Stadtmagazin Lünen: Sport und Freizeit

Wandern mit ›Tex‹

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38.000 km in 37 Jahren

Er durchwanderte die Alpen und die Pyrenäen, die kalifornische Sierra Nevada und die kanadischen Rocky Mountains. In der Sahara war er bei glühender Hitze unterwegs, in der Eifel kämpfte er sich durch Eis und Schnee. Er genoss die Einsamkeit an den Küsten von Wales, erlebte einen Vulkanausbruch im indischen Ozean und traf seinen Schutzengel auf dem spanischen Jakobsweg. Der frühere Lüner Berufsschullehrer Diethelm Textoris hat in 37 Jahren 22 verschiedene Länder bereist, dabei gut 38.000 km zu Fuß zurückgelegt – und viel zu erzählen!

Alles begann im Jahr 1973. »Meine erste ›kleine‹ Tour führte von Dortmund bis zum Rhein nach Königswinter: In anderthalb Wochen hatte ich viele nette Erlebnisse, die mich auf den Geschmack brachten.« Von nun an standen in den Schulferien regelmäßig Wanderungen auf dem Programm. 1975 die erste große Herausforderung: über die Alpen vom Bodensee bis nach Verona. Für die 600 km-lange Strecke benötigte der Sportsmann aus dem Pott vier Wochen. Seine weiteste Tour führte ihn auf die französische Insel La Reunion im indischen Ozean, wo er an einem Vulkanausbruch entlangwanderte. Besondere Eindrücke bargen auch der Weg durch die wunderschöne, aber rauhe Felsenlandschaft Korsikas oder die zehntägige Tour mit einem einheimischen Führer durch die Sahara.

Doch warum zu Fuß die Welt durchqueren, wenn man einen Pauschalurlaub ›all inclusive‹ heutzutage viel preiswerter haben kann? Ihn lockt das Abenteuer, die sportliche Herausforderung. »Weder Hitze noch Kälte machen mir etwas aus«, erzählt der mittlerweile 65-Jährige, der kein spezielles Training braucht und nie Muskelkater hat. »Müssen wie in den Alpen viele Höhenmeter überwunden werden, schafft man vielleicht 10 Kilometer pro Tag, auf gerader Ebene können es dann aber auch schon mal vierzig sein. Das ist ja gerade das Schöne am Wandern: Man läuft, so weit einen die Füße tragen und bleibt, wo es einem gefällt. Ist kein hübscher Zeltplatz zu kriegen, geht man halt noch ein Stückchen weiter.«

Gerade erst war er bei über 30 Grad im Westerwald unterwegs, wo er täglich rund 25 Kilometer marschierte. Er lacht: »Da zerfließt man. Umso wichtiger ist es, genug zu trinken. Ich komme an solchen Tagen auf mindestens 5 Liter!« Als Vorrat hat er nie mehr als einen Liter dabei. »Man passiert immer Stellen, an denen man sich versorgen kann. Auf Korsika beispielsweise gibt es jede Menge Quellen mit Trinkwasser. In belebten Regionen gehe ich aber auch gerne mal auf ein Bier in die Kneipe.« Gute Erfahrungen hat der ehemalige Lehrer für Wirtschaft, Geschichte und Politik vor allem in den ehemaligen Ostblockländern gemacht. »In Ungarn waren die Menschen trotz ihrer Armut unglaublich gastfreundlich, ich wurde überall herzlich aufgenommen. Und auf dem spanischen Jakobsweg saßen wir abends oft mit sechs Nationalitäten an einem Tisch. Alle Menschen sind anders, aber wenn man sich auf sie einlässt, scheitert es nicht an der Sprache!«

Auf dem Tahoe-Yosemite-Trail und dem John-Muir-Trail in der kalifornischen Sierra Nevada gestaltete sich die Sache schon schwieriger. Da diese Trails nicht durch bewohnte Ortschaften führen, mussten sämtliche Vorräte mitgeschleppt und Trinkwasser aufbereitet werden. »Eine der härtesten Touren, die ich je erlebt habe: Mein Rucksack war 20 kg schwer.« Andere Wanderer hatten vorgesorgt und sich entlang der Strecke Depots angelegt: Kisten mit Lebensmitteln, die wegen der Bären an Bäumen hingen. »Das ist dort gesetzliche Vorschrift, auch ich musste meinen Proviant jeden Abend auf einen Baum ziehen.« Eines Nachts ließ sich Meister Petz trotzdem blicken. »Ich habe mich aus Angst im Schlafsack verkrochen. Am nächsten Morgen fand ich meine Benzinflasche durchgebissen!«

