30 Jahre Bürgerbücherei Brambauer
Ein Haus voller Geschichte(n)
Ulla Dehnert ist mit Geschichten aufgewachsen. Als Kind lauschte sie den Erzählungen ihres Großvaters, Grimms Märchen kannte sie in- und auswendig. »Und wehe, Opa hat etwas ausgelassen!«, erinnert sie sich. »Das ging gar nicht!« Ihr erstes Buch bekam sie im Jahr ihrer Einschulung zum Geburtstag geschenkt. »Da habe ich die Gäste links liegen lassen und mich verzogen, weil ich lieber lesen wollte.« Die Liebe zur Literatur prägt das Leben der 76-Jährigen bis heute. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin und Vorsitzende der Bürgerbücherei Brambauer ist sie die erste Ansprechperson für lesebegeisterte Menschen vor Ort – der 30. Geburtstag der Einrichtung ist zugleich ihr 20. Dienstjubiläum.
3.000 Unterschriften retteten die Bücherei
Wie viele gemeinnützige Initiativen hat auch die Bürgerbücherei Brambauer eine bewegte Vergangenheit. Alles begann Anfang der Neunziger mit der Schließung der Zweigstelle der Stadtbücherei. Leserinnen und Leser sollten zum Ausleihen nach Lünen kommen – was bei den Anwohnern auf begrenzten Enthusiasmus stieß. 1994 sammelten drei engagierte Damen aus Brambauer 3.000 Unterschriften für die Rettung ihrer Bibliothek. Im Folgejahr berieten Vertreter der Parteien und der ev. Gemeinde über die Zukunft der Einrichtung. Ergebnis: Ein Ort für Literatur sollte erhalten bleiben – mit ehrenamtlichen Mitteln. »Die Bücher waren ja da«, so Ulla Dehnert. »Jetzt galt es, die Finanzen zu regeln und einen neuen Standort zu finden.« Im Mai 1996 wurde die Bürgerbücherei Brambauer offiziell eröffnet – damals noch im Pavillon der Achenbachschule. Kurz darauf gründete sich der Förderverein.
Von Krimis, Herzschmerz und ›alten Schinken‹
Seitdem hat sich viel getan: Umzüge, finanzielle Engpässe, rettende Spenden und jede Menge Herzblut verbanden sich zu einer eigenen turbulenten Geschichte. Heute ist die Büchersammlung im Obergeschoss des alten Bürgerhauses untergebracht. Doch wer an fleckige Karteikarten und dicke Wälzer in verstaubten Regalen denkt, wird positiv überrascht: Hinter der Tür zur Bürgerbücherei entfaltet sich eine bunte Welt mit über 10.000 Medien aus unterschiedlichsten Genres. »Anfangs wurde die Ausleihe tatsächlich noch über eine Leserkartei abgewickelt«, erzählt Ulla Dehnert. »Inzwischen haben wir aber einen Computer. Und die ganz ›alten Schinken‹ wie Karl May oder die Pucki- und Goldköpfchen-Reihen aus den 30er-Jahren dienen eigentlich nur noch als historisches Anschauungsmaterial. Die Leute bevorzugen Krimis oder Herzschmerz.« Davon gibt es reichlich, inklusive aktueller Bestseller. »Nur von den Sachbüchern haben wir uns getrennt, da wir diese nicht auf neuestem Stand halten können: Eine fachliche Abhandlung von 1980 nützt keinem was.«
Lesen und Vorlesen
In Zeiten, in denen gefühlt alles teurer wird, werden Bibliotheken gern genutzt. Ab und an finden in der Bürgerbücherei Brambauer auch Autorenlesungen statt – zuletzt war die vom Kulturamt geförderte Veranstaltung im Rahmen der Krimireihe ›Blutige Lippe‹ ein voller Erfolg. »Wir hatten 20 Stühle bereitgestellt – und mussten dann wegen des großen Andrangs noch 20 dazustellen. Einige Gäste haben auf Tischen gesessen!« Für kleine Leseratten gibt es ein extra Kinderzimmer. Darüber hinaus richtet die Bücherei den jährlichen Vorlesewettbewerb der Grundschulen in Brambauer aus. Beliebt sind auch die Vorlesestunden, die Ehrenamtliche in der Wittekindschule anbieten. »Da merken wir, wie wichtig unsere Arbeit ist«, berichtet Ulla Dehnert. »In manchen Familien gibt es anscheinend keine Bücher. Die Kinder können zum Teil nicht zuhören. Zum Glück lernen sie es im Laufe der Zeit. Manche finden es dann so toll, dass sie kommen und uns in den Arm nehmen wollen.«
»Unglaublich nette Stammkunden«
Es ist kaum zu glauben, dass hinter all diesen Aktionen ein kleines Team von nur 15 Freiwilligen steht. Einige von ihnen sind sogar länger dabei als Ulla Dehnert und erinnern sich noch an die Gründungszeit. »Das ist schon eine Riesenleistung, so etwas über 30 Jahre aufrechtzuhalten«, freut sich die Vorsitzende. »Aber wir haben in dieser langen Zeit auch unwahrscheinlich nette Stammkunden gewonnen: Eine Leserin bastelt uns beispielsweise immer Lesezeichen zum Weiterverschenken. Eine andere Dame, weit über 80, bringt uns zu Weihnachten jedes Mal eine große Tüte voller Kaffee und Gebäck und einen Umschlag mit Scheinen vorbei. Inzwischen hat sie uns sogar das Du angeboten! Darüber freuen wir uns wahnsinnig.«
»In andere Welten abtauchen«
Wer sich im Team der Bürgerbücherei Brambauer engagieren möchte, wird mit offenen Armen empfangen. Die Aufgaben sind vielfältig – und so wichtig! Ulla Dehnert will so lange weitermachen, wie sie kann. »Lesen ist für mich: in andere Welten abtauchen. Ich habe mir aus praktischen Gründen einen E-Bookreader zugelegt, den ich überall hin mitnehme, um Wartezeiten zu überbrücken – und ich kann mich richtig festlesen.« Ihre Eindrücke teilt sie gerne mit ihren Mitmenschen. »Meine aktuelle Empfehlung: ›Der Dorfladen‹ von Anne Jacobs. Eine wunderbare, authentisch geschriebene Familiengeschichte, die sich über Generationen erstreckt.« Das Buch gibt es – natürlich – auch als Printversion in der Bürgerbücherei.
Tipp: An jedem zweiten Mittwoch im Monat lädt die Einrichtung zum Klöntreff. Ab 14.30 Uhr locken Kaffee, Kekse und Gespräche – auch aber nicht nur über Literatur. Eine Anmeldung ist nicht nötig, der Eintritt ist gratis. Wer möchte, kann etwas ins Sparschwein werfen und damit den Verein unterstützen.
Bürgerbücherei Brambauer im Bürgerhaus Brambauer
Yorckstr. 19 · Tel. 02 31 / 7 28 70 17
Öffnungszeiten:
Mo. 9–12 Uhr · Mi. 14–17 Uhr · Do. 10–12 und 15–18 Uhr
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