Stadtmagazin Lünen: Dies und Das

Zur Geschichte der Einbalsamierung

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Von ägyptischen Mumien und französischen Feldzügen

Sie sind Relikte vergangener Kulturen und eindrucksvolle Belege dafür, wie sehr uns seit Menschengedenken die Themen Diesseits und Jenseits, Sterben und Tod sowie der Traum vom ewigen Leben beschäftigen. Ob als geschichtlich interessante Objekte im Ägyptischen Museum oder als wandelnde Tote in einschlägigen Horrorfilmen: Mumien üben auf uns seit jeher eine unheimliche Faszination aus.

Menschenwürde
Geschichtliche Realität und morbide Fantasie klaffen oft weit auseinander. Allzu leicht gerät in Vergessenheit, dass es sich bei den Jahrtausende alten konservierten Körpern einst um echte Menschen handelte, die zu Lebzeiten ebenso wie wir gelacht, geweint und es sich verdient haben, mit Würde behandelt zu werden. In der Thanatopraxie wird die Einbalsamierung zu Konservierungszwecken – in moderner Form – auch heute noch praktiziert. Wir wollen die historischen Wurzeln des uralten Verfahrens ergründen und begeben uns auf eine Reise in die Vergangenheit.

Wissenswert
Schon vor den Ägyptern haben Menschen ihre Toten mumifiziert. Der älteste Fund einer künstlichen Mumie stammt aus Libyen: Es handelt sich um die 5.500 Jahre alten Überreste eines fünfjährigen Jungen.

Leben nach dem Tod
Das Thema Mumien ist untrennbar verbunden mit dem alten Ägypten. Im Land der Pyramiden begründete sich diese Tradition im Glauben an ein ewiges Leben nach dem Tod. Durch die Mumifizierung des Leichnams und spezielle Bestattungsriten wurde der Verschiedene für seine Reise in die himmlische Götterwelt gerüstet. Eine Ehre, die ursprünglich nur den Pharaonen zuteilwurde, denn ›normale‹ Ägypter konnten sich die benötigten teuren Öle und Substanzen kaum leisten. Ihre Leichen wurden daher im Wüstensand begraben und dort auf natürlichem Wege konserviert. Erst im späteren Verlauf der altägyptischen Geschichte verbreitete sich die Mumifizierungspraxis auch im gemeinen Volk, dann allerdings in unterschiedlichen ›Qualitätsstandards‹.

Kurios
Im Alten Ägypten wurden nicht nur Menschen, sondern auch Tiere mumifiziert. Beispielsweise erhielten manche Katzen, Falken oder Stiere, die man als Verkörperungen verschiedener Gottheiten verehrte, ein ebenso aufwendiges Begräbnis wie die Familien der Pharaonen.

Religiöse Motive und praktische Gründe
In der Regel nahmen die Rituale, die vom Todestag bis zur Beisetzung vollzogen werden mussten, rund 70 Tage in Anspruch. Da viel Wasser für die verschiedenen Waschungen benötigt wurde, hatten viele Einbalsamierungshäuser ihren Sitz außerhalb der Dörfer am Nil oder nahe eines Bewässerungskanals. Neben religiösen Motiven bestimmten auch ganz praktische Gründe den Ablauf der Prozedur: So hatte man erkannt, dass die inneren Organe entfernt werden mussten, um die körperliche Verwesung zu stoppen. Da der Tote äußerlich unversehrt bleiben sollte, gingen die Balsamierer mit äußerster Präzision zu Werke. Das Gehirn beispielsweise wurde mit einem gekrümmten Eisenstab durch die Nase gezogen. Die Organe wurden separat präpariert und in vier Kanopenkrüge gelegt, welche von den vier Schutzgöttern, den sogenannten ›Horussöhnen‹, bewacht wurden. Einzig das Herz, nach damaligem Verständnis der Sitz aller Körper- und Verstandeskräfte, blieb im Körper, um es beim göttlichen ›Totengericht‹ wiegen zu können. Nur wenn es frei von Sünde war, durfte der Verstorbene das Jenseits betreten.

