Stadtmagazin Lünen: In der Stadt

»Das hat etwas Magisches!«

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Theater im Studio hautnah erleben

Das Licht wird gedimmt, zwei Schauspieler betreten die Bühne, nur wenige Schritte von den Zuschauern entfernt. Im Spotlight kann man jede noch so kleine Veränderung der Mimik, jedes Augenzucken deutlich erkennen … Seit den 70er-Jahren bietet das Lüner ›Studio‹ hochwertiges Theater aus nächster Nähe. Von November bis April stehen wieder vier Stücke auf dem Spielplan. Dabei wissen viele Lüner immer noch nicht, was genau es mit dem ›kleinen Bruder‹ des Heinz-Hilpert-Theaters eigentlich auf sich hat. Das wollen wir ändern!

Auf Schleichwegen direkt auf die Bühne

»Beim Bau des Hauses war ursprünglich ein separates Kammertheater vorgesehen, welches jedoch nie umgesetzt wurde«, berichtet Jürgen Larys, Vorsitzender des Lüner Theaterfördervereins und Leiter des Bochumer artENSEMBLE THEATERs. »Stattdessen verkleinern wir den vorhandenen Raum durch einen Trick: Der eiserne Vorhang wird als Trennung zwischen Zuschauerbereich und Bühne heruntergelassen, das Publikum über das Treppenhaus und eine Seitentür auf Schleichwegen direkt auf die Heinz-Hilpert-Bühne gelotst. Der vordere Bühnenteil wird bereits im Vorfeld mit Podesten zur Zuschauertribüne umfunktioniert. Der hintere Teil dagegen ist die ebenerdige Spielfläche. Man hat den Eindruck, sich in einem völlig anderen Raum zu befinden, dabei ist es das gleiche Theater, nur im Kleinformat.«

»Man könnte eine Stecknadel fallen hören«

Statt 762 stehen lediglich 99 Plätze zur Verfügung. Das macht es möglich, auch ausgefallenen Stoffen und experimentellen Formen eine Plattform zu bieten. »Wir bemühen uns um einen Mix aus anspruchsvoller und leichter Kost, von klassischen Dramen über modernem Tanz bis hin zum Figurenspiel«, so Jürgen Larys. Überdies wird durch den exklusiven Rahmen ein ganz besonderer Zauber entfacht. »Der Kontakt zwischen Akteuren und Zuschauern ist von vornherein viel intensiver, als es in einem großen Saal möglich wäre, sodass selbst kleinste Nuancen Bedeutung erlangen«, schwärmt der Theatermann. »Man sitzt so nah dran, man könnte eine Stecknadel fallen hören. Das hat geradezu etwas Magisches! Aber keine Angst«, schmunzelt er, »heutzutage ist es schon lange nicht mehr ›in‹, dass Darsteller auf Tuchfühlung gehen und Zuschauer gegen ihren Willen in die Inszenierung einbeziehen. Diesbezüglich haben Sie nichts zu befürchten, selbst in der ersten Reihe.«

Emotionaler Zugang zu Goethes ›Faust‹

Im November startet die neue Studiosaison mit einem alten Klassiker in moderner Gewandung: Das artENSEMBLE THEATER widmet sich in einer komprimierten Fassung von Goethes ›Faust I‹ dem Themenschwerpunkt der ›Gretchentragödie‹, wobei Originaldokumente aus dem Prozess um die Frankfurter Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt zum Einsatz kommen. »Als junger Rechtsanwalt hat Goethe diesen Prozess hautnah miterlebt. Das tragische Schicksal der 1772 hingerichteten Susanna wurde für ihn zur maßgeblichen Inspiration. Unsere Aufführung beinhaltet neben sozialkritischen Aspekten auch die Liebesgeschichte sowie humorvolle Momente, was einen starken emotionalen Zugang zur Figur des Gretchens eröffnet – optimal, um auch ein jüngeres Publikum anzusprechen.«

