»In diesem Job muss man ein Teamplayer sein«
Zu Gast bei Martina Förster-Teutenberg
Beim Stichwort ›Bürgermeister‹ entsteht in manchen Köpfen immer noch das Bild einer abgehobenen Elite, die in ihrem Türmchen regiert und den Alltag der Menschen nur aus der Ferne kennt. Mit der Realität hat dieses Stammtisch-Klischee wenig gemein – wenngleich das Lüner Rathaus dank seiner stolzen Höhe von 54 Metern durchaus Elfenbeinturmqualitäten aufweist. Seit November 2025 ist das Bürgermeisterbüro im 9. Stock neu besetzt: Mit Martina Förster-Teutenberg steht erstmals eine Frau an der Spitze der Stadtverwaltung. Statt Einzelkämpfe auszufechten, setzt die sympathische SPD-Politikerin auf Austausch und Teamwork. Wir sprachen mit ihr über bekannte Herausforderungen und neue Wege, über Attacken in sozialen Medien, die Hundesteuer, das Sicherheitsgefühl in der Stadt und Lünens »versteckte« Potenziale. Außerdem hat sie uns verraten, welchen Moment seit ihrer Ernennung sie nie vergessen wird und mit wem sie gerne einen Kaffee trinken würde …
Hallo Frau Förster-Teutenberg, erst einmal Glückwunsch zur gewonnenen Wahl. Erinnern Sie sich noch, was Sie als Kind werden wollten?
Ich mochte schon immer Tiere, daher hätte mein Siebenjähriges Ich auf die Frage nach dem Traumberuf wohl »Tierärztin« geantwortet.
Doch es kam anders …
Tatsächlich bin ich Stadtplanerin geworden und habe später einige Jahre in der Firma meines Mannes gearbeitet. Politisch engagiere ich mich seit 2019. Das mit der Bürgermeisterkandidatur war aber nicht von langer Hand geplant. Während der Wolski-Affäre hat man mich überraschend angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, den Posten der ehrenamtlichen stellvertretenden Bürgermeisterin zu übernehmen. Und irgendwann hieß es dann: Stellvertreterin bist du schon – warum nicht auch hauptberuflich?
Sie beschreiben sich auf Ihrer Website als Teamplayer, Freundschaften sind Ihnen wichtig. Sind Sie für Ihre Mannschaft im Rathaus Martina oder Frau Förster-Teutenberg?
In diesem Job muss man ein Teamplayer sein, das geht gar nicht anders. Die vielfältigen Aufgaben wären ohne gute, verlässliche Fachabteilungen nicht zu schaffen. Für die Mitarbeitenden bin ich hoffentlich Martina.
Die Lüner Stadtverwaltung hat rund 1.000 Beschäftigte in unterschiedlichsten Bereichen. Was tun Sie, um sich mit den Menschen und Abläufen vertraut zu machen? Gehen Sie von Büro zu Büro? Oder laden Sie alle zu einem gemeinsamen Frühstück ein?
Beides! An meinem ersten Arbeitstag am 3. November habe ich in der Tat ein großes Frühstück mit Brötchen, Kaffee und Sekt veranstaltet. Am selben Tag habe ich auch damit begonnen, mich von der 14. Etage des Rathauses nach unten zu arbeiten und mich überall vorzustellen.
Was sind momentan Ihre größten Herausforderungen?
Anders als viele meiner Amtskollegen komme ich nicht aus der Verwaltung, sondern bin in der Privatwirtschaft groß geworden – was jedoch nicht zum Nachteil ist: Finanzen sind das schwierigste Thema aller Kommunen. Der Blick von außen, gepaart mit finanzwirtschaftlichem Know-how, hilft ungemein. Es gibt aber auch Dinge, die einen unvorbereitet treffen: wenn man zur Trauerfeier eines Schülers muss oder nach einem tragischen Todesfall wie jüngst in Gahmen mit besorgten Nachbarn spricht. Für so etwas kann man sich nicht wappnen.
Apropos ›wappnen‹: PolitikerInnen stehen heutzutage zunehmend im Kreuzfeuer und müssen insbesondere in den Sozialen Medien einiges einstecken …
Bei Social Media wird leider jede Menge Meinung ohne Wissen verbreitet. Als Bürgermeisterin werde ich hier gerne als Entscheiderin für alles dargestellt. Das bin ich nicht! Beschlüsse werden ja im Rat von den gewählten Vertretern getätigt. Bund und Land haben oft auch noch ein Wörtchen mitzureden. Trotzdem erreichen mich täglich negative Kommentare, oder es stehen Leute vor der Tür, die sich bei mir persönlich beschweren möchten. Beispiel Hundesteuer: Diese wurde vom Rat erstmals seit zehn Jahren um 48 Euro pro Jahr erhöht – das macht 4 Euro mehr pro Monat. Dass dies sämtliche Medien auf den Plan ruft, habe ich noch in keiner anderen Stadt erlebt. Zumal wir uns in einem Haushaltssicherungskonzept befinden, d. h. wir müssen in 10 Jahren die schwarze Null erreichen – was übrigens nichts mit Misswirtschaft meiner Vorgänger zu tun hat, sondern mit der mangelnden Finanzierung der Aufgaben, die den Kommunen von Bund und Land übertragen wurden. Zur Sanierung des Haushalts haben Kommunen kein anderes Mittel, als Steuern zu erhöhen.
Werden Sie als Frau härter angegangen als Ihre männlichen Kollegen?
