Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Vor der Hacke ist es duster, auf Nachtigall bleiben die Lichter an

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Große Bergwerkstour auf der Kleinzeche im Ruhrtal von Bommern: ein Spaziergang durch 300 Jahre wechselvoller Geschichte

Der Bergbau wanderte immer weiter nach Norden, und nun soll am nördlichen Rand des Ruhrgebiets 2018 auch die endgültig letzte Schicht gefahren werden: auf Prosper Haniel in Bottrop. Gegenüber den gigantischen Anlagen der Stahl- und Hüttenwerke, den Bergehalden und Fördertürmen, die zu Landmarken der Region geworden sind, nimmt sich das Industriemuseum im Muttental beschaulich und bescheiden aus. Und doch dokumentiert sich hier ein kompletter Überblick der Industriegeschichte in einem ungewöhnlichen Ensemble.

Weithin sichtbar reckt sich noch der rote Backstein-Schornstein der ehemaligen Ziegelei; der Schiffsanleger und die heutigen Haltestellen der Ruhrtal- und der Muttentalbahn geben über Tage Zeugnis von der Nutzung und dem Transport des schwarzen Goldes. Dabei steht die massige stahlschwarze Dampfmaschine, mit der erst die ausreichende ›Bewetterung‹, die Belüftung der Abbaubereiche, und auch der Tiefbau möglich wurden, im krassen Gegensatz zu den einfachen Werkzeugen der Kumpel, die hier zu sehen sind. ›Händisch‹ musste hier im ›Hettberg‹ gefördert werden, nicht umsonst ist eine der Stationen des Rundgangs die ›Zeche Eimerweise‹.

Mit Schutzhelm 70 Meter tief im Berg

In der Kaue stattet Museumsführer Börje Nolte die Zeitreisenden mit Jacken und Schutzhelmen aus, feste Schuhe und Pullover sollten mitgebracht werden. Alles nicht ohne Grund, denn in den Stollen ist es eng, feucht, die mit Stahlnetzen gesicherte und massiven Eichenbalken gestützte Decke hängt tief. »Alles über eins-sechzig den Kopf links halten«, meint er launig, wer nicht darauf achtet, merkt schnell, was er meint. Wir ›fahren ein‹, auch wenn wir gehen, im Mittel liegt die Lufttemperatur bei 12 Grad – immerhin ist die Überdeckung hier gerade einmal 70 Meter mächtig. In den meisten Ruhrgebietszechen liegen 1.300 Meter zwischen tiefster Sohle und Oberfläche. Aber hier zeigen die Flöze im Sandstein, der in der Erdgeschichte fast grotesk gefaltet wurde, die Reste der Kohle in der Nähe der Mundlöcher noch ›am Stück‹. Unsichtbar sorgen Ventilatoren für einen permanenten Luftzug, das ›Frischwetter‹.

Licht spendete der ›Westfälische Frosch‹

Zwischen 500 und 600 Bergleute fuhren hier ab 1850 täglich ein. Eine unvorstellbare Menge angesichts der rekonstruierten Bedingungen, teilweise liegend oder auf den Knien brachen sie die Brocken mit der Hacke ab, das Gezähe war extra kurz gehalten, weil nicht weit ausgeholt werden konnte. Ein Gefühl für die Knochenarbeit bekommen die Besucher, als Börje Nolte das Licht ausschaltet und nur noch der winzige Strahl aus seiner Helmlampe zu sehen ist – elektrisch betrieben, nicht mehr mit Petroleum wie im ›Westfälischen Frosch‹, der seinerzeit gängigen Messinglampe. Per Einschienen-Hängebahn wurde die Kohle weiter befördert, der Stahlstrang engt den Stollen noch einmal ein. Mit ihr wurde auch ganz bergmännisch und wie einst der Abraum transportiert, der entstand, als der 130 Meter lange Nachtigallstollen ab 1990 als Schaubergwerk ausgebaut wurde, dazu weitere alte Grubenbaue, ein Abbaustreb und der Streckenvortrieb im Flöz Geitling 3, die die vorherrschenden Arbeitssituationen im Kleinbergbau nach 1945 dokumentieren.

Hauerschichten Termine

06.04., 12–17 Uhr
07.04., 11–16 Uhr
13.04., 12–17 Uhr
14.04., 11–16 Uhr
15.04., 15–16.30 Uhr
Grubenfahrt in die Vergangenheit für Erwachsene und Kinder ab 10 Jahren.
Kosten 35 Euro inkl. Essen und Eintritt

Bergwerkstouren

Di–Fr. 10.30, 12.30, 14.30,16.30
Sa + So stündlich 10.30 bis 16.30 (Beginn letzte Führung)
Kinder 1,50 Euro, Erwachsene 3 Euro zzgl. Eintritt

Eine Nische für die Schutzheilige

Den Einblick in den Alltag im Berg erlauben heute auch Details wie die ›Barbara-Nische‹, denn die wachsende Zahl katholischer Arbeiter etwa aus Polen forderte die Präsenz der Schutzheiligen der Mineure, Berg- und Hüttenleute. Auch der unscheinbare Zinkkübel im Stollen bekommt Bedeutung, als Börje Nolte von grassierenden Beschwerden der Kumpel durch Wurmbefall erzählt; kein Wunder angesichts ständig feuchter und gleichbleibend warmer Umgebung.Was der achtlos gebrauchte Begriff ›an der Sonne‹ tatsächlich bedeuten kann und vor allem nach der Schicht vor Kohle bedeutet haben mag, erfahren die Besucher in der gut zweistündigen großen Entdeckertour. Doch die frühere Ringofenanlage, Maschinenhaus und Werkstattgebäude sowie das Infozentrum Geopark haben noch viel mehr aus der Geschichte der Kleinzeche zu bieten.

