Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

»Diskriminierung beginnt in den Köpfen«

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Im Gespräch mit der Lüner Gleichstellungsbeauftragten Heike Tatsch

Als Judoka kämpfte Heike Tatsch auf internationalem Niveau. Heute ringt die ehemalige Veteranen-Weltmeisterin abseits der Matte: Als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Lünen engagiert sie sich aktiv für Frauenrechte. Aber hinken wir in Sachen Gleichberechtigung wirklich so weit hinterher? Was müsste passieren, um Frauen zu stärken? Und welche Rolle spielen dabei eigentlich die Herren der Schöpfung? Wir haben nachgefragt.

Hallo Frau Tatsch, seit sechs Jahren stehen Sie nun schon als Gleichstellungsbeauftragte für Gerechtigkeit ein. Seit einem halben Jahr gehören Sie zusätzlich dem Sprecherinnengremium der Landesarbeitsgemeinschaft der kommunalen Frauenbüros und Gleichstellungsstellen NRW an. Was hat Sie motiviert, diesen Weg zu gehen?

Tatsächlich bin ich eine klassische Spätstarterin. Ich dachte immer: Mir geht’s doch gut. Als ich dann nach dem Ende meiner aktiven Judo-Karriere eine Übungsleiterinnenausbildung beim Landessportbund absolviert habe, um Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Frauen geben zu können, wurden mir die Augen geöffnet. Ich erkannte, dass Frauen auch bei uns in Deutschland noch immer strukturell benachteiligt sind. Da wollte ich denjenigen, die weniger Glück hatten als ich, etwas zurückgeben.

Bleiben wir kurz beim Thema Sport. Was ist Ihnen negativ aufgefallen?

Vergleicht man die Medienpräsenz von Sportlerinnen und Sportlern, ist ein Ungleichgewicht nicht zu übersehen. Studien haben ergeben, dass zu 87 Prozent der Sendezeit über Männer berichtet wird. Stehen doch einmal Frauen im Fokus, geht es meist um den Ehepartner oder den weiblichen Körper. Auch bei Sponsoring und Gehältern liegen Profisportlerinnen weit hinter den Männern zurück. Davon abgesehen gibt es kaum weibliche Funktionäre. Ähnliches stellen wir natürlich auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen fest, wie etwa in der Politik oder in den Führungsetagen von Unternehmen, wo Frauen deutlich in der Unterzahl sind.

Was sind die Ursachen für diese Ungleichbehandlung?

Wir leben in einem Patriarchat. Die Diskriminierung beginnt in den Köpfen: Männer gelten als stark, Frauen als ›das schwache Geschlecht‹. Viele Menschen halten es immer noch für selbstverständlich, dass der Mann Karriere macht, während Frauen den Großteil der Care-Arbeit leisten, sich zu Hause um Kinder und pflegebedürftige Angehörige kümmern. Daher sind sie in öffentlichen Ämtern unterrepräsentiert und können nicht für ihre eigenen Interessen eintreten. Bei uns in Lünen liegt die Zahl der weiblichen Ratsmitglieder bei unter 30 Prozent.

Was müsste geschehen, um diesen Zustand zu ändern? Haben Sie konkrete Verbesserungsvorschläge?

In der Politik könnten kürzere Sitzungen zu anderen Uhrzeiten oder auch digitale Formate helfen. Schwieriger wird es, in die Köpfe zu kommen, um die Kultur des Miteinanders zu ändern und die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Dies können wir nur in kleinen Schritten gemeinsam mit den Männern schaffen. Viele sind sich des Problems ja gar nicht bewusst. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Bei einem Vortrag wurden die Anwesenden gefragt, was sie machen, wenn sie nachts alleine auf der Straße unterwegs sind. Von den Frauen kamen Antworten wie: das Handy zur Hand nehmen, den Schlüssel zur Abwehr bereithalten. Und die Männer? Haben die Frage zuerst nicht verstanden! Meine Aufgabe ist es, für das Thema zu sensibilisieren.

Was würden Sie den Männern ans Herz legen?

Sich mit uns Frauen zu solidarisieren: Den Mund aufmachen und widersprechen, statt Catcalling einfach hinzunehmen oder bei sexistischen Herrenwitzen munter mitzulachen.

