Stadtmagazin Lünen: Junge Familie

Lernen fürs Leben

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Berufsalltag einer Inklusionshelferin

Sarah Neumann ist Schulbegleiterin. Die 43-Jährige bietet damit jungen Menschen mit Handicap die Möglichkeit, an einem möglichst ›normalen‹ Schulalltag teilzunehmen. Oftmals benötigen Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, Autismus, ADHS oder anderen Herausforderungen eben genau das, um Zugang zum regulären Schulbetrieb zu finden: eine Hilfe, die sie ganz persönlich begleitet und in für sie schwierigen Situationen zu helfen weiß.

Mit Geduld, Vertrauen und Empathie

»Der Begriff der Herausforderungen gefällt mir an dieser Stelle deutlich besser als der der Krankheit!«, erklärt Sarah Neumann aus Lünen, die überregional für den SteigAuf e. V. in Soest tätig ist. »Ganz egal, wie die medizinische Definition verschiedener Herausforderungen eben lauten mag: Für mich sind diese Kinder vollständig und gut, wie sie eben sind. Meine Teilaufgabe ist nämlich nicht irgendeine Form der Therapie. Ich bin dazu da, einen kleinen Menschen hilfreich zu begleiten. Mit Geduld, Vertrauen und Empathie, aber ohne therapeutische Ambitionen.«

»Jeder neue Tag ist wie ein Überraschungsei«

Seit inzwischen elf Jahren arbeitet Sarah Neumann in diesem Beruf, der nicht immer leicht zu sein scheint, wie sie ebenfalls zu berichten weiß: »Jeder neue Tag ist bei dieser Tätigkeit wie ein Überraschungsei. Denn wie jeder Mensch haben auch die von mir begleiteten Kinder mal einen guten Tag und mal einen weniger guten. Lediglich die Ausprägung dieser weniger guten Tage vermag sich deutlich von jenen anderer Kinder zu unterscheiden. Da geht es auch einmal hoch her, wenn die Welt des Kindes aus – in der Wahrnehmung anderer – minimalen Gründen plötzlich Kopf steht. Damit muss man umzugehen wissen. Betroffene Eltern können das nur zu gut nachvollziehen. Daher bin ich froh, dass ich mit meiner Arbeit auch sie ein wenig entlasten kann. Ich habe mir angeeignet, jeden Tag NEU zu beginnen. Egal, was am Vortag war! Jedes Lächeln und jeder Fortschritt in der Entwicklung des Kindes macht Negatives aus der Vergangenheit nämlich gleich mehrfach wieder wett!«

Jeden Tag NEU denken ...

... ein Motto, das wohl auch in anderen Lebensbereichen nicht weniger nützlich wie notwendig erscheint, denn dieser Beruf, der Teilhabe für Kinder mit Handicap überhaupt erst möglich macht, fristet stets ein unsicheres Dasein. »Leider gibt es nur wenige Träger, die ein Festgehalt anbieten können«, erklärt Sarah Neumann, »Viele meiner Kolleg*innen sind innerhalb der Schulferien oder bei Fehlzeiten eines Kindes faktisch arbeitslos oder müssen zuvor Überstunden aufbauen, um diese verdienstlose Zeit zu überbrücken. Unsere Leistung wird eben nur dann bezahlt, wenn sie auch abgerufen wird. Das ist leider ein Problem fehlender politischer Entscheidungen, und es ist in unserem Land häufig Realität, dass bei den Kindern zuerst gespart wird. Hinzukommt, dass man in diesem Beruf immer wieder auf die Bewilligung einzelner Leistungen für die Kinder angewiesen ist, die natürlich oft erst in letzter Minute von den zuständigen Stellen übermittelt werden. Es ist also ein stetiges Zittern um die Existenz für viele, die in diesem Bereich arbeiten. Da muss man also schon sehr viel Leidenschaft mitbringen, um damit zurechtzukommen. Bei meinem aktuellen Träger ist für mich persönlich aber schon vieles leichter geworden. Da habe ich großes Glück.«

