Stadtmagazin Witten: Kunst und Kultur

Jugendstil

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Architektonische Zeitreise durchs Ruhrgebiet IV

Der Jugendstil entwickelte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen ca. 1890 bis 1910. Obwohl es ihn nur 20 Jahre gab, bewirkte er doch eine wichtige Stilwende in der Kunst. Er stand einerseits am Ende des Historismus, einer Stilrichtung, die sich in der Architektur vor allem durch Imitationen vergangener Richtungen wie Romanik, Gotik, Renaissance und Barock, vermischt mit Elementen der Antike, auszeichnete und andererseits am Beginn der Moderne. Die etwas eigentümliche Bezeichnung ›Jugendstil‹ leitet sich übrigens von der Kunstzeitschrift ›Jugend‹ ab, die zwischen 1896 und 1940 in München erschien, und weist darauf hin, dass dieser Kunststil zumindest in der damaligen Zeit als jung, modern und originell angesehen wurde. In anderen europäischen Ländern und den USA ist er unter dem Namen ›Art Nouveau‹ bekannt.

Stilelemente sind dekorative fließende Linien, florale Ornamente, geometrische Formen und die Verwendung symbolischer Gestalten. Typisch ist außerdem die Grenzüberschreitung von Kunst und Handwerk. Interessant ist, dass sich diese moderne Stilrichtung vor allem im städtischen Raum und solchen Regionen ausbreitete, in denen um 1900 ein außergewöhnliches Wirtschaftswachstum zu beobachten war, und damit eben auch im Ruhrgebiet weite Verbreitung fand. Das führte dazu, dass in der Ruhrregion – neben wenigen durchaus erwähnenswerten Sakralbauten – insbesondere Bauten der Industrie, des Handels, aber auch Wohnhäuser des ständig wachsenden Wohlstandsbürgertums im Sinne dieser neuen Zeit entstanden.

Ein architektonisches Schmuckstück aus dieser Epoche ist ohne Zweifel die evangelische Immanuel-Kirche in Dortmund-Marten. Äußerlich wirkt der Bau durch Gestaltungselemente des Historismus eher schwer und konservativ. Der Innenraum dagegen besticht durch seine im Jugendstil farbenprächtige Ausgestaltung. Die Farben Hellblau und Lindgrün beherrschen die Wandflächen, auf denen die Ornamente in Beige- und Brauntönen aufgetragen sind – das Gold bleibt dem den Altarraum beherrschenden Orgelprospekt vorbehalten. Die Ornamentik weist stilisierte Blumen und Blätter, Flechtwerk, griechische Kreuze sowie Spiralformen und Linien auf. Die architektonische Grundkonzeption entspricht dem Wiesbadener Programm. Dieses besagt, dass alle sogenannten Einrichtungsstücke, die der Liturgie dienen – wie Altar, Kanzel, Orgel und Taufbecken (sogenannte Prinzipalstücke) – in der Mittelachse des Innenraumes angeordnet sein sollen und weist damit auf die Gleichrangigkeit von Abendmahl, Predigt und Kirchenmusik im evangelischen Gottesdienst hin (Abb.1).

In Essen ist neben der altkatholischen Friedenskirche mit einem sehenswerten Mosaik im Altarraum vor allem die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Alte Synagoge zu erwähnen, der größte und architektonisch bedeutendste freistehende Synagogenbau Europas aus der Anfangszeit des 20. Jahrhunderts. Dieser imposante monumentale Kuppelbau (Länge 70 m, Breite 30 m, Kuppelhöhe 34 m) wurde in nur zwei Jahren zwischen 1911und 1913 errichtet, geplant von dem bekannten Essener Architekten Edmond Körner, von dem sich viele Gebäude im Ruhrgebiet befinden – in Witten übrigens das Wasserkraftwerk Hohenstein. Das Gebäude überstand weitestgehend die Reichspogromnacht vom 9. November 1938 und den Zweiten Weltkrieg. Heute befinden sich in der Synagoge eine Gedenkstätte und ein politisch-historisches Dokumentationsforum (Abb. 2).

Wie bereits oben erwähnt fiel der Jugendstil in die Zeit der Industrialisierung des Ruhrgebiets, und so ist es nicht verwunderlich, dass Fabrikhallen und insbesondere Zechengebäude in diesem Stil errichtet wurden. Zeche Zollern, ein Steinkohle-Bergwerk im Norden von Dortmund, gehört zu den bekanntesten und architektonisch eindrucksvollsten Bergwerksanlagen im Ruhrgebiet. Einzigartig in Deutschland für einen Industriebau ist das Eingangsportal der zentralen Maschinenhalle mit seiner farbigen Verglasung (Abb.3), ein Werk von Bruno Möhring, einem der renommiertesten Architekten des Jugendstils. Zwar kleiner und eher ›bescheidener‹, aber dennoch ein architektonisches Schmuckstück ist das Maschinenhaus der Zeche Lothringen in Bochum-Gerthe. Die charakteristische Gestaltung fällt durch die tonnenförmige Dachkonstruktion, verzierte Rundbögen mit Jugendstilornamenten sowie den Wechsel von gelben und roten Backsteinflächen auf (Abb.4). Ein harmonisches Erscheinungsbild bietet der Gebäudekomplex der Zeche Waltrop. Mit seinen zwölf Hallen in Backstein und weißem Putzflächenschmuck ist er eines der größten noch erhaltenen Hallenensembles im Ruhrgebiet. Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park wurden die Bauten sorgfältig saniert und dienen heute einer gewerblichen Nutzung (Abb.5). Nicht saniert und renoviert imponiert auch die verlassene und baufällige Ruine der ehemaligen Lohnhalle der Zeche Westhausen in Dortmund-Bodelschwingh und erinnert mit ihrem riesigen Fassadenfenster und dem Doppelportal an einen monumentalen Kirchenbau (Abb.6). Zum Schluss soll noch auf ein ehemals feudales Wohnhaus, später als Hotel und Ausflugsgaststätte genutztes Gebäude – die Wolfsburg – in Mülheim an der Ruhr hingewiesen werden. Entstanden in der Gartenstadtbewegung weist es alle baulichen Merkmale des Jugendstils aus. Heute wird es als Bildungszentrum des Bistums Essen genutzt (Abb.7).

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