Stadtmagazin Lünen: Historisch

Von Karl dem Großen bis Grace Kelly

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Auf Spurensuche mit einem Ahnenforscher

Stellen Sie sich vor, Sie wären mit Karl dem Großen verwandt! Was wie eine Stammtischfantasie klingt, ist laut moderner Familienforschung gar nicht so abwegig. Der legendäre Herrscher war bekanntermaßen kein Kind von Traurigkeit: Aus fünf Ehen gingen 18 Kinder hervor – die sogenannten ›Bastarde‹ noch nicht einmal mitgerechnet. Rund 40 Generationen sind seitdem vergangen. Setzt man eine stetig wachsende Zahl von Nachfahren voraus, kommt man auf viele Millionen Menschen, die heute einen Hauch karolingischer Abstammung in sich tragen. Einer von ihnen ist Dieter God, passionierter Genealoge und Gründer des Vereins für Computergenealogie e. V.

»Woher kommt mein Name?«

Wer ihn zu Hause in seiner Wohnung im Lüner Geistviertel besucht, fühlt sich wie in einem kleinen Archiv: Die Wände sind mit Plänen und Karten geschmückt. Aktenordner stehen dicht an dicht in den Regalen. Weitere Mappen stapeln sich auf dem Tisch. »Ich bewahre hier über 10.000 Sterbeanzeigen aus dem Raum Lünen und Dortmund auf«, erzählt uns der 69-Jährige. »Diese liefern die besten Informationen, um Personen nachzuverfolgen und familiäre Linien eindeutig zuzuordnen.« Bereits mit 16 packte ihn die Neugier. »Ich wollte wissen: Woher kommt mein Name? Was bedeutet er?« Dieter God wälzte das Familienbuch, löcherte seine Großeltern. »Leider kam ich bei meinem Großvater väterlicherseits nicht so recht voran: Er stammte aus Kattowitz in Oberschlesien, daher konnte ich die entsprechenden Unterlagen nicht einsehen.«

Aufbau einer Online-Datenbank

Mit der Entstehung des Vereins für Computergenealogie (CompGen) nahm das Projekt ab 1989 Fahrt auf. Die Stammbaumjäger begannen, historische Quellen systematisch zu sichten: Kirchenbücher, Adressverzeichnisse, Todesanzeigen, standesamtliche Register, private Aufzeichnungen. Ziel: der Aufbau einer überregionalen Online-Datenbank. »Ahnenforschung per Computer ist heute nicht wegzudenken – damals wurde die Idee belächelt«, erinnert sich Dieter God. Und auch sonst hatten die Geschichtsdetektive mit etlichen Hürden zu kämpfen. »Bei unehelichen Kindern waren die Einträge oft lückenhaft. Erschwerend kam hinzu, dass beispielsweise die Standesämter Auskünfte nur an enge Angehörige oder aber nach Ablauf langjähriger Fristen erteilen.« Perspektivisch sollte sich die Mühe dennoch auszahlen: Mit 4.500 Mitgliedern und über 50 Millionen gesammelten Personendatensätzen ist der Verein eine wichtige Anlaufstelle für Wissenschaftlerinnen und Hobbygenealogen in aller Welt.

»Im 30-jährigen Krieg wurden eine Menge Bücher verbrannt«

Schritt für Schritt kam auch die Lüner Spurensuche in Schwung. Mit jedem erfassten Dokument öffnete sich ein weiteres Fenster in vergangene Welten. Wer hier eintaucht, verliert sich leicht in den Wirren der Geschichte. Plötzlich befinden wir uns mitten in der Industrialisierung, in einem Strom aus Gastarbeitern, die ihr Glück in der Lippestadt suchen, sich mit Lüner Töchtern vermählen und so ganz neue familiäre Zweige begründen. Gehen wir noch ein Stückchen weiter zurück, gelangen wir ins berüchtigte ›Jahr ohne Sommer‹ 1816, ausgelöst durch den Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien. Viele Menschen wanderten in dieser Zeit des Hungers nach Amerika aus. Die Wurzeln einiger alteingesessener Landwirte wie Goerz oder Busemann können wir sogar bis 1646 zurückverfolgen, ehe ihre Fährten verblassen. »Im 30-jährigen Krieg wurden eine Menge Bücher verbrannt«, erklärt Dieter God, für den Lücken kein Grund zum Aufgeben sind. Ihn fasziniert, wie frühere Generationen gelebt, welche Konflikte sie ausgefochten haben. »Es ging um Macht – nicht anders als heute.«

Verbindungen zu 5.000 Lüner Familien

Mithilfe moderner Software gelang es ihm schließlich auch, seine eigene Herkunft zu entschlüsseln. Mütterlicherseits deckte er verwandtschaftliche Verbindungen zu 5.000 Lüner Familien auf, darunter bekannte Namen wie Rüschkamp oder Stolzenhoff. Historische Persönlichkeiten mit internationaler Strahlkraft tauchen in seinem Stammbaum ebenfalls auf, etwa Grace Kelly (1929–1982), Katharina die Große (1729–1796), Martin Luther (1483–1546), Dschingis Khan (1155–1227) und natürlich Karl der Große (747/748–814). Am weitesten zurück reicht jedoch eine Linie, die den Hobbyforscher nach eigener Aussage über rund 66 Generationen bis zu einem gewissen Kaiser Wu von China führt.

Kaffee mit Wilhelm dem Eroberer

Nimmt man das weit verzweigte Diagramm genauer in Augenschein, tritt Kurioses zutage: Bestimmte Talente scheinen hier tatsächlich in der Familie zu liegen. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Sozialversicherungsfachangestellter hat sich Dieter God zeitlebens politisch engagiert, vom Schülersprecher bis hin zu Bundespolitik. »Ich konnte immer gut reden«, verrät er. Da überrascht es kaum, dass sich in seiner Ahnengalerie Bürgermeister, Prediger und Anführerinnen tummeln. Mit welchem seiner berühmten Vorfahren er sich am liebsten auf einen Kaffee verabreden würde? »Wilhelm der Eroberer, der 1066 England eingenommen hat. Ich würde ihn fragen, was er vorhat und wie er sich einen neuen Staat vorstellt.«

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