Ein besonderes Erlebnis hatte Diethelm Textoris in Spanien auf dem Jakobsweg. »Als ich am Wegesrand Menschen sah, die weitaus jünger und am Ende ihrer Kräfte waren, wurde ich überheblich und dachte, ›das passiert dir nicht‹.« Doch, wie es so schön heißt, kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort: »Ich hatte weder Probleme mit meiner Kondition noch mit den Füßen. Was mich beeinträchtigte, war ein schwarzer Schleier vor den Augen. Weil man mich in der Klinik nicht verstand, rief ich eine Spanierin an, mit der ich eine Zeitlang gemeinsam gewandert war und die mich als ihren Schutzengel bezeichnet hatte. Nun wurde sie mein Schutzengel: Sie erklärte den Ärzten am Telefon, was mir fehlte und kam schließlich noch persönlich vorbei, um zu sehen, dass es mir gut ging. Ich bin nicht katholisch, aber das kann man religiös interpretieren!«

Die weiten Touren wandert ›Tex‹ in der Regel alleine. »Einsam fühle ich mich dabei nie.  Wandern hat für mich etwas Meditatives. Und wenn ich in abgelegenen Regionen das Bedürfnis habe, mich zu unterhalten, dann finde ich bei Selbstgesprächen einen Partner mit ganz ähnlichen Interessen«, bemerkt er mit einem Augenzwinkern. Manchmal ist er aber auch in Begleitung unterwegs, mit Freunden oder völlig Fremden, die er zufällig an der Strecke trifft. »Inzwischen habe ich viele aus meinem früheren Kollegium am Lippe Berufskolleg zum Wandern gebracht!« Seinen längsten und ältesten Weggefährten lernte er zu Beginn der 80er- Jahre in Jugoslawien kennen. »Es hat sich eingebürgert, dass wir aus guter Tradition jedes Jahr zwischen Weihnachten und Neujahr zusammen wandern gehen. Zu seinem 85. Geburtstag plant mein Freund keine Feier, sondern eine Geburtstagswanderung!«

Wie gesagt, Dieter Textoris hat viel zu erzählen. Auf der Internetseite www.wandern-mit-tex.de können Fernwehgeplagte zumindest gedanklich mitwandern: Hier präsentiert er Fotos und Auszüge aus seinen Tagebüchern, gibt Tipps und Anregungen für Wanderungen in der ganzen Welt. »Am häufigsten angeklickt wird überraschenderweise aber ein Wanderweg ›vor der Haustür‹, nämlich der Rheinsteg in Deutschland.« Regelmäßig ist er bei Volkshochschulen, Vereinen sowie kirchlichen und karitativen Einrichtungen zu Gast, um über seine Erlebnisse zu berichten. Im Rahmen von Ruhr.2010 konzentrieren sich seine Vorträge auf das Ruhrgebiet. Highlight im September ist eine Rundwanderung durch Lünen: »Über den Lippedeich zur ehemaligen Schlossmühle, am Kanal entlang zum Preußenhafen und über Schwansbell zur neu gestalteten Sesekemündung«, skizziert er die 15 km-lange Strecke. »Dieser schöne Weg existiert seit dreißig Jahren und ist meiner Meinung nach viel zu wenig bekannt!«

Obwohl er fast alles gesehen und so viele verschiedene Gebiete besucht hat, kommt Diethelm Textoris immer wieder gerne nach Hause. »Wer vier Wochen lang gereist und mit Eindrücken vollgesogen ist, kann nichts mehr aufnehmen. Dann sehnt man sich nach einem Ruhepol. Ich brauche beides, sowohl die Freiheit in der Ferne als die Heimat, mit der ich mich einfach viel zu verbunden fühle!« Doch es dauert nie lange, bis ihn wieder das Fernweh packt: »Mein Ziel sind 42.000 Kilometer. Dann habe ich einmal die Erde umrundet!«