»Der Groove ist das Wichtigste!«
Im Gespräch mit dem Lüner Musiker, Tontechniker und Sounddesigner Robin Mussmann
Heute auf der Bühne, morgen im Studio, übermorgen zur (virtuellen) Konferenz in LA: Das Leben von Robin Mussmann hat einen schnellen Takt. »Als Schlagzeuger bin ich für das Tempo zuständig – schlaftechnisch habe ich dagegen überhaupt keinen Rhythmus mehr«, verrät der 39-jährige Musiker, Tontechniker und Sounddesigner mit einem Augenzwinkern. »Ich arbeite ja mit Menschen in unterschiedlichsten Zeitzonen. Spät abends skypen mit den USA, das ist noch okay. Wenn man danach aber früh morgens ein Date mit Japan hat, wird’s spannend. Deshalb bin ich nachts oft hellwach.« Doch sind es nicht gerade die dunklen Stunden, in denen kreative Geister am produktivsten sind?
»Ich wollte immer schon mitreden«
Aufgewachsen in der Lippestadt, sozialisiert im Umfeld lokaler Rock- und Blues-Größen, wurde ihm die Liebe zur Musik quasi in die Wiege gelegt. »Mein Vater war in den Siebzigern bei der damals bekannten Krautrockband ›Crossfire‹, wie auch unser Freund Burghard Netthöfel, das hat mich hart beeinflusst.« Gitarre spielte ›Rob‹ im Grundschulalter. Ab Klasse fünf wurden Trommeln und Becken dann deutlich interessanter. »Das war für mich so was wie Sport.« Mit 15 oder 16 Jahren kam mit ›Infected‹ die erste Langzeitband – und der Ehrgeiz erwachte. »Da entschied ich, wieder mehr Gitarre zu üben – hauptsächlich weil ich wissen wollte, worüber die anderen sich streiten.« Er erklärt: »Als Drummer hat man ja mit Akkorden und Melodien nicht viel zu tun. Man muss nicht unbedingt wissen, was da passiert. Ich wollte immer schon mitreden – um das komplette Konstrukt zu verstehen und, wenn was nicht passt, es passend zu machen.« Nichtsdestotrotz blieb das Schlagzeug seine große Leidenschaft. »Der Groove ist das Wichtigste! Wenn der Song nicht zusammenhängt, nutzt dir die schönste Melodie nichts mehr.«
Erstes Tonstudio selbst gebaut
Ein Bürojob kam nicht in Frage. Robin Mussmann studierte Tontechnik und Musikproduktion in Wuppertal. »Diese Dinge haben damals ohnehin schon mehr Zeit geraubt als alles andere.« 2006 eröffnete er mit seinem Kollegen Stephan Lembke ein Tonstudio in Lünen-Süd. Eine Berufung, aber auch ein riskanter Schritt. »Um Geld zu sparen, haben wir den kompletten Innenausbau selbst gemacht: von den Zwischenwänden über die Elektrik bis hin zu Raumakustik und Schallschutz. Hier haben wir vor allem lokale Bands produziert und nebenbei als Tontechniker Konzerte abgemischt. Das war ein hartes Brot: Es hat fünf, sechs Jahre gedauert, bis wir unseren Lebensunterhalt halbwegs dadurch bestreiten konnten. Was für die Branche typisch ist und an der deutschen Einstellung zur Kultur liegt: Kreatives Schaffen ist hierzulande leider wenig wert. Ganz anders als beispielsweise in Holland oder Amerika, wo Musik als Handwerk beziehungsweise Dienstleistung gesehen wird.«
Sampeln zwischen Lünen, LA und Tokio
Kurz darauf verabschiedete sich Stephan Lembke nach Australien – was für die Studioarbeit an der Lippe nicht etwa das vorzeitige Aus bedeutete, sondern ein neuer Anfang war. Im Down Under knüpfte der Lüner Tontechniker Kontakte im Bereich Sounddesign, zu deutsch: Tongestaltung, und hier insbesondere in der Entwicklung von Softwareinstrumenten. »Kurz gesagt: Wir nehmen Einzeltöne auf und bauen daraus ein virtuelles Instrument«, erläutert Robin Mussmann. »Dieses kann man sich dann runterladen und somit auf dem Computer zum Beispiel Klavier oder Schlagzeug spielen. Das Spannende daran ist, dass wir mit Kollegen auf der ganzen Welt arbeiten. Klänge, die beispielsweise in Köln, Tokio oder LA eingespielt wurden, werden von mir im Studio bearbeitet und zusammengefügt. In Sofia wurde zu diesem Zweck sogar ein ganzes Orchester aufgenommen. Aktuell sampeln wir alte Instrumente, etwa ein Spinett Baujahr 1767 aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg.«
»Ich kann jeder Musiksparte etwas Positives abgewinnen«
2020 zog Robin Mussmann mit seinem Equipment ins ›Luna Tonstudio‹ in Lüdinghausen um. »Ich habe mir gedacht: Toll! Endlich kann ich vernünftige Bandproduktionen machen. Dann kam Corona …« Gelohnt habe sich der Umzug aber trotzdem, betont er. »Jeder Raum hat Tageslicht. Man guckt raus ins Grüne. Und weil es so schön abgelegen ist, kann man bis drei Uhr nachts Schlagzeug spielen, ohne dass es jemanden stört. Herrlich!« Lustige Anekdote am Rande: Früher gaben sich Schlagerstars wie Olaf Henning oder DJ Ötzi im ›Luna‹ die Klinke in die Hand. »Das ist vielleicht eine etwas ungewöhnliche Referenz für jemanden, der durch Rockmusik geprägt wurde«, schmunzelt Robin Mussmann. »Aber ich bin da total weltoffen. Ich kann jeder Musiksparte etwas Positives abgewinnen – außer Rechtsrock. Übrigens können wir gerade von der Schlagermusik einiges lernen – zum Beispiel, wie man Songs arrangiert und mit einfachen Mitteln viel erreicht.«
»Das Studio ist wie ein Mikroskop auf die Finger«
Inzwischen blickt Robin Mussmann selbst auf einen recht erlesenen Kundenkreis: Mit der bekannten Death-Metal-Band ›Night in Gales‹ arbeitet er regelmäßig. Auch die H-Blockx, die Bläser von ›Seed‹, die Liveband von ›The Voice of Switzerland‹, die Krautrocklegende Epitaph oder der Perkussionist Nippy Noya, der einst für Lindenberg und Westernhagen spielte, waren schon im ›Luna Tonstudio‹ zu Gast. »Diese Bandbreite an Künstlerinnen und Künstlern macht den Job so abwechslungsreich. Natürlich kann es manchmal auch ganz schön herausfordernd sein, selbst mit Profis. Der Unterschied zwischen Liveauftritt und Studioperformance ist brutal. Das Studio ist wie ein Mikroskop auf die Finger. Jede Kleinigkeit fällt auf. Deshalb bin ich hier immer auch so etwas wie ein Motivator. Einerseits will ich das Beste aus der Person oder dem Material herausholen. Andererseits sind Künstler oft weiche Menschen – mit großem Emotionspotenzial. Wenn jemand etwas immer so gemacht hat, kann man ihm nicht einfach sagen, dass es falsch ist. Daher muss man auch dabei den richtigen Ton finden.«
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