Stadtmagazin Lünen: Kunst und Kultur

Die ›Muna‹ in Bork

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Explosive Spuren der Vergangenheit

Goldene Sonnenstrahlen bahnen sich ihren Weg durch die Baumwipfel und tauchen den Wald in ein schummriges Licht. Der Weg ist mit Laub und Moos bedeckt, Wasserstellen sind von Pflanzen überrankt. Bilder einer trügerischen Idylle. Im Grenzbereich zwischen Altlünen und Selm-Bork hat sich die Natur ihr Revier zurückerobert. Doch unter der Laubschicht am Boden verbergen sich scharfe Granaten, Trümmer von Bunkern ragen aus dem Dickicht empor, und die urigen Biotope sind mit Wasser gefüllte Sprengtrichter.

Größter Arbeitgeber der Gemeinde
Die Fotos von Stadtarchivleiter Fredy Niklowitz und Hobbyhistoriker Hans-Jürgen Korn zeigen das 400 Hektar große Gelände der ehemaligen Munitionsanstalt in Bork – genannt ›Muna‹ – aus unterschiedlichsten Perspektiven. »Bis zu 1.600 Männer und Frauen haben hier während der Zeit des Nationalsozialismus an der Fertigung von Munition für die deutsche Luftwaffe mitgewirkt. Damit war die ›Muna‹ nicht nur die wichtigste Produktionsstätte, sondern auch der größte Arbeitgeber in der ehemaligen Gemeinde Bork.« In Kooperation mit dem Heimatverein Bork und dem Stadtarchiv Selm hat das Lüner Archivteam die düstere Geschichte von ›Muna‹ recherchiert. Aus den Ergebnissen entstand eine Dauerausstellung, die seit Jahresbeginn im LAFP der Polizei NRW in Bork gezeigt wird.

Bäume schirmten die Fabrik ab
Einst existierten im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten rund 370 Munitionsanstalten. Ein Offizier aus Münster, Dr. Pohl von Pollenburg, wurde auf der Suche nach einem Platz für einen neuen Standort auf den großen Mischwald ›im Borker Sundern‹ aufmerksam: Die dichten, hohen Baumkronen waren ideal, um die Anlage vor unerwünschten Blicken aus der Luft abzuschirmen. 1938 wurde die Fabrik in Betrieb genommen.

Minen, Munition und chemische Kampfstoffe
Die Zufahrt zur ›Muna‹ erfolgte über die Straße ›Zum Sundern‹ (damals Hermann-Göring-Straße). Östlich des Eingangs befanden sich die zwei Fertigungsanlagen, bestehend aus je fünf durch Gänge verbundene Hallen, die aufgrund ihrer Grundrisse an Hakenkreuze erinnerten und als ›Spinnen‹ bezeichnet wurden. Geschützt vor dem suchenden Auge des Feindes wurden hier tonnenweise Minen, Flak- und Leuchtmunition sowie chemische Kampfstoffe produziert. – Um gegnerische Flieger zu täuschen, hatte man die Gebäude mit Tarnnetzen behängt und die Bunker mit Erde überschüttet und bepflanzt. Zudem lenkte eine Scheinanlage mit Sitz in den Rieselfeldern zwischen Bork und Waltrop vom wahren Produktionsort ab.

Frauen und Mädchen ersetzten wehrpflichtige Männer
Die fertigen Produkte lagerten in 99 Betonbunkern und wurden über ein Anschlussgleis an die Eisenbahnlinie Dortmund-Gronau an die Front verschickt. Unbrauchbare Granaten, Sprengsätze und sonstige Abfallstoffe wurden auf dem sogenannten Brandplatz verbrannt oder gezielt gesprengt. Im Verlauf des Krieges nahmen immer mehr Frauen und Mädchen sowie kriegsversehrte Soldaten die Plätze der Arbeiter ein. Dennoch mangelte es an Personal, so dass zunehmend Fremdarbeiter aus Polen und der Sowjetunion deportiert wurden.

Unmenschliche Zustände im Arbeitslager
Die ›Ostarbeiter‹ wurden unter unmenschlichen Bedingungen in einem aus sieben Baracken bestehenden, von Stacheldraht umzäunten Lager untergebracht. Aus Mangel an Heizkohle wurden die Öfen nur einmal pro Woche angeworfen. Die karge Tagesverpflegung bestand aus Steckrübensuppe und 300 Gramm Brot pro Person, wobei die Rationen im Laufe der Zeit immer mehr reduziert wurden. Geschuftet wurde in Schichten rund um die Uhr. Beim kleinsten Fehler drohten Prügelstrafe oder Hinrichtung.

›Muna im Loch, wir finden dich doch!‹
1943 nahmen die Fliegerangriffe in der Region zu, so dass die Beschäftigten den Betrieb immer häufiger unterbrechen und in Gräben Zuflucht suchen mussten. Noch war die ›Muna‹ aufgrund ihrer guten Tarnung unentdeckt. Davon zeugen die von alliierten Fliegerverbänden abgeworfenen Flugblätter: ›Muna im Loch, wir finden dich doch!‹ Anfang 1945 machte der Feind seine Drohungen schließlich wahr: Der Bombenangriff auf die Fabrik dauerte nur wenige Minuten, hatte aber verheerende Folgen mit 78 Toten sowie über 100 Verletzten. Am 31. März 1945 gab das deutsche Militär den Standort auf.

Unfälle und Umweltverschmutzung
Tragisch verlief das weitere Schicksal der Fremdarbeiter: Nach Kriegsende kehrten viele in ihre Heimat zurück, wo sie als Vaterlandsverräter verhaftet und in Arbeitslager in Sibirien deportiert wurden. Was wurde aus der Anlage in Bork? Vor ihrem Abzug hatten die Nazis einige Bunker vernichtet, damit die Munition nicht in die Hände der Alliierten geriet. Die noch erhaltenen Produktionsanlagen und Lagerstätten wurden von den britischen Einheiten gesprengt, wobei große Mengen ungezündeter Kampfmittel in der Umgebung landeten. In der Folge ereigneten sich hier trotz Warnhinweisen immer wieder tödliche Unfälle. Auch wurde der nahe Südfeldbach mehrfach durch Cyanid aus der ehemaligen Hülsenreinigungsanlage verseucht. Bis in die 1970er-Jahre hinein hatten Kampfmittelräumdienste regelmäßig auf dem Gelände zu tun.

Tödliche Tretminen
Aktuell wird die Liegenschaft von der Polizei NRW und vom Forschungs- und Technologiezentrum Ladungssicherung Selm genutzt. Doch einige alte Gebäude aus der NS-Zeit haben die Jahrzehnte überlebt. Im Bereich der ehemaligen Bunker mahnen tödliche Tretminen bis heute an das dunkle Kapitel der Vergangenheit. Das kontaminierte Waldstück ist für die Öffentlichkeit gesperrt. So konnten Fredy Niklowitz und Hans-Jürgen Korn nur mit spezieller Genehmigung und unter Aufsicht vor Ort recherchieren. Sie warnen Neugierige davor, das Terrain auf eigene Faust zu erkunden: »Das wäre lebensgefährlich!«

Quelle:
Fredy Niklowitz: ›Muna Bork‹. Hrsg. vom Heimatverein Bork (Lünen 2015)

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