Langer Weg bis zum Tiefbau

Ab 1714 begannen ansässige Bauern die Kohlenförderung aus einer Kohlenbank im ›Hettberger Holtz‹. 1743 verkauften sie ihre Abbaurechte für 140 Reichstaler an Freiherr Friedrich Christian Theodor von Elverfeldt. 1852 übernahm Ludwig von Elverfeldt (1793–1873) zwar Beteiligungen an schon 39 Zechen an der Ruhr, dies aber mit immenser Schuldenlast. Sein Werk waren dennoch der Übergang zum Tiefbau, der Bau einer Pferde-Kohlenbahn und die Ausdehnung der Bergbauanlage. Bis zur Jahrhundertwende waren üblicherweise gerade einmal acht Bergleute tage- oder wochenweise in den waagrecht vorgetriebenen Stollen beschäftigt.

1832 wurde der erste Tiefbauschacht der Zeche Nachtigall – sinnigerweise ›Neptun‹ – abgeteuft. Denn das Problem des häufigen ›Absaufens‹ im stark wasserführenden Gebirge in der Mark lösten erst Dampfmaschinen aus der Maschinenbauanstalt Friedrich Harkort in Wetter. Die Zechen Eleonore & Nachtigall, Theresia, Wiederlage, Aufgottgewagt, Nordflügel, Braunschweig Nordflügel und Turteltaube Nordflügel schlossen sich dafür zusammen. In diesem Tiefbau-Verbund arbeiteten um 1850/60 zwischen 300 und 500 Bergleute, nach Beschäftigtenzahl und Fördermenge einem der größten der Umgebung. Es kamen der Schacht Catharina der früheren Zeche Theresia und schließlich Schacht Hercules hinzu, der spätere Hauptförderschacht nach erneutem Abteufen.

Seilfahrt mit 500 PS auf 450 Meter Tiefe

Ab 1876 erreichten die Bergleute in der ›Seilfahrt‹ mit Förderkörben im Schacht Hercules die größte Teufe von 450 Metern, gefördert wurden 1878 stattliche 100 000 Tonnen, das Maximalergebnis bis zur letzten Schicht 1892. 500 PS leistete auf Nachtigall ab 1887 die damals stärkste Dampfmaschine im Ruhrbergbau.

Frauen im Bergbau

Von Kohle gezeichnet
Fotografien von Dariusz Kantor
2018 endet die Steinkohlenförderung in Deutschland. Längst Geschichte ist hierzulande die Arbeit von Frauen im Bergbau. Anders in Oberschlesien: Immer noch sind dort Frauen in der mechanischen Kohlenaufbereitung beschäftigt. Der deutsch-polnische Fotokünstler Dariusz Kantor hat ihre Schwerstarbeit in den Jahren 2002 bis 2004 auf zwölf oberschlesischen Zechen dokumentiert – fünf davon sind inzwischen geschlossen. Unter dem Titel ›Von Kohle gezeichnet – Frauen im Bergbau‹ zeigt das LWL-Industriemuseum eine Auswahl seiner Fotografien. Klangcollagen des Komponisten Richard Ortmann ergänzen die Präsentation.

Ausstellung bis 02.12.2018
06.05., 13 Uhr · Führung durch Dariusz Kantor

Wilhelm Dünkelberg kaufte 1892 das Gelände und baute auf dem Zechengrund eine Dampfziegelei und eine Fabrik zur Produktion von Ziegeleimaschinen, förderte aus den umliegenden Steinbrüchen Sandstein und Schieferton, wozu der heutige Nachtigall-Stollen als Tunnel vorgetrieben wurde. Stehen geblieben sind aus der ursprünglichen Nutzung Maschinen- und Werkstattgebäude und ein Kesselhauskamin der Zeche. Über dem Schacht Hercules wurden zwei Ringöfen gebaut. Sogar die noch zutage tretende Restkohle konnte in den Anlagen in der Zeit knapper Kohle nach den Kriegen genutzt werden.

1963 wurden der Ziegelei-Betrieb und später auch der Sandsteinabbau eingestellt. Kleinbetriebe wie eine Kranzbinderei und zuletzt eine Autoverwertung nutzten Gebäude und Gelände. Das Werkstattgebäude diente als Wohnhaus. Ausrangierte Autos, Reifen und Ölfässer beherrschten das Nachtigall-Gelände. Spaziergängern bot sich bald ein trostloses Bild des Verfalls. 1979 beschloss dann der Landschaftsverband Westfalen-Lippe die Gründung des Westfälischen Industriemuseums, darin Zeche Nachtigall als einen der drei Bergbau-Standorte. 1983 begannen die Arbeiten zur Restaurierung und Umwidmung zum Museum, 2003 wurde es eröffnet, gut 300 Jahre nach der ersten Förderung und dem Beginn der Geschichte des Ruhrbergbaus.

Zeche Nachtigall

Nachtigallstraße 35 · 58452 Witten
Tel.: 0 23 02 / 9 36 64-0
www.lwl.org/industriemuseum/standorte/zeche-nachtigall

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen von 10–18 Uhr

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