Stadtmagazin Lünen: Soziales

»… bis ich tot von der Bühne falle!«

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Lüner Musiker hilft Kindern in Afrika

Etwa alle 30 Minuten erhält ein Kind in Afrika die Schreckensdiagnose Leukämie. Für Betroffene ist eine Stammzellspende die letzte Hoffnung. Die Charity Stage Foundation (CSF), eine gemeinnützige Stiftung von Kulturschaffenden mit Sitz in Lünen und Ghana, veranstaltet landesweite Livekonzerte in Kombination mit Typisierungen, um für das Thema zu sensibilisieren und schnellstmöglich passende Spender zu finden. Immer mittendrin: der Lüner Musiker Tomas Simon.

Unter der Brücke

Im Jahr 2019 machte ihn eine Fernsehreportage auf die Missstände in dem afrikanischen Land aufmerksam. »Die Filmemacher dokumentierten, wie kleine Kinder barfuß über brennende Müllberge kletterten und nach Elektroschrott suchten«, erinnert er sich. »Das hat mich sehr bewegt.« Eine andere Szene zeigte Straßenkinder, die unter einer Autobahnbrücke hausten. »Die Kleinen hatten nicht mal einen Schlüpfer an. SUV-Fahrer hielten am Straßenrand und schmissen Lebensmittelabfälle aus dem Fenster. Als ich sah, wie die armen Würmchen um das Essen kämpften, habe ich direkt meinen Freund, den Buchautor Marion Jons, in Ghana angerufen. Noch in derselben Woche riefen wir die Stiftung ins Leben.«

»Wie ein Sechser im Lotto«

Als Mitarbeiter des Norddeutschen Knochenmark- und Stammzellspender-Registers hatte Tomas Simon zu dem Zeitpunkt bereits mehrere Typisierungsaktionen durchgeführt. Seine Erfahrungen wollte er nun auch in der neu gegründeten CSF einbringen. Schon bald starteten in Lünen und Umgebung die ersten Charity-Konzerte in Verbindung mit Typisierungen zugunsten afrikanischer Kinder. »Der Test selbst ist total unkompliziert und schmerzfrei – erforderlich ist lediglich ein Wangenschleimhautabstrich mit Wattestäbchen, den wir dann zur Analyse ans Labor weiterleiten«, erklärt er. »Für die Getesteten eine Sache von fünf Minuten – aber für die jungen Patienten, die ihren passenden genetischen Zwilling finden, ist es wie ein Sechser im Lotto.«

Stammzellenspende ohne OP

Die erhobenen Daten werden im stiftungseigenen Register gespeichert und automatisch mit internationalen Datenbanken abgeglichen. Theoretisch kann jeder gesunde Mensch im Alter zwischen 18 und 55 Jahren als Stammzellenspender in Frage kommen. »Eine Operation unter Vollnarkose ist nur in etwa zehn Prozent aller Fälle nötig«, so der Musiker. »Meistens genügt die sogenannte periphere Blutstammzellspende, bei der lediglich etwas Blut abgenommen wird. Registrierte Personen entscheiden selbst, für welches Verfahren sie zur Verfügung stehen, und können ihr Einverständnis jederzeit widerrufen.« Die meisten freuen sich jedoch, helfen zu können. »Bis heute haben wir 63 Kinder weltweit gerettet. Aber selbst, wenn es nur ein Kind gewesen wäre, hätte es sich gelohnt!«

»Hier kommst du nicht lebend raus«

Inzwischen ist die CSF bundesweit bekannt. Neben engagierten Privatpersonen melden sich immer mehr Unternehmen, die finanziell unterstützen und begehrte Sachgüter wie Rollstühle oder Rollatoren bereitstellen. Denn medizinische Hilfsmittel sind rar in Ghana. 2021 reiste Tomas Simon für sechs Monate nach Accra, um erste Spenden zu übergeben, einige Charity-Shows zu spielen und Kontakte zu knüpfen. Statt bequem im Hotel quartierte er sich vor Ort bei den Menschen ein. »Bei einer Fernseh-Doku kannst du wegschalten. Wenn du plötzlich mittendrin bist, sieht die Sache schon anders aus. Ich habe eine Woche gebraucht, um den Kulturschock zu überwinden. Dann fing ich mir gefühlt alle Krankheiten ein, die man in Afrika kriegen kann, von einer Stimmbandentzündung bis Malaria. Als ich schließlich in Accra im Krankenhaus landete, dachte ich: Hier kommst du nicht lebend raus.«