Emotionale Momente

Die Leidenschaft für ihre Arbeit merkt man Sarah Neumann sichtlich an, wenn sie über ihren Job berichtet. Passion dringt aus ihren Augen, wenn sie die schönen Momente ihrer Laufbahn in Worte fasst: »Es gab beispielsweise einmal dieses kleine Mädchen mit geistiger Behinderung, das am Tag der Einschulung vorn im Klassenraum saß. Ich bemerkte schon, dass sie mich mit Skepsis beobachtete und mich etwas grimmig beäugte. Plötzlich rief sie laut: ›Ich mag dich nicht!‹. Ich erwiderte: ›Das ist nicht schlimm, aber ich mag dich!‹. Dabei blieb es zunächst, doch nach der ersten Schulstunde kam dieses Mädchen zu mir, setzte sich neben mich und sagte: ›Ich hab’ dich doch lieb, kann ich bei dir sitzen?‹. Sie hatte mich für sich ausgesucht, und wir waren fortan unzertrennlich im Schulbetrieb. Was ich nicht wusste war, dass für mich mit diesem Tag eine sehr prägende Zeit begann. Über vier Jahre hinweg durfte ich von diesem kleinen Mädchen unglaublich viel dazulernen: über die Perspektiven solcher Kinder, aber in gewisser Weise auch über mich selbst.«

Manchmal braucht es ein Ventil

Sarah Neumann weiß von vielen solcher Begegnungen zu erzählen, befinden sich doch ihre ersten Schützlinge bereits im Erwachsenenalter und nehmen gern noch Kontakt zu ihr auf. Die Leidenschaft ist ihr allerdings auch anzumerken, wenn sie über die spezifischen Gefahren ihres Berufs berichtet: »Es ist natürlich nicht immer alles rosarote Bilderbuchromantik. Immerhin haben wir es hier mit kleinen Menschen zu tun«, erzählt sie mit einem bittersüßen Lächeln. »Je nach Handicap des Kindes muss man schon einmal damit rechnen, geschlagen, getreten oder mit Gegenständen beworfen zu werden, was mir schon diverse kleinere Verletzungen eingebracht hat. Da entwickeln die Kleinen oftmals Taktiken, die man eher im Straßenkampf erwarten würde. Das ist natürlich alles andere als in Ordnung, und das kommunizieren wir selbstverständlich auch so. Man darf allerdings nicht vergessen, dass solche Situationen meistens aus einem Gefühl der Überforderung der Kinder resultieren, welches sie in einem solchen Moment nicht anders zu artikulieren wissen. Dann braucht es eben dieses Ventil. Genau das ist ein wesentlicher Aspekt dieser Arbeit: Es gilt nun einmal, solche Situationen frühzeitig zu erkennen und abzufangen. Das ist die Art der Begleitung, die wesentlich ist. Ich möchte es schaffen, den Kindern genug Ruhe und Sicherheit zu geben, sodass sie sich geborgen durch einen ohnehin schon sehr abenteuerlichen Schulalltag bewegen können.«

»Wir lernen voneinander und füreinander«

Somit bleibt nur zu hoffen, dass sich die Situation für diesen wichtigen Beruf politisch nachhaltig verbessern lässt. Für einen Beruf, der Chancen eröffnet. Entwicklungschancen für Kinder, die anders sind. Für Kinder, die genau richtig sind, wie sie eben sind. Kinder, denen mit Leidenschaft, Empathie, Sicherheit und Geduld die Möglichkeit zur Teilhabe an einem weitgehend normalen Schulalltag eröffnet wird. Es ist ein Beruf, dessen Bedeutsamkeit es verdient, gesellschaftlich sowie politisch mehr Würdigung zu erfahren. Und so sagt Sarah Neumann trotz der schwierigen Rahmenbedingungen den wohl schönsten Satz dieses Interviews: »Wir lernen hier täglich fürs Leben und zwar nicht nur die Kinder. Wir lernen voneinander und füreinander. Welcher Beruf könnte erfüllender sein?«

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