Stadtmagazin Lünen: Kunst und Kultur

Vom Kreidebild zum Kulturpreis

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Zu Besuch bei Uwe Gegenmantel

Pinsel, Tuben und Paletten mit getrockneten Farbresten stapeln sich auf alten Tapeziertischen. An den Wänden türmen sich Leinwände in verschiedensten Formaten. Im Atelier an der Luisenstraße herrscht ein ›kreatives Chaos‹. Mittendrin: der Lüner Maler und frisch gekürte Kulturpreisträger Uwe Gegenmantel.

›Weekly Paintings‹
Rund 44.000 bildende Künstler gibt es in Deutschland, doch nur fünf Prozent können von ihrer Kunst leben. »Allerdings ­habe ich immer auch andere Aufgaben übernommen: Auftragsmalereien, Fassadengestaltungen oder Lehrtätigkeiten wie seit 1999 für die VHS Lünen«, verrät Uwe Gegenmantel. Inzwischen schätzen Kunstliebhaber aus aller Welt seine Bilder, zum Großteil Öl auf Leinwand, die regelmäßig auf verschiedenen überregionalen Ausstellungen gezeigt werden. Portraits, Landschaften, figürliche Darstellungen, aber auch abstrakte Kastenformen und, seit anderthalb Jahren, die sogenannten ›Weekly Paintings‹: Wöchentlich entsteht ein neues kleinformatiges Motiv – Alltagsmomente und spontane Impressionen.

Blumen und Frösche im Bioheft
Schon in der Grundschule zeigte sich das besondere Talent des gebürtigen Brandenburgers: »Ich habe ein detailgenaues Abbild der Müngstener Brücke bei Solingen, Deutschlands höchster Eisenbahnbrücke, mit Kreide an die Tafel gemalt«, erinnert er sich schmunzelnd. »Im Biounterricht verzierte ich meine Hefte mit Blütenkelchen, Fröschen und Schnabeltieren, in Erdkunde entstanden ganze Landkarten und Flusstäler, wobei mich Darstellungen aus der Vogelperspektive schon damals besonders faszinierten.« Mit zehn Jahren drückten die Eltern ihrem begabten Sprössling dann endlich die ersten eigenen Ölfarben in die Hand.

›Botschafter kulturellen Lebens‹
Den kreativen Pfad hat Uwe Gegenmantel seitdem nicht mehr verlassen: Von 1969 bis 1974 studierte er Künstlerische Grafik in Berlin und Düsseldorf, zwischen 1976 und 1982 folgten ein Kunststudium sowie ein Lehramtsstudium (Kunst und Deutsch) an der Universität Münster. »Beim Einsatz als Vertretungslehrer an einer Duisburger Schule offenbarte sich aber schnell, dass die freie Malerei meine eigentliche Berufung war«, gesteht er. »Also blieb ich nach dem Staatsexamen erst einmal zu Hause bei meinen drei Söhnen und wurde malender Hausmann, was übrigens höllisch stressig war.« Seit seinem Umzug an die Lippe 1992 wirkt Uwe Gegenmantel aktiv in der Lüner Kunstszene mit, wurde zum ›Botschafter kulturellen Lebens‹, so die Jury in ihrer Begründung zur Preisvergabe.

Der beste Freund auf der Tapete
Als junger Mann konnte man ihn häufig mit seiner Staffelei in den Straßen Berlins oder draußen im Münsterland antreffen. »Das ist etwas ganz anderes, als im Atelier nach Fotos zu malen: Man spürt den Wind und die Sonne, hört die Geräusche, ist mittendrin in der Natur – oder in einer Traube von Passanten. Solche Bilder werden authentischer, atmosphärischer, wilder.« Wegweisend für seine künstlerische Karriere sollte jedoch ein anderes Thema werden: die großfigürliche Menschendarstellung. »Mit 29 wohnte ich in Berlin in einer sehr ›kopflastigen‹ WG. Als Gegenentwurf malte ich meinen besten Freund kurzerhand auf die Rückseite einer Tapetenrolle im Format 1,80 x 0,80 Meter. Später habe ich die Figuren dann wieder systematisch verkleinert. So entstanden ganze Serien.«

Versuch einer malerischen Restauration
Nach der Uni wandte sich Uwe Gegenmantel immer abstrakteren Formen zu. Ein in seinen Werken wiederkehrendes Motiv, das dem Betrachter zunächst Rätsel aufgibt, ist der ›Kasten‹. Der Künstler erläutert die Geschichte dahinter: »Ich hatte diese alte Luftaufnahme eines zerbombten Hauses von 1945 in Berlin gesehen: Hier hatte einmal eine Familie gewohnt, jetzt war es nur noch ein leeres Gehäuse. Beeinflusst durch den plötzlichen Tod meines Bruders, startete ich den Versuch einer Restauration und malte das Foto mehrfach ab, wobei das Haus immer mehr abstrahiert wurde. Das war mein Weg, mit meiner Trauer umzugehen, den Verlust aufzuarbeiten.«

Zukunftsvisionen
Ausgerechnet das emotional aufgeladene Kastenmotiv bescherte dem Künstler seinen bislang größten Erfolg: 1992 wurde Uwe Gegenmantel zur ›Großen Kunstausstellung NRW‹ in Düsseldorf eingeladen, wo seine Werke Seite an Seite mit Arbeiten von Neo Rauch, Otto Piene, Kuno Gonschior oder Johannes Grützke standen. An Visionen für die Zukunft mangelt es dem Lüner Kulturpreisträger nicht: »Da die Figuren auf meinen Bildern meist einzeln bzw. voneinander abgewandt aufgestellt sind, würde es mich reizen, mehrere Figuren in Interaktion und Bewegung zu zeigen, zum Beispiel Szenen der griechischen Mythologie.«

»Ein Kunstwerk muss den Betrachter treffen wie ein Stromschlag. Gleichzeitig muss die Qualität in allen Details erkennbar sein. Das zu erreichen ist wahnsinnig schwer.«

Der Kulturpreis der Stadt Lünen ist mit 1.000 Euro dotiert und wird seit 2005 einmal im Jahr vergeben. Prämiert werden herausragende Leistungen auf den Gebieten der Musik, Bildenden Kunst, Baukunst, Literatur, Fotografie oder Film. Zu den bisherigen Preisträgern zählen zum Beispiel Regisseur und Kinofest-Chef Mike Wiedemann, Sänger Max Raabe oder Geigerin Mirijam Contzen.

Infos zu Malworkshops etc.
www.uwegegenmantel.de
uwegegenmantel.blogspot.com