Schauriges Figurentheater mit Musik

Der Januar wartet mit einer dunklen Perle der Schwarzen Romantik auf: Das Figurentheater Cipolla zeigt den ›Untergang des Hauses Usher‹ in einer Inszenierung mit Livemusik. »Figurenspiele erleben momentan einen regelrechten Boom, da hier ganz eigene Welten entworfen werden, und das nicht nur im Bereich Kindertheater«, weiß Jürgen Larys. So richtet sich auch das Schauerstück nach Edgar Allan Poe in erster Linie an ein erwachsenes Publikum: Von Neugier und dunklen Ahnungen getrieben, erreicht der Protagonist das Haus Usher, den einsamen, heruntergekommenen Wohnsitz seines Studienfreundes Roderick. Kurz darauf stirbt die kranke Zwillingsschwester des Hausherrn und wird im Keller der Villa aufgebahrt. Doch das ist nur der Beginn einer Reihe seltsamer Ereignisse. Während draußen ein Sturm heult, versuchen die von Schlaflosigkeit gepeinigten Freunde sich gegenseitig aufzumuntern: Sie lesen, malen und musizieren, um das alte Gemäuer mit Leben zu füllen.

Nordische Saga mit Preisträger Roberto Ciulli

Im Februar begeben sich die Schauspieler Roberto Ciulli und Maria Neumann auf die Spur eines berühmten nordischen Sagenhelden. Beide spielen Peer Gynt, einen Träumer und Lügner, der sich mit der Märchenwelt identifiziert, seiner Fantasie freien Lauf lässt: Wer länger auf dem Meer unterwegs ist, erliegt auch den Trugbildern, die die Wolken bilden. Nachdem er viele Rollen angenommen hat, muss Peer feststellen, dass er völlig unbedeutend ist. Alles Fassade. Schicht um Schicht, Existenzform um Existenzform häutet er sich und findet doch keinen Kern. Das erschüttert ihn, Identität erweist sich als Konstrukt.

Wohin gehen wir? Philosophische Fragen in Kooperation mit dem Kinderhospiz

Im April schließlich lädt das artENSEMBLE THEATER in Kooperation mit dem Lüner Kinderhospiz zur Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Übergang ein. Das Stück ›Gehen‹ beschäftigt sich mit den existenziellen Fragen der Menschheit: ›Er ist von uns gegangen‹ – aber wohin? Ins Nichts? Oder ist Sterben Über-Gang? Ist er vielleicht nur woanders? »Es geht nicht bloß um Angst und Trauer, sondern auch um Lebensmut, Zuversicht und neue Anfänge«, betont Jürgen Larys. »Denn nur der vermag wahrhaft zu leben, darin sind sich die Weisen der Welt einig, der dem Tod ins Auge geblickt hat. Und wie es einen schaudern kann, wenn man in diesen Abgrund blickt, so kann man daraus vielleicht auch neue Kraft schöpfen. Zum Weiter-Gehen.«

»Ein Heimspiel«

Übrigens: Der Eintrittspreis beträgt 18 Euro pro Einzelvorstellung. Ein Abo für alle vier Theaterabende kostet dagegen nur 57 Euro. Karten gibt es ab sofort beim Kulturbüro. »Für mich als gebürtigen Lüner sind Auftritte im Studio immer ein Heimspiel«, freut sich Jürgen Larys. »So nah vor dem Publikum aufzutreten, ist besonders aufregend – aber auch besonders motivierend, weil man ein direktes Feedback bekommt.«

Studio-Termine · je 20 Uhr
20.11.: artENSEMBLE THEATER · ›Fall Gretchen Gretchens Fall‹
07.01.: Figurentheater Cipolla · ›Untergang des Hauses Usher‹
26.02.: Theater an der Ruhr · Peer Gynt
28.04.: artENSEMBLE THEATER · ›Gehen‹

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