Was können Frauen selbst tun, um sich gegen Benachteiligung und Sexismus zu wappnen?

Es ist nicht leicht. Wenn mir schon als Mädchen eingetrichtert wurde: ›Sei leise, verhalte dich unauffällig!‹, muss ich erst einmal lernen, Raum einzunehmen, mir Gehör zu verschaffen. Die Folgen der unterschiedlichen Sozialisierung lassen sich im beruflichen Kontext gut beobachten. Bei Ausschreibungen oder neuen Aufgaben fragen sich viele Frauen zuerst ›Kann ich das überhaupt?‹ und bewerben sich gar nicht erst. Während Männer mit einem ähnlichen Profil denken: ›Toll, das ist genau mein Job!‹ Ich würde den Frauen raten, sich weibliche Vorbilder zu suchen und sich an diesen tollen Frauen zu orientieren. Außerdem kann man trainieren, sich durchzusetzen. Gemeinsam mit der Polizei biete ich im Herbst wieder einen Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskurs für Bürgerinnen an: An zehn Abenden trainieren wir Körpersprache, Stimme und Blick sowie einfache Selbstverteidigungstechniken.

Laut Website berät das städtische Gleichstellungsbüro auch Frauen in ›besonderen Situationen‹, etwa bei häuslicher oder sexualisierter Gewalt …

Grundsätzlich kann jede zu mir kommen, die etwas auf dem Herzen hat, wobei ich als Verwaltungsbeamtin nur eine sogenannte Verweisberatung durchführe. Über das Lüner Mädchen- und Frauennetzwerk tausche ich mich einmal im Quartal mit Ansprechpartnerinnen diverser Beratungsinstitutionen aus. Dadurch habe ich einen Überblick und kann Betroffene nach Bedarf weitervermitteln, zum Beispiel an die Beratungsstellen der AWO oder Caritas oder an die Mädchen- und Frauenberatungsstelle in Unna, die neben persönlichen Gesprächen auch Beratungen via Telefon, Video und WhatsApp-Chat anbietet. Denn nicht alle Opfer haben ein Auto, um mal eben nach Unna zu fahren. Gewalt kommt aber in jeder Kultur und in jeder sozialen Schicht vor: Dem Professor ›rutscht genauso die Hand aus‹ wie dem Fließbandarbeiter. Nur eines haben die Täter gemeinsam: Es sind meistens Männer.

In gewissen Kreisen wird das Problem zunehmend heruntergespielt oder gar instrumentalisiert. Verfechter rechter Gesinnungen würden feministische Errungenschaften am liebsten rückgängig machen. Bereitet Ihnen die Entwicklung Sorge?

Absolut! Ich sehe derzeit leider eher Rückschritte als Fortschritte. Rechtsextreme vertreten tradierte Rollenbilder, mit sehr realen Auswirkungen. Beispielsweise hat die AfD in Thüringen und Sachsen bereits Gesetzentwürfe vorgelegt, in denen die Pflicht zur Bestellung von kommunalen Gleichstellungsbeauftragten aufgehoben werden soll. Glücklicherweise wurden diese Gesetze nicht beschlossen. Auch Internetphänomene wie die ›Manosphere‹ oder ›Tradwives‹ machen mir Angst, weil sich gerade junge Menschen davon beeinflussen lassen. In Lünen werden Veranstaltungen des Gleichstellungsbüros eher von älteren Mitstreiterinnen der Generation ›Ü 60‹ wahrgenommen. An die Jüngeren heranzukommen, ist eine echte Herausforderung und doch so wichtig. Denn sie sind unsere Zukunft.

Die Aussichten sind also nicht gerade rosig … Haben Sie zum Abschluss vielleicht auch noch eine gute Nachricht für uns?

Wir bleiben dran! Immerhin haben wir jetzt eine Bürgermeisterin, die die Gleichstellungsarbeit aktiv unterstützt. Das ist ein Lichtblick! Auch dass heute mehr Opfer von Gewalt ihre Stimme erheben, ist positiv zu werten. Die Dunkelziffer ist nach wie vor hoch, doch Frauen sprechen eher über das, was ihnen passiert. Das Tabu bricht!

Lüner Gleichstellungs- und Frauenbüro

Heike Tatsch · Tel. 0 23 06 / 1 04-13 50
frauenbuero [at] luenen.de

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