»Fantasie ist wie ein Muskel!«
Kaffeeklatsch mit Till Beckmann
Er ist Schauspieler, Sprecher, Drehbuchautor und Stückeschreiber, Veranstalter, Vorleser, Literaturbotschafter … Im Kulturbereich hat Till Beckmann, einer von vier Geschwistern der überregional bekannten Theaterfamilie mit Lüner Wurzeln, bisher kaum etwas ausgelassen. Bei einem Tässchen Kaffee sprachen wir mit dem 37-Jährigen über das Geschichtenerzählen, über Lieblingsrollen, Lampenfieber und lustige Erinnerungen an die Lippestadt.
Wie schön, dass es endlich mit uns klappt! Und schade, dass du in zwanzig Minuten schon wieder weiterziehen musst, zum nächsten Termin. Ist diese ständige Pendelei nicht furchtbar anstrengend?
Im Gegenteil. Für mich ist es der pure Luxus, und ich genieße es sehr. Das ist das Tolle am Ruhrgebiet und Münsterland, dass sich hier so viele unterschiedliche Möglichkeiten bieten. Wobei ich meine Heimat keineswegs immer nur durch die romantisch verklärte Nostalgie-Brille betrachte. Manchmal ist es auch eine Hassliebe. Aber in alten Industrieräumen und wunderschönen Theatern Kunst und Kultur zu machen, das beflügelt mich schon.
In deinem Lebenslauf steht, dass du über ein abgeschlossenes Literaturstudium verfügst und damit berechtigt bist, Taxi zu fahren oder Pakete auszuliefern. Warst du in einem früheren Leben Postbote?
So in etwa! Während meines Studiums habe ich bei UPS gejobbt. Das hatte folgenden Hintergrund: Ich hatte gerade die ›Hartmut und ich‹-Romane von Oliver Uschmann gelesen, wo einer der Protagonisten als Packer bei UPS arbeitet, und ich dachte spontan, hey, das klingt voll gut. Was ich dann auch im Vorstellungsgespräch erzählt habe, und es muss wohl irgendwie gut angekommen sein. Von da an durfte ich dort nachmittags nach den Vorlesungen die Lieferwagen rumrangieren. Deswegen kann ich heute super einparken!
Dein Großvater, der Bergbauingenieur Prof. Dr. Klaus Beckmann, ist als ehemaliger technischer Direktor der Eisenhütte Westfalia in Lünen verwurzelt. Wie ist dein eigener Bezug zur Lippestadt?
Sehr gut! Der Hafen, die Persiluhr, der Fluss durch die City – das sind schöne Orte, mit denen ich positive und lustige Erinnerungen verknüpfe. Als ich früher in der Dortmunder Nordstadt gewohnt habe, hielt vor meiner Haustür eine Straßenbahn, die bis Brambauer fuhr, und irgendwann bin ich einfach mal eingestiegen und bis zur Endstation mitgefahren. So habe ich auch diesen Teil Lünens kennengelernt.
Im Heinz-Hilpert-Theater warst du auch schon, oder? Jedenfalls haben wir dich im Buch ›60 Jahre Theater Lünen‹ entdeckt …
Das stimmt. Zusammen mit meinen Geschwistern und befreundeten Künstlern betreibe ich das Ensemble ›Spielkinder‹, und mit unserem ersten Programm sind wir damals im Heinz-Hilpert aufgetreten. Daran erinnere ich mich noch sehr genau: Die Vorstellung fand vormittags als Matinee statt und war mit einer Kunstausstellung im Foyer verknüpft. Ich weiß noch, dass ich dachte: Hä? Wer geht denn sonntags um 11 Uhr ins Theater? Dann war es plötzlich rappelvoll, mit Superstimmung! Ich habe große Lust, hier mal wieder was zu machen!«
Hast du eine Lieblingsrolle, ein Lieblingsstück? Was steht auf deiner Wunschliste?
