung und übersteigertes Nationalbewusstsein eine erschreckende Dimension annehmen, ist es mir wichtig, junge Menschen neugierig und nachdenklich zu machen und damit einen Beitrag dafür zu leisten, eine Wiederholung solcher Geschehnisse zu verhindern.«

Ostern kam Vater, der in einem Lager der Dinge harrte, die da kommen sollten, unangekündigt zu einem Kurzbesuch; unglücklicherweise traf er in dem Moment ein, als Mutter mich schreiend vom gemeinsamen Mittagstisch verbannt hatte, weil ich unzufrieden mit dem Essen war. Es klopfte an der Tür, Mutter meinte: »Da kommt der Osterhase!« und herein trat in voller Uniform mein erboster Vater, ging zielstrebig auf mich zu und machte mir mit einer kräftigen Tracht Prügel klar, dass ein »deutscher Junge« nicht zu schreien hat (er hatte »zäh wie Leder, hart wie Krupp-Stahl und schnell wie ein Windhund« zu sein.)
(1941 in Wohmbrechts/Allgäu)

Es sind kleine Momentaufnahmen des jungen Werner Jacob zu Hause in Bommern, aber auch an Lebensstationen wie Wohmbrechts im Allgäu, Löbau in Sachsen oder Nonnenhorn am Bodensee im Zuge der Kinderlandverschickung. Anekdoten aus dem Familien- und Schulleben, Begegnungen mit neuen Nachbarn, Lehrern und Soldaten, Konfrontation mit Krieg und Judenverfolgung … Hatten Sie damals eigentlich Angst, Herr Jacob? »Nein! Aus jetziger Sicht waren es natürlich fürchterliche Begebenheiten, aber in meinem Alter habe ich es mehr als großes Abenteuer erlebt, selbst die Situation, als wir uns Ende des Krieges hier in Witten im Gewölbekeller vor den Tieffliegern in Sicherheit gebracht hatten. Das fand ich nur spannend!« Überhaupt war die Sichtweise des kleinen Steppkes eine völlig andere als heute. »Ich bin ja mit den Ansichten der damaligen Zeit groß geworden und war – wie viele andere Kinder auch – sogar glühender Verehrer Adolf Hitlers. Was habe ich mich mit meinen neun Jahren auf den Eintritt bei den Pimpfen – der Vorstufe zur Hitlerjugend – gefreut.«

Schön war die gelegentliche Zuteilung von gepressten Datteln. Ich hatte schon im Klassenzimmer mit dem Verzehr begonnen, als unser Lehrer ›Ömma‹ Krüger (er fragte als Sportlehrer: »Kannste ömma noch nicht schwömmen?«) wissen wollte: »Jacob, was isst Du da?« – »Datteln, Herr Krüger!“ – »Jacob, weißt du denn auch, wo die Datteln herkommen?« – »Aus dem Ess-Saal, Herr Krüger.« – »Jacob, Du bist in meiner Achtung um die Hälfte gesunken!« Zur Strafe musste ich aus dem Kartenraum die großen Rollen mit den auf Ölpapier gedruckten Landkarten holen, und wir lernten, woher die Datteln tatsächlich kommen; eine pädagogische Meisterleistung!
(1946 wieder zurück in Witten)

Gerade diese Herangehensweise, der offene Umgang mit gestrigen Gefühlen und Ansichten, die Werner Jacob freiweg von der Leber mit der ihm typischen ›Schnodderschnauze‹ ohne Beschönigungen oder Verniedlichungen erzählt, macht sein Buch umso griffiger. Da wundert es nicht, dass auch die WDR-Lokalzeit Dortmund auf das Bommeraner Original aufmerksam wurde und Mitte Januar ein ausführliches Interview mit ihm führte. Wir fragen ihn: Ihre Geschichte war 1946 ja noch lange nicht zu Ende, kommt denn da noch etwas nach? »Auf jeden Fall«, grinst er, »ich sitz schon dran! Erinnerungen an meine Schulzeit, auch da habe ich so einige Stories im Köcher – freuen Sie sich schon mal auf die Döneken!« Machen wir!

›Mutter, warum weinst Du?‹

Eigenverlag Werner Jacob
52 Seiten / 12,95 Euro
Erhältlich im Ticketcenter des Stadtmarketings und telefonisch bestellbar bei Werner Jacob
(Tel. 0 23 02 / 3 22 21)

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