Stadtmagazin Lünen: Kunst und Kultur

Geschichten öffnen Welten

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Im Gespräch mit Erzählerin Daniela Sicken

Wenn Schneewittchen eine eigene Kosmetikfirma gründet, ein Mann allergisch auf die Lockenwickler seiner Frau reagiert oder Professor Arthur von einem sprechenden Ding unter seinem Teppich herausgefordert wird, aus seinem verstaubten Leben auszubrechen, dann ist Daniela Sicken am Werk. Die Lünerin beherrscht die Kunst des freien Erzählens wie keine Zweite. »Jeder Begriff, der mir vom Publikum zugerufen wird, lässt Bilder in meinem Kopf aufploppen. Je absurder, desto besser!«

Von Gutenachtgeschichten zur Profi-Erzählerin

Geschichten mag sie seit jeher. Zum professionellen Fabulieren kam sie durch einen Zufall, als 2015 an der Schule ihres Sohnes ein Erzähltheater gastierte. »Ich dachte: ›Das ist so toll, das will ich auch!‹« So nutzte die Pädagogin ihren Urlaub, um ein einwöchiges Seminar mit dem Titel ›Spielend Erzählen‹ in Remscheid zu besuchen. »Da habe ich gemerkt, dass ich eigentlich immer schon erzählt habe: Andere Eltern lesen ihren Kindern zum Einschlafen vor. Ich habe für meine Jungs spontan irgendwelche Geschichten oder neue Abenteuer vom Kasperle – der bei uns Kapperle hieß – erfunden.« Das Seminar wurde zum ersten Baustein ihrer Erzählerinnenausbildung, einer anerkannten Qualifikation, die sich über zwei Jahre erstreckt. »Dabei habe ich zum Beispiel gelernt, dass Erzählen die reduzierteste Art von Theater ist und eine geschriebene und eine erzählte Geschichte zwei ganz unterschiedliche Kunstformen und nicht 1:1 übertragbar sind, welch unterschiedliche Erzählformate es gibt oder wie man Figuren durch Mimik, Gestik, Stimme und Sprechmelodie Leben einhaucht.«

Freie Interpretationen und Improvisationen

Inzwischen steht Daniela Sicken kurz vor dem Abschluss ihrer Literaturpädagogikausbildung. Ihre Geschichten ersinnt sie überall da, wo man sie lässt: in Kindergärten, Schulen und Büchereien, in Krankenhäusern, gemütlichen Cafés, Friseursalons und Geschäften. Neben Improvisationen, bei denen die Zuschauer die Handlung durch Stichworte steuern oder gar selbst zum Teil des Geschehens werden können, werden auch Abenteuer aus Büchern, selbst erfundene und überlieferte Geschichten dargeboten. Doch sie alle haben eines gemein: Sie entwickeln sich spontan, in Interaktion mit dem Publikum. Da kann sogar ein Handyklingeln zum Fortgang beitragen. »Ich bin keine klassische Märchenerzählerin, die einen Text wortgetreu wiederholt, und habe von daher keine auswendig gelernten Sätze im Kopf«, sagt Daniela Sicken. Jede Geschichte ist eine Premiere, existiert genau so nur in dem einen Moment.

»Es ist, als ob sich eine Tür öffnet,
und plötzlich sprudeln Gedanken,
Fantasien, Erinnerungen heraus«

Einfälle beim Gassigehen

Was jedoch nicht bedeutet, dass nicht jede Menge Arbeit und akribische Vorbereitung dahinter steckt. Mehrere Monate können ins Land ziehen, bis ein Programm von Daniela Sicken bühnenreif ist. Viele Einfälle überkommen sie in der Natur, insbesondere beim Gassigehen mit Hündin ­Rosi. »Das wirkt auf Passanten wahrscheinlich komisch, wenn Frauchen wild gestikuliert und scheinbar Selbstgespräche führt«, schmunzelt sie. »Aber wenn ich in meine Gedanken eintauche, bin ich in einer anderen Welt.« Ihre Themen sind so vielfältig wie ihre Zuhörer: Da gibt es Tierisches  und Zwischenmenschliches, Ernstes und Heiteres, Magisches und Realistisches. Gerne würde sie eine Erzähl-Bühne in Lünen etablieren. »Das mündliche Erzählen ist ja etwas Uraltes, das die Leute schon früher am Kaminfeuer geliebt haben. Es ist gesellig, unterhaltsam und kann auch eine ganz besondere heilsame Wirkung haben. Selbst stille Menschen werden durch das Zuhören zum Reden animiert. Ich habe das bei hörgeschädigten Kindern, Autisten und Demenzkranken erlebt: Es ist, als ob sich eine Tür öffnet, und plötzlich sprudeln Gedanken, Fantasien, Erinnerungen heraus.«

Termine

›Geschichten und Musik zum Weltfrauentag‹

mit Andrea Kistner (Lieder & Chansons)
06.03. · 18 Uhr · Alte Kaffeerösterei
Anmeldung bis 04.03. unter:
Tel. 0 23 06 / 9 59 12 65

›Der Stoff aus dem die Träume sind‹

24.09. · 19 Uhr · Stoffgedöns / Moltkestraße 32

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