Stadtmagazin Lünen: Kunst und Kultur

»Die Leute sind gierig nach Kultur!«

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Kulturbüro-Chefin Barbara Kastner im Interview

Endlich mal wieder ein kaltes Getränk im Stadtpark schlürfen. Beim Livekonzert unter freiem Himmel mit dem Fuß wippen. Sich von Theaterschauspielern in fremde Welten entführen lassen … Lünen erwacht aus dem Dornröschenschlaf. Ab Mitte Juli gibt es ›Freiluftkultur‹ im ganzen Stadtgebiet. Und im September startet dann auch schon die neue Spielzeit im Heinz-Hilpert-Theater. Mittendrin: Barbara Kastner, die nach Stationen in Brasilien und München nun für die Kunst und Kultur in der Lippestadt zuständig ist. Wir trafen die aus Nürnberg stammende Theaterwissenschaftlerin zum Interview.

Sie sind neu in Lünen – wie gefällt es Ihnen hier bei uns?

Ich bin ganz begeistert von der umliegenden Natur. Viele Ausflugsziele habe ich bereits zu Fuß oder mit dem Rad erkundet. Gleichzeitig bestehen gute Anbindungen an andere Kulturstandorte wie Dortmund oder die Ruhrfestspielstadt Recklinghausen. Ich muss allerdings zugeben, dass ich einiges noch gar nicht offen erlebt habe, da ich ja erst seit einem halben Jahr hier bin. Zum Glück geht es jetzt langsam wieder los. Das ist so wichtig für ­die Bevölkerung!

Worauf dürfen wir uns freuen?

Zunächst werden wir im Zuge der Sommerreihe ›Freiluftkultur‹ Schauspiele, Konzerte und Lesungen veranstalten. Das Konzept ›umsonst und draußen‹ ist schon im letzten Jahr super angekommen. An ausgewählten Sonntagen, immer ab 17 Uhr, werden verschiedene Orte im ganzen Stadtgebiet bespielt, etwa der Stadtpark, die Lippekaskade, der Südpark oder der Museumsgarten bei Schloss Schwansbell. Die konkrete Umsetzung erfolgt natürlich abhängig von den aktuellen Corona-Regeln. Aufgrund der begrenzten Plätze empfehlen wir, sich vorher zu registrieren. Des Weiteren planen wir Sommerworkshops für Schüler und Outdoorkonzerte speziell für Seniorenresidenzen.

Viel los, wenn man bedenkt, dass Sie jetzt eigentlich Sommerpause hätten …

Unser reguläres Programm im Heinz-Hilpert-Theater umfasst knapp 50 Eigenproduktionen pro Spielzeit, dazu kommen rund 50 Vermietungen. Wegen Covid musste die Hälfte verschoben werden. Zudem wurden viele große Stadtfeste wie das Weinfest und das Brunnenfestival gestrichen. Vor diesem Hintergrund wollten wir den Menschen einfach noch mal etwas bieten. Es ist dringend nötig. Die Leute sind gierig nach Kultur!

Auch das Heinz-Hilpert-Theater soll bald seine Pforten öffnen. Was erwartet uns im Herbst?

Zunächst möchte ich auf das Stück ›Bin nebenan. Monologe für Zuhause‹ hinweisen, das unter Pandemiebedingungen entstanden ist und am 16. September von einer Münchener Schauspieltruppe hinter einer Schaufensterscheibe aufgeführt wird. Die Menschen können dann von draußen zuschauen. Das restliche Programm des neuen Spielplans soll aber wie gewohnt im Theater stattfinden. Hier ist für jeden etwas dabei: von Klassikern wie ›Dr. Jekyll & Mr. Hyde‹ über Klavierkonzerte und Kabarett bis hin zu ›Rotkäppchen‹.

Wie wählen Sie die Produktionen aus?

Als Theaterwissenschaftlerin habe ich jahrelang an verschiedenen Häusern gearbeitet und verfüge über gute, gewachsene Kontakte zu Landestheatern und Regisseurinnen. Außerdem stehe ich eng mit der Lüner Lehrerschaft und dem Theaterförderverein in Kontakt. Anders als in München, wo ich ein sehr spezifisches Programm für eine kleine Bühne zusammengestellt habe, ist die Zielgruppe hier an der Lippe viel weiter gefächert. Wir wollen Familien mit Kindern ebenso ansprechen wie Schüler, junge Erwachsene oder ältere Gäste. Der Krimi ›Die Falle‹ mit bekannten Darstellern aus ›Sturm der Liebe‹ richtet sich zum Beispiel an ein jugendliches Publikum. Das artENSEMBLE THEATER mit den Kulturpreisträgern Jürgen Larys und Susanne Hocke hält mit ›Play Nathan‹ und ›Woyzeck‹ zwei Stücke für Schulklassen vor. Und das Ballett ›Coppelia‹ ist ein Highlight für alle, die E.T.A. Hoffmanns ›Sandmann‹ mögen. Ziel ist ein ausgewogener Mix aus Anspruch und Unterhaltung.

Sie haben einen interessanten Lebenslauf – was haben Sie eigentlich in Brasilien gemacht, und wie wirken sich Ihre Erfahrungen auf Ihre jetzige Tätigkeit aus?

Ich habe insgesamt zwei Jahre in Brasilien gelebt, dort szenische Künste und brasilianische Geschichte studiert. Darauf folgte ein Stipendium für die entwicklungspolitische Theaterarbeit: Wir sind in Rio in die Viertel gegangen und haben Projekte zu Themen wie Gewalt in der Familie oder Drogenmissbrauch umgesetzt. Das hat mich sehr geprägt: In die Stadt zu gehen, nah an der Bevölkerung dran zu sein, das habe ich mir auch für Lünen vorgenommen.

Wie unterscheidet sich das deutsche Publikum vom brasilianischen?

In Brasilien gibt es mehr Straßentheater als bei uns. Die Menschen kommen so viel eher mit dem Schauspielerischen in Kontakt. Ich würde mir wünschen, auch für Lünen Möglichkeiten zu finden, um diejenigen zu erreichen, die sonst nicht unbedingt ins Theater gehen. Mit dem Sommerprogramm sind wir hier bereits auf einem guten Weg. Mal schauen, was uns das für die Zukunft bringt. Im Winter werden solche Freiluftkonzepte wegen der Witterung natürlich schwieriger sein. Theater ist aber mehr als Zugucken – es sollte auch zum Mitmachen animieren. Die theaterpädagogische Arbeit z. B. mit benachteiligten Jugendlichen liegt mir daher sehr am Herzen. Indem wir zu den Bürgern gehen und sie zum Mitmachen einladen, wollen wir ihre Neugier auf das Theater wecken. Es ist so wichtig, allen Menschen einen Zugang zu Kunst und Kultur zu vermitteln.«

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