Stadtmagazin Lünen: Gesundheit und Wellness

»Waldluft ist Medizin zum Atmen«

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Warum Waldbaden gesund und glücklich macht

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in den Wald, um zu baden – ja, genau, Sie haben richtig gehört. Das oft als ›Bäumekuscheln‹ belächelte Waldbaden (japanisch: ›Shinrin Yoku‹) wird heute längst nicht nur von Esoterikerinnen und Hobbydruiden praktiziert. Es ist auch eine anerkannte Methode zur Stressbewältigung. Und während einige noch schmunzelnd den Kopf schütteln, belegen zahlreiche Studien, dass der Aufenthalt in der Natur tatsächlich Balsam für Körper und Seele sein kann. Also, warum nicht einfach mal raus ins Grüne – und dabei vielleicht sogar ein paar Bäume streicheln? Bei uns bietet Angelika Auer als zertifizierter Wald-Gesundheits-Scout entsprechende Workshops und Kurse an.

Von der Busfahrerin zum Wald-Gesundheits-Scout

»Es ist so herrlich im Wald«, schwärmt die Lünerin, die als Gruppenleiterin für die VHS und den SGV im Einsatz ist. »Und der positive medizinische Effekt ist wissenschaftlich erwiesen.« Ihr besonderes Interesse an dem Thema hat einen ernsten Hintergrund: Im Jahr 2022 wurde Angelika Auer während ihres Dienstes als Busfahrerin der DSW21 Opfer eines körperlichen Übergriffs. Sie erinnert sich noch sehr genau an jenen 12. August, an dem sich ihr Leben für immer ändern sollte. »Es war mitten in der Corona-Pandemie, und ein junger Fahrgast weigerte sich beim Einstieg, seine FFP2-Maske aufzusetzen. Erst hat er mich aufs Übelste mit Schimpfworten beleidigt, die so schlimm waren, dass ich sie gar nicht wiedergeben kann. Dann versuchte er mit bloßen Fäusten, den Glasschutz in meiner Kopfhöhe zu zerschlagen. Mein ganzer Körper bebte und zitterte. Ich wies ihn an, auszusteigen. Er schien der Aufforderung zunächst nachzukommen, kehrte dann aber noch einmal um, langte mit dem Arm durch den Spalt der Schutzscheibe und boxte mir mit voller Wucht ins Gesicht. Mit einer vulgären Beleidigung verschwand er in einer Seitenstraße.«

»Ich rate allen Opfern von Gewalt: Nehmt Hilfe an!«

Als die Polizei eintraf, war der Täter schon über alle Berge. Angelika Auer verbrachte die Nacht mit einer geschwollenen Schläfe im Krankenhaus. Doch die wahren Folgen zeigten sich erst später zu Hause: Sehstörungen, Schlafprobleme, Luftnot, Panikattacken. »Die Attacke hatte mich mental, psychisch und physisch komplett aus der Bahn geworfen«, berichtet sie. »In belastenden Situationen, die ich früher weggesteckt hätte, bekam ich plötzlich Heulkrämpfe. Ich hasse es, zu bläddern, aber mein Körper hat durch Trigger die Kontrolle übernommen und alles rausgelassen, obwohl mein Verstand wusste, dass der Konflikt harmlos ist. Das war neu für mich.« Die Ärzte rieten ihr, sich therapeutische Hilfe zu holen. Die fand sie nach langem Suchen im Frühsommer 2023 über den Weißen Ring. »Ich rate allen Opfern von Gewalt: Nehmt Hilfe an! Ihr kommt wieder in die Spur. Es braucht Zeit, aber irgendwann wird es besser.«

»Wandern hatte mir immer gutgetan – jetzt wusste ich auch, warum«

Eine vollständige Rückkehr zur täglichen Routine wollte ihr jedoch trotz therapeutischer Unterstützung nicht so leicht gelingen. Dies äußerte sich zum Beispiel darin, dass Angelika Auer einen großen Bogen um öffentliche Verkehrsmittel machte. »Ich konnte einfach nicht mehr in den Bus steigen, nicht mal als Fahrgast.« Stattdessen wanderte sie. »Ohne Ende, immer weitere Strecken. Draußen in der Natur war ich ganz alleine, da habe ich mich sicher gefühlt und gemerkt, wie gut mir der Wald tut. Diese Erfahrung wollte ich gern mit anderen teilen.« Im November 2022 absolvierte die inzwischen pensionierte Busfahrerin beim SGV Lünen-Selm einen Lehrgang zur Wanderführerin. Im Frühsommer 2024 entdeckte sie eine Ausschreibung der in Arnsberg ansässigen Wanderakademie NRW des SGV zum zertifizierten Wald-Gesundheits-Scout. »Das Angebot war wie für mich geschrieben – es hat mir förmlich zugewunken«, erzählt sie. »Im Juli 2024 durchlief ich das Blockseminar, das überwiegend im Wald stattfand und sehr erhellend war. Wandern hatte mir immer gutgetan – jetzt wusste ich auch, warum.«

