»Wir sind wie Schutzengel«
Mobile Retter werden per Handy-App alarmiert
Ob zu Hause mit der Familie, bei seiner Arbeit oder beim Essen im Restaurant: Wenn der Alarm seines Handys losschrillt, lässt Daniel Magalski alles stehen und liegen. Als ehrenamtlicher ›Mobiler Retter‹ wird der Freiwillige Feuerwehrmann immer dann gerufen, wenn sich in seiner Nähe ein Notfall ereignet. »Man schaltet sofort in den Automatikmodus und es laufen die Prozesse ab, die man unter anderem bei der Feuerwehr gelernt hat.«
Oft schneller als der Notarzt
Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Sekunde. Im Jahr 2016 wurde daher das Projekt ›Mobile Retter‹ von geschulten Ersthelferinnen und Ersthelfern im Kreis Unna eingeführt: Passiert in ihrer Umgebung ein Notfall, werden sie per Handy-App alarmiert. Das System ist ebenso einfach wie effizient: Wenn jemand bei der Kreisleitstelle Unna anruft und eine bewusstlose Person meldet, ortet das System über GPS, welcher Ehrenamtliche sich nah am Geschehen befindet. Es folgt die lautstarke ›Einsatzanfrage‹ auf dem Smartphone – selbst wenn das Telefon im Kino oder Theater auf lautlos gestellt wurde. Das Ziel, Leben zu retten, steht über allem. Die Mobilen Retter erreichen den Einsatzort im Schnitt in 4,35 Minuten und sind damit oft schneller als der Notarzt. Kreisweit haben sich aktuell 457 Menschen bei dem Projekt registriert. Seit einer technischen Umstellung in 2018 wurden 1.898 absolvierte Einsätze gezählt.
»Dann wird der Kaffee nicht mehr ausgetrunken«
Daniel Magalski erinnert sich noch gut an sein allererstes Mal vor zehn Jahren: »Ich saß morgens beim Frühstück und wurde zur Wohnung einer älteren Dame in der Stadtmitte gerufen. Meine Kinder kannten das zum Glück schon, sie sind damit groß geworden: Wenn der Pieper losgeht, springt Papa auf. Ohne Wenn und Aber. Dann wird der Kaffee nicht mehr ausgetrunken. Ein anderes Mal stand ich gerade beim Einkaufen an der Kasse und musste die Ware auf dem Band liegen lassen. Ich habe der Kassiererin gesagt, dass ich später wiederkomme. Stehen Menschenleben auf dem Spiel, haben die meisten Verständnis. Und falls sich doch mal jemand gestört fühlt, nehme ich das gerne in Kauf.«
»Weil man von jetzt auf gleich ins Leben einer anderen Person eintaucht«
Ob in Privathäusern oder öffentlichen Einrichtungen, im Supermarkt oder im strömenden Regen am Straßenrand: Die Mobilen Retter helfen, wo es nötig ist. In der Anfangsphase errang Daniel Magalski einen traurigen Rekord: Mit zwölf Einsätzen in den ersten drei Monaten war er der am häufigsten alarmierte Ehrenamtliche im gesamten Kreisgebiet. Inzwischen hat er zu zählen aufgehört. »Bei aller Routine, die es braucht, sind Reanimationen in privaten Wohnungen immer besonders emotional«, erzählt er. »Weil man von jetzt auf gleich ins Leben einer anderen Person eintaucht, die Bilder auf dem Schrank sieht, Angehörigen begegnet.« Ob es nicht auch mal zu Irritationen führt, dass plötzlich ein Fremder in Zivil vor der Tür steht? »Die Menschen sind in der Regel eher dankbar, auch wenn wir nicht in großen roten Autos mit Blaulicht vorfahren. Wir sind wie Schutzengel, die bis zur Ankunft des Rettungsdienstes übernehmen und dann wieder verschwinden. In der Regel erfahren wir nicht mal, ob der Patient es geschafft hat.«
Staying Alive
Grundsätzlich kann jede Person Mobiler Retter werden, die eine entsprechende Qualifikation mitbringt: Sei es, weil sie als Ärztin, beim Rettungsdienst, als Pflegefachkraft oder auch als Sprechstundenhilfe in einer Praxis arbeitet. Einen eigenen Qualifikationskurs gibt es nicht, jedoch verpflichten sich die Betreffenden zur Teilnahme an regelmäßigen Fortbildungsveranstaltungen. Hier werden mögliche Szenarien durchspielt, Übungspuppen reanimiert, aktuelle Leitlinien besprochen. Seit dem Erste-Hilfe-Workshop beim Führerscheinkurs vor zwanzig Jahren hat sich manches verändert. »Als Mobile Retter reanimieren wir oft, aber auch für alle Privatleute ist eine Auffrischung des Wissens sinnvoll«, berichtet Daniel Magalski. »Reanimiert wird im Rhythmus 30 zu 2, also dreißig Herzdruckmassagen und zwei Beatmungen. Wer sich das nicht zutraut, muss aber nicht zwingend beatmen. Das ›Drücken‹ hat oberste Priorität. Je später mit der Herzdruckmassage begonnen wird, umso geringer sind die Überlebenschancen des Patienten.«
Kleiner Stromstoß mit großer Wirkung
Um die Reanimationschancen weiter zu erhöhen, wurden die Mobilen Retter im Kreis Unna im Zuge eines Spendenaufrufs des Vereins ›Lüner helfen Lünern‹ mit 14 Defibrillatoren ausgestattet. Dabei handelt es sich um laien-sichere Geräte, wie man sie aus öffentlichen Gebäuden kennt. »Zwei Kabel werden mit Aufklebern am Oberkörper des Patienten befestigt«, erklärt Daniel Magalski. »Das Gerät analysiert daraufhin selbstständig die Herztätigkeit und löst, falls nötig, einen gezielten Stromstoß aus, etwa bei einem Kammerflimmern.« Er betont, dass all dies parallel zur klassischen Reanimation geschehe. »Die Herzdruckmassage hat immer Vorrang. Wenn ich als Ersthelfer alleine bin, sollte ich keinesfalls losrennen, weil zwei Häuser weiter ein Defibrillator hängt. Denn diese Verzögerung würde wertvolle Minuten kosten. Stattdessen sollte ich umgehend mit der Wiederbelebung beginnen.«
Eine Garantie gibt es leider nie. Doch wird nur ein Menschenleben gerettet, hat sich die Mühe schon gelohnt. Daniel Magalski hält sich weiter als Mobiler Retter bereit – selbst wenn das bedeutet, dass er den Kaffee beim Familienfrühstück ab und an stehen lassen muss.
Spendenkonto:
Lüner helfen Lünern e. V.
Stichwort ›Defibrillator‹
DE39 4415 2370 0000 0714 80
Sparkasse an der Lippe
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