Stadtmagazin Witten: In der Stadt

Witten, Wiege des Ruhrbergbaus

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Mit der Schließung der letzten Zeche Prosper-Haniel in Bottrop endet 2018 eine Ära, die das Ruhrgebiet und seine Menschen existenziell geprägt hat. Aus gegebenem Anlass wollen wir den Blick in die eigene Vergangenheit richten: Das Wittener Muttental gilt nicht umsonst als Wiege des Ruhrbergbaus. Wer hier zu graben beginnt, stößt auf Gesteinsschichten, die vor rund 300 Millionen Jahren im Karbonzeitalter abgelagert wurden. Sie bestehen aus hartem Sandstein und weicherem Tongestein und sind vereinzelt von Steinkohleflözen unterschiedlicher Stärke durchzogen. Auf der Jagd nach dem ›schwarzen Gold‹ siedelten sich im Laufe der Jahrhunderte über 100 kleine und große Zechen auf Wittener Gebiet an. Ihre Spuren sind bis heute sichtbar.

Ein Schweinehirte soll die ersten Kohlen gefunden haben

Wann und wie die ersten Kohlen in unserer Region entdeckt wurden, weiß heute niemand mehr. Die Sage erzählt von einem Schweinehirten, der sein Lagerfeuer in einer Erdkuhle entzündete. Als er am nächsten Morgen erwachte, traute er seinen Augen nicht: Das Feuerchen war über Nacht erloschen, doch die Steine darunter glühten und funkelten in den schönsten Farben. Wenngleich diese Geschichte dem Reich der Fabeln zuzuordnen ist, zeigt sie doch die nahezu magische Anziehungskraft, die die ›schwarzen Diamanten‹ auf die Bevölkerung ausübten. Ähnlich wie der Schweinehirte dürften auch die ortsansässigen Bauern nicht schlecht gestaunt haben, als sie bei ihren Grabungen auf Kohlevorkommen stießen. Die erste schriftliche Erwähnung einer Kohlebank in Witten lässt sich auf das Jahr 1525 zurückdatieren. Zuvor wurden Holz und Holzkohle zum Kochen und Heizen verwendet. Der neue Brennstoff gab jedoch viel mehr Wärme ab und war hart wie Stein, weshalb man ihn ›Steinkohle‹ nannte.

Förderung unter Freiherrn und Bauern

Seinen Anfang nahm der Bergbau dort, wo die Flöze nah unter der Erdoberfläche verliefen, wie an den steilen Hängen des Helenenbergs und des Borbachtals. Der Kohleabbau erfolgte anfangs im Tagebau. Die dabei entstehenden tiefen Löcher und langen Gräben waren zunächst nicht unproblematisch, da das Gebiet von den adeligen Bewohnern des Hauses Witten und den Bauern zur Holzfällung und zur Viehweide genutzt wurde. Streitigkeiten entzündeten sich wegen unklarer Rechtsverhältnisse auch mit der preußischen Bergbehörde sowie den Herren benachbarter Adelssitze, die Ansprüche geltend machten. Im 18. Jahrhundert wurde unter Federführung von Gerhard Freiherr von der Recke allem Zwist zum Trotz intensiv Kohle gefördert. Diese ließ sich in Witten und in den nördlichen Nachbarorten gewinnbringend als Hausbrand oder an Schmiede und Ziegeleien verkaufen. Mehreren Bergleuten und Fuhrleuten sicherte das Geschäft mit dem schwarzen Gold vor allem im Winter den Lebensunterhalt. Als der Freiherr von Stein 1784 die Zeche Franziska besuchte, förderten drei Hauer und vier Schlepper Steinkohle aus einem 300 Meter langen Stollen. Der Absatz ging zu einem Teil ins Vest Recklinghausen: Die Bauern von dort brachten ihr Getreide zum Wittener Kornmarkt und luden bei der Rückfahrt Kohle auf ihre Wagen. In den folgenden Jahren transportierten auch Schiffe den Brennstoff auf der Ruhr Richtung Duisburg-Ruhrort.

Knochenarbeit mit Hammer und Meißel

Nachdem die preußische Regierung ihren Anspruch auf das Bergregal (Verfügungsrecht über die ungehobenen Bodenschätze) durchgesetzt hatte, wurden die Ausbeuterechte an den schwarzen Bodenschätzen durch die königlichen Bergbeamten verliehen. Wer ein Flöz entdeckte, konnte es muten, das heißt den Antrag stellen, Kohle abbauen zu dürfen. Die Wittener Flöze erhielten klangvolle Namen wie Mausegatt, Turteltaube, Finefrau oder Sonnenschein. Dies darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Bergbau damals reinste Knochenarbeit war. Mit Hammer (Schlägel) und Meißel drangen die Kumpel durch den Fels vor. Beide Werkzeuge, über Kreuz gelegt, ergaben ihr Wahrzeichen. Erreichten sie ein Flöz, ritzten die Männer die Kohleschicht zunächst mit der Keilhacke ein. Danach schlugen sie mit dem Fäustel einen Eisenkeil oder eine Stange ein und brachen möglichst handliche Stücke aus der Kohle heraus. Das Material wurde dann durch den Stollen mithilfe von Schlitten, einrädrigen Karren oder vierrädrigen Wagen nach draußen transportiert. Als der Weg unter Tage immer länger wurde, begann man, die Kohle durch einen Schacht zu fördern. Dabei wurde sie in einer Tonne mit einer Kurbel emporgezogen. Zur Bewältigung schwerer Lasten kamen Pferdegöpel (durch Pferde bewegte Arbeits- und Drehmaschinen) zum Einsatz.

Neue Zeiten mit Dampfmaschine und Strom

Im Laufe der Industrialisierung veränderte sich die Arbeit unter Tage durch verschiedene technische Erfindungen maßgeblich. So wurde der Kampf mit Hammer und Meißel durch das Bohren von Spreng­löchern und den Einsatz des Schwarzpulvers abgelöst. Des Weiteren trat die Dampfmaschine auf den Plan: Beim Stollenbergbau war das Grubenwasser auf natürlichem Wege zur Ruhr abgeflossen. Als der Tiefbau nach 1830 in den Bereich unterhalb des Ruhrspiegels vordrang, wurde es mithilfe von Dampfkraft nach oben gepumpt. Meistens förderte eine zweite Dampfmaschine die Kohle aus der Erde. Ein Teil wurde für die Dampferzeugung gleich wieder im Kesselhaus verbrannt. Ebenso wichtig war die Erfindung des Drahtseils, an welchem nach 1834 die eisernen Förderkörbe befestigt wurden. Der Bau der Bergisch-Märkischen Eisenbahn eröffnete ab 1849 neue Märkte. Immer mehr Menschen schufteten in den größer werdenden Zechen. Seit 1872 arbeitete man in Witten mit hydraulisch betriebenen Bohrmaschinen. Ab 1895 setzten sich Pressluftbohrer durch. Neue Sprengstoffe und Zündsysteme wurden entwickelt, die gefährlichen offenen Öllampen ab 1902 durch erste elektrische Handlampen ausgetauscht. Strombetriebene Ventilatoren und Elektromotoren bereiteten schließlich den Weg zu einer neuen Ära des Bergbaus.

Wir werden uns in den kommenden Ausgaben des Stadtmagazins weiteren Kapiteln und Aspekten des so bedeutsamen Revierthemas widmen. Glück auf!

Quellen:
Gerhard Koetter: ›Steinkohle unter Witten. Von den Stollen am Helenenberg bis zur Schachtanlage Hamburg & Franziska‹ (Witten, 2009)
www.ruhrkohlenrevier.de