»Zwischen Lehmhütten ins Nirgendwo«

Er überlebte – und marschierte kilometerweit durch die Slums, um 5.000 gespendete Brillen an bedürftige Familien zu verteilen. »Ich wollte sichergehen, dass sie da ankommen, wo die Not am größten ist. Denn – das muss man sich mal vorstellen – in Ghana werden Hilfsmittel wie Brillen, Zahnersatz oder Prothesen weitervererbt. Solche Luxusgüter neu zu kaufen, kann sich dort keiner leisten. Deshalb bin ich einfach der Straße gefolgt, die zwischen Lehmhütten ins Nirgendwo führte, bis ich einen abgelegenen Marktplatz erreichte.« Auch 100 Kinderhörgeräte der Firma Kind und 5.000 Gummibärchentüten von Kaufland brachte er unter die Leute. »Die haben sich so gefreut – wenn ich daran denke, kriege ich immer noch Gänsehaut! Die Erfahrung hat mich aber auch total geerdet und mir gezeigt: Wir Deutschen jammern auf einem verdammt hohen Niveau.«

»Wir sehen uns als Mitmach-Stiftung«

Überwältigt von den Eindrücken der Reise, kamen bei Tomas Simon immer neue Ideen auf: Wie wäre es, ein Waisenhaus zu bauen? Eine Grundschule? Oder eine Suppenküche? Zusammen mit seinen afrikanischen Mitstreitern wählte er noch vor Ort geeignete Grundstücke aus. »Bauvorhaben sind in Ghana weniger streng geregelt als bei uns in Deutschland. Durch die in dem Land übliche Bambusleichtbauweise fallen die Kosten zudem deutlich geringer aus.« Nach Abschluss der Bauarbeiten sollen die Einrichtungen von ehrenamtlichen Ortskräften gemanagt werden. Viele von ihnen sind in der afrikanischen Kulturszene zu Hause. »Wir sehen uns als Mitmach-Stiftung, in der sich vor allem Künstlerinnen und Künstler engagieren. Dadurch, dass jedes Projekt einen Schirmherrn oder eine Schirmherrin hat, wird die Arbeit auf vielen Schultern verteilt.«

Eine warme Mahlzeit am Tag

Tomas Simon kann Menschen motivieren. Dies zeigte sich auch im Dezember 2024 bei ›Bares für Rares‹, wo er neben dem Gastgeber Horst Lichter große Teile des Publikums für seine Sache begeisterte. Rund 15.000 Euro an Spendengeldern wurden seit Ausstrahlung der Sendung gesammelt, die Sachspenden noch nicht mitgezählt. »Das war der Durchbruch«, freut sich der Musiker. »Dank der breiten öffentlichen Unterstützung können wir unsere Suppenküche in Accra noch dieses Jahr eröffnen, damit die Kinder dort wenigstens eine richtige Mahlzeit am Tag bekommen. Selbst wenn es nur eine Suppe ist – es hält den Bauch warm.« Mit jedem gespendeten Euro rücken auch die Visionen von einem Waisenhaus und einer Grundschule in greifbare Nähe.

»Diese Kids haben keine Lobby«

Im Dezember 2026 will Tomas Simon wieder in den Flieger steigen. »Als Stiftungsgründer trage ich die Verantwortung, dass die Spenden da ankommen, wo sie gebraucht werden.« Er träumt von einer Charity-Tournee quer durch Afrika, von Hilfsprojekten speziell für Frauen und Mädchen, tiergestützter Therapie und einem Schüleraustausch zwischen Lünen und Accra. »Wir haben viel vor – aber es wurde auch schon viel geschafft. Und ich schwöre: Ich mache weiter, bis ich tot von der Bühne falle! Diese Kids haben keine Lobby. Wir wollen ihnen eine echte Zukunftsperspektive ermöglichen.« Natürlich steht und fällt die gesamte Planung mit der Finanzierung. »Deshalb suchen wir jetzt fähige junge Damen, die Lust haben, uns ehrenamtlich bei der Spendenakquise zu helfen. Ohne Geld geht es nicht. Doch die Rettung von Menschenleben ist unbezahlbar!«   

Weitere Typisierungsaktionen mit afrikanischen Vereinen in NRW sind in Planung!
Infos und Termine: www.csf-gh.org · www.TomasSimon.com

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