Wie Bäume den Serotoninspiegel steigern

Angelika Auer lernte die heilsame, Kraft spendende Energie der Bäume kennen. »Waldluft ist Medizin zum Atmen«, schwärmt sie. »Seit ich das Waldbaden praktiziere, brauche ich keine blutdrucksenkenden Tabletten mehr.« Was für Laien unglaublich klingt, lässt sich wissenschaftlich herleiten: »Bäume kommunizieren mit pflanzeneigenen Duft- und Botenstoffen, die sogenannten Pheromone und Terpene. Diese wirken auch auf uns Menschen ein: Sie regulieren den Blutdruck, senken den Cortisolspiegel (Stresshormone), hemmen krankmachende Bakterien und steigern die Ausschüttung des ›Glückshormons‹ Serotonin.« Als ob das noch nicht genug wäre, beschenkt uns der Wald mit einer ›Welt der Fülle‹. »Den meisten Menschen mangelt es ständig an irgendetwas: Geld, Zeit, Aufmerksamkeit, Liebe, Ruhe, Gesundheit«, so Angelika Auer. »Im Wald gibt es das alles, ich muss es nur annehmen: saubere Luft, Düfte, neue Eindrücke, Erholung, wunderschöne Vogelkonzerte. Ich empfehle, stehen zu bleiben, tief durchzuatmen und zu lauschen. Viele haben das verlernt. Sie können negative Gedanken nicht ausblenden, nur schwer runterfahren und entschleunigen. Sie brauchen jemanden, der sie anleitet.«

»Wir machen keinen Seelenstriptease«

Waldbaden ist also viel mehr als ein gewöhnlicher Spaziergang unter Baumwipfeln. Bei Achtsamkeitsübungen, Schüttelgymnastik und Atemmeditation lernen die Teilnehmenden, ihre Kanäle für die Geschenke des Waldes zu öffnen. »Das funktioniert nicht immer von heute auf morgen, man muss sich Zeit nehmen, um langfristig etwas zu verändern«, so die Expertin. Gerne ermutigt sie ihre Gruppenmitglieder, sich einen Baum auszusuchen und diesen intensiv zu betrachten, von den Wurzeln und Moosen zu seinen Füßen über den zerfurchten Stamm bis hinauf zur Krone. »Wir berühren die Borke, befühlen die Blätter, teilen dem Baum unsere Sorgen und Wünsche mit.« Sie schmunzelt: »Und ja, wer möchte, darf den Baum auch in den Arm nehmen. Warum denn auch nicht? Diese wunderbaren Gewächse strotzen vor Kraft. Wenn man das Gefühl hat, die Nähe tut mir gut, sollte man seine Seele damit füttern. Denn nur wenn ich mir selbst Gutes tue, kann ich widerstandsfähig werden und anderen helfen.«

»Am Ende gehen sie immer glücklich nach Hause«

Waldbaden eignet sich aber natürlich nicht nur für Menschen mit Problemen. »Wir machen in der Gruppe keinen Seelenstriptease«, verspricht Angelika Auer. »Man darf von sich erzählen, muss aber nicht.« Eine Übung, die häufig für Verblüffung und Beifall sorgt, ist das Spiegelritual. »Ich will nicht zu viel verraten, aber man sieht eine verdrehte Welt.« Bei einer anderen Übung führt sie die Teilnehmenden mit verbundenen Augen über Stock und Stein. »Hier geht es einerseits um Vertrauen«, erklärt Angelika Auer. »Andererseits nimmt man die Geräusche des Waldes blind viel intensiver wahr.« Sie lächelt. »Die meisten Leute sind anfangs eher skeptisch, vor allem die Männer. Aber am Ende gehen sie immer sehr entspannt und glücklich nach Hause.« Sie ist froh, dass sich aus einem schlimmen Ereignis eine so gute Sache entwickelt hat.

Waldbade-Workshops in Cappenberg:

Sa, 10.05.25 · 10–14 Uhr
Sa, 28.06.25 · 10–14 Uhr
Waldbade-Kurse (wöchentlich)
20.09.–25.10. · 6 Samstage · je 10–12.30 Uhr
Weitere Infos und Anmeldung: VHS Lünen

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