Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

Faszination Kino

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Von lebenden Fotografien, Plüsch und Propaganda

Der schwere Vorhang öffnet sich, die Leinwand erwacht knisternd zum Leben. Tief schmiegen wir uns in die roten Plüschsessel, bereit, in das abenteuerliche, dramatische, lustige oder romantische Filmgeschehen abzutauchen. Wir treffen Helden und Antihelden, lauschen pompöser Musik und leisen Tönen, halten Händchen, schniefen in Taschentücher, lachen und bangen, kneifen vor Spannung die Augen zu, rascheln mit der Popcorntüte und setzen zum ersten Mal eine 3-D-Brille auf …

Reise durch die Kino-Geschichte
Fast jeder von uns verbindet mit dem Ort Kino wundervolle Kindheits- und Jugenderinnerungen. In Lünen gibt es seit der Schließung der Lichtburg im Jahr 2001 heute nur noch das große Cineworld, doch ältere Lippestädter mögen sich noch an die nostalgischen Filmtheater der Vergangenheit wie das Palast-Kino, das Scala oder das Astoria erinnern. Neun Kinos mit über 5.305 Plätzen soll es in den 1950er-Jahren gegeben haben! Wir wollten mehr erfahren und begaben uns mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs auf eine Reise durch die lokale Kinogeschichte.

Die Wanderjahre
Kaum zu glauben, aber das Kino war nicht immer eine feststehende Institution. Zur Zeit Kaiser Wilhelms zogen mobile Filmvorführer von Stadt zu Stadt, um ihre ›lebenden Fotografien‹ auf Jahrmärkten und in Gasthöfen zu präsentieren. Hinweise belegen, das ein solcher Wanderunternehmer um 1900 mit seinem Kinematographen auf dem Lüner Kirmesgelände an der Königstraße gastierte: Wilhelm Wiedau war ein Kohlehändler aus Witten, der seit 1897 ein eigenes Wanderkino betrieb. Von gemütlichem Eintauchen ins Filmgeschehen konnte damals allerdings noch keine Rede sein. Die Zuschauer saßen in einer Jahrmarktbude auf recht unbequemen Holzstühlen und starrten auf eine stumme Leinwand. Immerhin ließ Wiedau seine kurzen Streifen durch Kapellenmusik und eine elektrische Lichtanlage aufpeppen. Kostenpunkt für das ungewöhnliche Vergnügen: 30 bis 75 Pfennige.

Kino im Gasthof – ein ›Theater‹ für Jedermann
1910 eröffnete das erste feste Filmtheater der Stadt Lünen in der Lange Straße 79 im Saale des Gastwirtes Elbracht. Es nannte sich Metropol, dann Lüner Theater – noch später sollte an selbiger Stelle die Lichtburg entstehen. Das Programm bestand aus mehreren Kurzfilmen in Schwarzweiß (z. B. Dramen, Humoresken, Reiseberichte, belehrende Naturansichten), die sich ständig wiederholten, so dass die Besucher nicht an feste Startzeiten gebunden waren. Weitere Kinos ließen nicht lange auf sich warten. Vermehrt wurden Extravorstellungen für Kinder und Jugendliche oder lang arbeitende Geschäftsleute angeboten und auch Frauen waren immer öfter in den Reihen des Publikums zu sehen. Dies zeigt, dass Kino in Lünen keinesfalls das ›Theater des kleinen Mannes‹, sondern beliebt in allen Gesellschaftsschichten war.