Ich bin so ein bisschen hyperaktiv – ich liebe körperintensives Spiel mit viel Bewegung und überzeichneten Figuren. Daher spiele ich supergerne für junges Publikum. Eine einschneidende Produktion für mich war ›Tschick‹, damit standen mein Bruder und ich viele Jahre auf der Bühne. Andererseits war ich aber auch schon als klassischer Schurke in Schillers ›Räuber‹ zu sehen oder durfte im ›ARD Radio Tatort‹ einen Polizisten in Hamm sprechen. Was ich mir wünsche? Ich würde wahnsinnig gerne mal in einer tollen Shakespeare-Adaption mitwirken, am liebsten in ›Der Sturm‹. Oder in einer coolen Mantel- und Degen-Adaption mit vielen Bühnenkämpfen. Oder einen Privatdetektiv darstellen, der im Ruhrgebiet ermittelt …
Vom Jugendtheater über Schiller bis zum Ruhrpott-Krimi – das ist eine ziemlich weite Spannbreite. Was fordert dich am meisten heraus?
Bei den klassischen Dramatikern ist es immer eine besondere Herausforderung, sich die Rolle trotz der literarisch ausgeformten Sprache so zu eigen zu machen, dass die Zuschauer es wirklich glauben, damit man nicht im Saal das Papier rascheln hört. Grundsätzlich habe ich Respekt vor abgründigen Charakteren. Wenn man sich da richtig reinkniet, in der Figur lebt, muss man aufpassen, dass man das nach Probenschluss nicht mit nach Hause nimmt.
Hast du eigentlich noch Lampenfieber?
Ja, total! Weil ich mich gerne voll reinschmeiße, raus aus der Komfortzone. Am schlimmsten ist, dass ich mich dauernd als Moderator von Veranstaltungen wiederfinde, wo ich mich nicht hinter einer Rolle verstecken kann. Aber daran bin ich dann ja selbst schuld. Außerdem habe ich auch diese klassischen, wiederkehrenden Albträume, in denen ich auf der Bühne stehe und alles ist weg. Totales Blackout. Und ich weiß: Wenn ich jetzt nicht meinen Satz sage, kann mich niemand retten. Zum Glück geht es in der Realität dann aber doch immer irgendwie weiter. Sobald ich mein Kostüm anhabe, stellen sich Text und Abläufe automatisch ein.
Deine zweite große Leidenschaft neben dem Schauspiel ist die Literatur. Du besuchst Schulen, um junge Menschen für Bücher zu begeistern, begleitest Autorinnen und Autoren auf ihren Lesetouren, warst Herausgeber dreier Anthologien mit Texten lokaler Nachwuchstalente. Warum der zusätzliche Aufwand?
Weil ich finde, dass Münsterland und Ruhrgebiet eine wahre Fundgrube für Geschichten sind! Darum geht es: Ich will Geschichten erzählen – auf verschiedenste Art. Und zwar nicht nur für eine elitäre Blase aus Kunstinteressierten, sondern für alle Menschen. Niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Das ist extrem wichtig, insbesondere wenn wir nach der Pandemie wieder zusammenkommen. Wir brauchen Angebote, wo die Leute andocken können, um sie vom Sofa wegzulocken.
Was durch die zunehmende Digitalisierung seit Corona nicht gerade leichter geworden ist …
Klar bringt die Digitalisierung auch Vorteile, ich will das gar nicht verteufeln. Aber es ist meine absolute Horrorvision, dass wir am Ende alle nur noch übergewichtig zu Hause liegen, Serien oder Games konsumieren und uns unser Essen an die Tür liefern lassen. Die Fantasie ist wie ein Muskel, den man trainieren muss. Das gemeinsame Eintauchen in eine Geschichte, bei einer Lesung oder einer Theatervorstellung, ist wie ein Workout für diesen Fantasiemuskel. Diese Atmosphäre, die echte Begegnung von Mensch zu Mensch, der anschließende Austausch, das alles ist so wichtig – und das gibt es nicht bei Netflix.
diese Seite auf Facebook teilen0
