Raus aus dem Hamsterrad?
Ambulante Jugendhilfe unterstützt im Alltag
Von innerfamiliären Konflikten über Social-Media-Konsum bis hin zu Mobbing im Klassenzimmer: Ein Kind zu erziehen, ist nicht leicht – eines zu sein, noch viel weniger. Trotzdem scheuen viele Eltern in schwierigen Momenten davor zurück, sich professionelle Hilfe zu suchen.
»Alle Möglichkeiten werden ausgelotet«
»Der Gedanke, dass das Jugendamt mir die Kinder wegnehmen könnte, ist immer noch sehr verbreitet«, bedauert Antje Bellaire, Leiterin der ambulanten Jugendhilfe von Kolping Bildung Deutschland mit Sitz in Lünen und Bergkamen. »Dabei ist die sogenannte Inobhutnahme wirklich nur der allerletzte Ausweg, wenn gar nichts mehr geht. Alle Möglichkeiten werden ausgelotet, bevor es so weit kommt. Je früher man fachlichen Rat einholt, desto besser: Dann können die Probleme nicht größer werden.« Mit einem breiten Spektrum an Angeboten unterstützt ihr Team Eltern und Jugendliche in herausfordernden Lebenssituationen. Rund 12 Fachkräfte kümmern sich um Familien im ganzen Kreis Unna und darüber hinaus.
»Erst einmal müssen wir Vertrauen schaffen«
Die Formen der Unterstützung sind so vielfältig wie die Menschen, die sie in Anspruch nehmen. Sie reichen vom Erziehungsbeistand über den begleiteten Umgang bei Trennungskindern bis hin zu sozialpädagogischen Familienhilfen. Die finanzielle Bewilligung durch das Jugendamt erfolgt meist für eine Mindestdauer von sechs Monaten und wird nach Bedarf angepasst. »Erst einmal müssen wir Vertrauen schaffen, ehe wir mit der eigentlichen Arbeit beginnen können«, erzählt Mitarbeiterin Hannah Duscha. »Manche Klienten glauben, sie müssten jetzt aufpassen, was sie sagen oder wie ihre Wohnung aussieht. Hier sind Verlässlichkeit und Kontinuität gefragt.« Ihre Kollegin Nora Jost ergänzt: »Ein gemeinsames Essen kann für die Schaffung einer vertrauensvollen Basis wichtiger sein als das Gespräch über die Schule. Irgendwann gehört man dazu, indem man einfach da ist. Wir begleiten zum Einkaufen, auf den Spielplatz oder stehen bei Fragen als erste Ansprechpartnerinnen bereit. Häufig moderieren wir auch die Kommunikation mit Schulen und Behörden oder vermitteln, falls nötig, an qualifizierte Fachstellen – zum Beispiel bei Essstörungen oder Depression.«
»Oft genügt es, an kleinen Stellschrauben zu drehen«
In vielen Familien ist eine stabile Tages- oder Wochenstruktur der erste Schritt zur Besserung. »Wenn beide Elternteile arbeiten, ergibt sich ein hohes Stresslevel: Sie müssen morgens pünktlich raus und abends noch alle Besorgungen erledigen, einkaufen und kochen«, erklärt Antje Bellaire. »Da fühlt man sich schnell, als wäre man in einem Hamsterrad gefangen.« Impulse von außen können den Teufelskreis durchbrechen. »Oft genügt es, an kleinen Stellschrauben zu drehen, um etwas zu bewirken: Beispielsweise können wir Zeiten anders planen oder neue Selbstständigkeiten mit Kindern und Jugendlichen erarbeiten.« Ein zusätzlicher Aufgabenbereich von Kolping Bildung Deutschland ist die Sparte Inklusion: SchulbegleiterInnen ermöglichen förderbedürftigen Kindern und Jugendlichen den Besuch einer Regelschule.
»Wir wollen, dass sie alleine loslaufen«
Ein weiteres Angebot richtet sich direkt an junge Erwachsene, die beim Umzug in ihre erste eigene Wohnung begleitet werden. Hier geht es dann um ganz basale Dinge: Wie schaffe ich es, nicht mehr so viele Lebensmittel wegzuschmeißen? Wie organisiere ich meine Finanzen? Nora Jost erinnert sich noch gut an eine junge Klientin: »Das Mädchen meinte nach dem Auslaufen der ambulanten Unterstützung: ›Jetzt bin ich alt genug, um das umzusetzen, was ich bei euch gelernt habe – im Notfall kann ich euch ja anrufen.‹ Und genau das möchten wir erreichen: Wir wollen, dass sie alleine loslaufen.« Teamleiterin Antje Bellaire bringt es auf den Punkt: »Ziel ist es, nicht mehr gebraucht zu werden.«
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