Die Lenzen-Ära
Sie prägten die Kinokultur der Lippestadt mit fünf neuen Lichtspielhäusern und gründeten damit quasi die erste Lichtspielkette der Umgebung: Als Wilhelmine ›Mimmi‹ und Carl Lenzen im Jahr 1914 noch vor dem Ersten Weltkrieg das Zentraltheater im ehemaligen Gasthof Kemper an der Lippebrücke notdürftig aus einem Tanzsaal schufen, war dies der Auftakt zu einer bespiellosen wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte, die allerdings einen bitteren Beigeschmack aufweist. Die gezeigten Stummfilme wurden live vom Piano oder einem kleinen Orchester begleitet. 1925 eröffnete die Familie Lenzen das Palast-Kino an der Lange Straße, welches fünf Jahre später auf Tonfilmbetrieb umstellte. In den 30er-Jahren folgten das Deli an der Waltroper Straße in Brambauer sowie sein Namensvetter an der Jägerstraße in Lünen Süd. Alle Spielstätten erfüllten im ›Horrorfilm‹ des Nationalsozialismus brav ihre Rollen. Wurde die patriotische Stimmung zunächst durch aktuelle Kriegsberichte angefacht, dienten Lustspiele und Krimis später vor allem der Ablenkung. Anmerkung: Während zahllose Lüner dem Krieg zum Opfer vielen, blieben die vom nationalsozialistischen Geist durchdrungenen ›Paläste der Zerstreuung‹ von Bomben weitgehend verschont.

Kinoboom der 50er-Jahre
Bald nach dem Krieg trat ein weiterer Protagonist ins Rampenlicht der Lüner Kinolandschaft. Ab 1950 machte Otto Arbeiter den Lenzens mit seiner Lichtburg Konkurrenz. Hier, am Standort des ehemaligen Metropol-Theaters, fanden 550 Personen auf Klappsitzen Platz. Die Preise hatten sich seit den ›Wanderjahren‹ nicht großartig verändert, sie lagen jetzt bei 70 bis 120 Pfennigen. Klingt wenig – andererseits waren die Gehälter zu jener Zeit entsprechend niedrig. Ein einfacher Lehrling beispielsweise verdiente vielleicht gerade einmal 50 DM. Doch ein paar Münzen für das Kino waren am Monatsende fast immer übrig. Abenteuerfilme, Western und auch erotische ›Sittenfilme‹ sorgten im Arbeiter-Kino für volle Säle, so dass der Betreiber in den Folgejahren noch zwei weitere Lichtspielhäuser gründen konnte, das Scala an der Jägerstraße und das Capitol an der Cappenberger Straße. Im selben Jahrzehnt entstanden unter anderer Leitung das Glückauf und das Apollo in Brambauer. So viel Konkurrenz wollte die Familie Lenzen nicht auf sich sitzen lassen: Pünktlich zum 40-jährigen Firmenjubiläum wurde 1954 an der Dortmunder Straße das Astoria ins Leben gerufen, mit fast 1.000 Plätzen und neuester Technik ein wahrer Filmpalast im Großstadtformat. Der Eröffnungsfilm: ›Sterne über Colombo‹ von Regisseur Veit Harlan, aus dessen Filmschmiede auch der antisemitische Hetzfilm ›Jud süß‹ stammt.

Kinosterben und Neuanfang
Mit dem Triumph des TV verschwand in Lünen ein Filmtheater nach dem anderen von der Bildfläche. 1978 musste als letztes das Palast-Kino schließen, danach war die Lippestadt fast zwei Jahre kinolos, ehe 1980 die neue Lichtburg öffnete. Zusätzlich zum großen Saal wurden zwei kleinere Säle eingerichtet, in denen die Gäste Filme in Wohnzimmeratmosphäre genießen konnten. Erfolgreichster Streifen war ›Pretty Woman‹ mit Julia Roberts. Doch auch diese Epoche ist inzwischen Geschichte. Im Jahr 2001 schloss sich der Vorhang an der Lange Straße 79 zum letzten Mal. Kinofans besuchen heute das Cineworld am Marktplatz. Hier wurde auch das Zeitalter des 3-dimensionalen Kinos eingeleitet. Und dann gibt es ja noch das großartige Lüner Kinofest im Cineworld, das auch diesen Herbst wieder mit großartigen cineastischen Kunstwerken aufwarten wird. Wir freuen uns!

Wussten Sie’s?
Das Wort ›Kino‹ ist eine Kurzform der ins Deutsche übersetzten Bezeichnung für die Erfindung der Gebrüder Lumière, dem Cinématographe – zu Deutsch Kinematograph. Beide sind aus griechischen Wurzeln (kinïma ›Bewegung‹ und graphein ›zeichnen‹) gebildete Kunstwörter, bedeuten also wörtlich Bewegungsaufzeichnung.

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