›Reiseführer‹ für das Jenseits
Um dem Leichnam die Flüssigkeit zu entziehen, wurde er bis zu 40 Tage in Natron getrocknet. Danach begann die eigentliche Einbalsamierung. So behandelte man die Haut mit heißem Salböl, um ihr ihre Elastizität zurückzugeben. Bauchhöhle, Brustraum sowie Körperöffnungen wurden mit verschiedenen Stoffen wie Leinen, Sägespäne oder Gewürze ausgestopft. Bei königlichen Mumien wurden empfindliche Körperpartien wie Finger oder Zehen zuweilen durch Goldkappen geschützt. Am Schluss wurde der Leichnam mit den typischen Leinentüchern umhüllt, wobei rund 375 Quadratmeter Stoff verbraucht worden sein sollen. Zudem wurden zahllose kleine Talismane und Schutzamulette mit eingewickelt. Die fertige Mumie legte man mit einer Maske in den Sarg. Sowohl Maske als auch Sarg hatten große aufgemalte Augen: Durch sie sollte der Tote hinaus in die Welt blicken. Manchmal wurde eine mehrere Meter lange Papyrusrolle dazugegeben. Das Totenbuch war eine Art ›Reiseführer‹ für das Jenseits.

Durch Napoleon zum ›Modern Embalming‹
Vom altägyptischen Totenkult unterscheidet sich die moderne Einbalsamierung in großem Maße, dennoch haben beide Methoden das gleiche Ziel: die körperliche Unversehrtheit und damit auch die Würde des Verstorbenen zu wahren. Den Grundstein für das ›Modern Embalming‹ wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Napoleon gelegt: Der französische General wollte jeder Familie eines gefallenen Soldaten die Möglichkeit einräumen, von ihrem Angehörigen Abschied zu nehmen. Schon damals spielte also die trauerpsychologische Motivation eine ausschlaggebende Rolle. Nach Experimenten mit teils gefährlichen Chemikalien begann man, Blut im Dialyseverfahren durch bleihaltige Flüssigkeit zu ersetzen. Anstelle von Bleilösungen kommt heute in erster Linie Formalin zum Einsatz. Dabei geht es nicht mehr darum, den Körper dauerhaft haltbar zu machen. Vielmehr soll der biologische Verfall für eine bestimmte Zeitspanne hinausgezögert werden, eine Praxis, die in Ländern wie Frankreich oder England inzwischen weit verbreitet ist. Bei uns in Deutschland findet die moderne Form der Konservierung bislang nur in Ausnahmefällen statt, etwa bei Auslandsüberführungen oder wenn der Verstorbene länger als die vom Ordnungs- und Gesundheitsamt vorgeschriebenen acht Tage aufgebahrt werden muss, zum Beispiel weil Verwandte aus anderen Ländern anreisen.

Noch kurioser
Napoleons Ägypten-Feldzug löste in Europa einen richtiggehenden Hype aus, in dessen Folge Anfang des 19. Jahrhunderts insbesondere in England sogenannte ›Mumien-Partys‹ in Mode kamen. Hier traf sich der englische Adel, um gemeinschaftlich Mumien auszuwickeln und sich am Gruseleffekt sowie an den teils wertvollen Überraschungen wie Schmuck oder Talismanen zu erfreuen.

Würdevoller Abschied
Die Einbalsamierung macht aber nur einen Teil der Thanatopraxie (abgeleitet vom griechischen Begriff für ›Tod‹ bzw. dem griechischen Totengott ›Thanatos‹) aus. Auch die optische Rekonstruktion von Verstorbenen gehört zu diesem komplexen Fachbereich, den in der Bundesrepublik nur wenige besonders qualifizierte Bestattungshäuser anbieten. Nach Verkehrsunfällen, Gewalteinwirkung, schweren Erkrankungen oder gerichtsmedizinischen Obduktionen wird das natürliche Erscheinungsbild des Toten mit Hilfe von Modellierwachs und spezieller Kosmetik wiederhergestellt. So ermöglichen die Thanatopraktiker den Hinterbliebenen ein würdevolles Abschiednehmen am offenen Sarg. Und dies, so sagen Experten, sei insbesondere bei plötzlichen, tragischen Sterbefällen ein wichtiger Schritt bei der Verlustbewältigung, da es den Tod begreifbar mache.

Befremdlich
Bis ins 20. Jahrhundert war Mumienpulver, gewonnen aus den gemahlenen Überresten mumifizierter Menschen, ein angesagtes Heilmittel.

Erstaunlich
Durch Untersuchungen an mehreren tausend Jahre alten Mumien können Forscher noch heute feststellen, was der Tote zuletzt gegessen hat, woran er starb und wie sein Familienstammbaum aussah.

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