Frauen werden häufig mit Fragen konfrontiert, die man bei Männern nie stellen würde, allen voran die Frage: »Kann die das überhaupt?« Nach meiner Erfahrung müssen wir immer 110 Prozent leisten, dürfen dabei aber ja nicht zu selbstsicher wirken. Mir wurde schon im Wahlkampf gesagt: »Halt, stopp! Ein Frauenwahlkampf läuft völlig anders.« Selbstbewusste Männer kommen gut an. Bei Frauen heißt es schnell: »Die hat Haare auf den Zähnen.« Ist man dagegen zu nahbar, muss man sich die Frage gefallen lassen, wie man eigentlich an seine Position gekommen ist. Oder man wird in E-Mails plötzlich mit »Schätzchen« angesprochen. Man muss also höllisch aufpassen.
Nehmen Sie sich verbale Attacken zu Herzen oder bleiben Sie immer cool?
Ganz freimachen kann ich mich davon nicht, schließlich bin ich immer noch ein Mensch. Doch ich versuche, mich auf diejenigen zu konzentrieren, die ihre Kritik von Angesicht zu Angesicht äußern und an Lösungen interessiert sind: Am 27. Januar startet die Bürgersprechstunde, die ich an jedem vierten Dienstag nach Terminvereinbarung im Rathaus anbiete. Ohne Termin kann man mich jeden ersten Freitag von 11 bis 13 Uhr auf dem Marktplatz ansprechen. Neu in Planung sind zudem Stadtteilgespräche, bei denen wir neben Anwohnern auch Firmen, Vereine und Verbände einladen. Mein Job ist es, bei den Menschen zu sein und sie in Prozesse einzubeziehen: Warum wurde so oder so entschieden? Was sollen wir als Nächstes anpacken? Natürlich läuft nicht alles rund, aber ich halte Lünen für eine positive Stadt mit vielen versteckten Potenzialen.
Können Sie Beispiele für solche Potenziale nennen?
Die Lage zwischen Ruhrgebiet und Münsterland: Wir genießen best of both worlds, eine einmalige Mischung aus Stadt und Natur. Und natürlich die Lippe, die mitten durch die Innenstadt fließt. Da ich in Altstedde wohne, nutze ich im Sommer gerne den schönsten Weg zur Arbeit: mit dem Fahrrad über den Lippedamm. Nicht zu vergessen: die hier lebenden Menschen. Wer in Lünen ein Projekt anstößt, findet in der Regel viele Mitstreiter, die Lust haben, sich zu engagieren.
Auch wenn Sie noch nicht lange im Amt sind – welche Projekte liegen Ihnen aktuell am Herzen und gibt es schon erste Erfolge zu vermelden?
Wir haben beispielsweise die jährliche Sicherheitskonferenz wieder aufleben lassen. Hier treffen sich Vertreter von Polizei, Zoll, Ordnungsamt und Jugendamt. Darüber hinaus ist ein Sicherheitsdialog geplant, an dem auch Feuerwehr und Wohnungsbaugenossenschaften teilnehmen. Es gibt in Lünen kein überdurchschnittliches Sicherheitsproblem – jedoch ein subjektives Unsicherheitsgefühl, das eng mit Sauberkeit und Ordnung verknüpft ist. Bei den Begegnungen wird es u. a. um Zuständigkeiten gehen. Für Bahnhöfe ist etwa die Bahnpolizei zuständig, Landespolizei und Ordnungsamt können nicht einfach auflaufen. Ein Weg zur Besserung wäre, dass wir Kooperationen optimieren und endlich alle an einem Strang ziehen.
Bekommen Sie noch genug Schlaf?
Es ist ein 24/7-Job. Man hat nie wirklich frei. Selbst an Feiertagen fährt man von einer Benefizveranstaltung zur nächsten. Ich komme momentan nicht mal zum Friseur. Der Schlaf ist noch so eben ausreichend, aber knapp.
Was war für Sie der schönste Moment seit Ihrer Ernennung?
Als es bei meinem Einstand so voll war, dass die Menschen nicht aus dem Paternoster aussteigen konnten. Die entspannte Stimmung tat richtig gut. So herzlich aufgenommen zu werden, vergisst man nicht.
Falls es Ihnen doch mal gelingt, sich für ein paar Stunden abzuseilen, wie verbringen Sie Ihre Freizeit?
Im Pferdestall! Ich bin Hobbyreiterin und teile mir mit meiner Tochter ein Dressurpferd. Das ist weniger Glitzer, mehr Schubkarre und Pferdemist.
Mit wem würden Sie gerne einmal einen Kaffee trinken gehen?
Michelle Obama. Großartige Frau! Vielleicht würde ich sie fragen, was ihr Rezept für mehr Gelassenheit bei Anfeindungen im Internet ist.
Wovor haben Sie Angst, was macht Sie glücklich?
Die weltweiten Krisen können einen schon nervös machen. Ebenso die Finanzkrise vor Ort, die wir als Verwaltung ohne Hilfe nicht stemmen können. Aber Angst ist ein schlechter Berater. Wir sollten Respekt haben, jedoch niemals aufgeben. Was mich glücklich macht? Jeden Tag ins Rathaus zu gehen und die Stadt gemeinsam mit Gleichgesinnten voranzubringen.
Wo sehen Sie sich bzw. Lünen in 5 Jahren?
Da die Umsetzung großer Projekte meist länger dauert, sitze ich dann hoffentlich immer noch hier. Lünen hat bis dahin einen schönen Landschaftspark, der im Rahmen der IGA 2027 geschaffen wurde. Auf der STEAG-Brache entstehen neue Arbeitsplätze. Wir arbeiten weiter an bezahlbaren Wohnungen und einer sicheren, sauberen Stadt.
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