Stadtmagazin Lünen: Sport und Freizeit

Motorradsommer 2018

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Mit Farbe, Flair und Pferdestärken

Schnell zur Arbeit in Bottrop düsen, die Münsterländer Landschaft beim Sonntagsausflug gemütlich an sich vorbeiziehen lassen, mit 250 Sachen über den Nürburgring brettern oder im Rahmen einer Abenteuertour die kurvenreichen Serpentinen der Dolomiten erklimmen … Es scheint, als ob sich das Leben von Sven Rusch und Mirko Schramm hauptsächlich auf zwei Rädern abspielt.

»Wir wurden da reingeboren«

In voller Motorradkluft, unterwegs mit ihren blauweißen Suzukis GSX-R 750 Baujahr 1990, sehen sich die beiden ›Twins‹ nicht nur äußerlich zum Verwechseln ähnlich. Was sie eint, ist die Liebe zu den schicken Retro-Bikes, von denen sie gleich mehrere in Keller und Garage stehen haben. »Wir sind nicht wirklich Zwillinge, aber in dieser Hinsicht sind wir Brüder im Geiste«, verraten sie mit einem Schmunzeln. »Das war schon immer so. Wir wurden da reingeboren, stammen aus echten Bikerfamilien. Unsere Väter, Onkel und Geschwister fahren alle Motorrad. So kam es, dass wir unseren Zweiradführerschein noch vor dem Autoführerschein gemacht haben.« Die klassischen Baureihen vergangener Jahrzehnte haben es ihnen besonders angetan. »Die neuen Maschinen sind bestimmt schön und schnell, aber da fehlt das Flair, das Besondere. Man kann sich ein weißes Hemd von der Stange kaufen. Bei einem blauweißen wird es schon schwieriger.«

Rückblick in die 90er: von ›Straßenkämpfern‹ und Superbikes

Sven Rusch erzählt uns von der Streetfighter-Szene, die Mitte der 90er-Jahre aus Großbritannien nach Deutschland und bis an die Lippe schwappte: »Schwere Sportmaschinen wurden damals eigenhändig in sogenannte ›Superbikes‹ verwandelt. Das war mehr als Tuning, die Geräte wurden komplett umgebaut: Entfernung der Verkleidung, verstärkte Bremsen und Motoren, breite Lenkstangen, Reifen und ­Felgen, veränderte Frontmaske, steiler Auspuff, ausgefallene, bunte Lackierungen …  Ziel war es, sich durch ein individuelles Motorrad von der Masse abzuheben.« Ebenso wild wie die farbliche Gestaltung der ›Straßenkämpfer‹ waren die Partys ihrer Besitzer: »Da konnte man die Sau rauslassen, es herrschte ein unglaublicher Zusammenhalt. Das war eine geile Zeit, aber irgendwann hatte ich genug davon.« So wie dem gelernten Schlosser erging es wohl auch anderen Bikern, was nach und nach zur Zerstreuung der Szene führte: Statt einer großen Gemeinschaft gab es plötzlich viele neue Clubs, von denen jeder einzelne sein ›eigenes Süppchen kochte‹. Vom gepriesenen Zusammenhalt war hier nicht mehr viel zu spüren. Angebliche Streetfighter entpuppten sich als reine Showbikes, die nicht einmal mehr den TÜV überstanden. Dafür brachten große Hersteller plötzlich Superbikes in Serie auf den Markt. »Das war nichts mehr für mich. Also habe ich meine Streetfighter-Maschine verkauft und mich auf das Original besonnen: die coole Oldschool Suzuki aus den 80ern und 90ern.«

Vom Münsterland bis in die Dolomiten

Gemeinsam mit seinen Kumpels Mirko Schramm, Norbert Keilbach und Uli Monerian gründete Sven Rusch Ende 2017 die Interessengemeinschaft ›Suzuki Classic‹. Dahinter verbirgt sich ein kleiner, aber überregionaler Zusammenschluss, in dem Gemeinschaftssinn und Flair der alten Zeiten wieder aufleben dürfen. Die Mitglieder stammen aus Lünen, Berlin, München und Norddeutschland. Trotz der weiten Entfernungen gehören gemein­same Trips ebenso zum Programm wie Ausstellungen auf der Motorradmesse in Dortmund, der Erfahrungsaustausch und gegenseitige Hilfe bei der Ersatzteilbeschaffung. »Es gibt aber keine festen Vorgaben«, so Mirko Schramm. »Wir fahren nach Lust und Laune, wenn es klappt in der Truppe, aber auch mal allein: Mit unseren Maschinen kommen wir ja innerhalb kürzester Zeit überall hin: ins Münsterland und Sauerland, an die Mosel, in die Vulkaneifel oder den Bayrischen Wald. Die absolute Krönung sind für mich persönlich die steilen, kurvenreichen Strecken in den Alpen und Dolomiten.«

»Auch wenn man als Letzter ins Ziel fährt – am Ende wird gemeinsam gegessen und getrunken«

Neben abenteuerlichen Bergtouren hat der Lüner Motorradjunkie noch eine andere Leidenschaft: Regelmäßig tritt er an bei den sogenannten ›Alteisenrennen‹, die von der Interessengemeinschaft ›Classic Superbikes‹ bundesweit veranstaltet werden: »Eine Amateurveranstaltung für alte Leute und alte Maschinen! Das Schöne: Es geht um nichts, ist ›just for fun‹. Auch wenn man als Letzter ins Ziel fährt – am Ende wird gemeinsam gegessen und getrunken.« Wie schnell er bei solchen Wettrennen unterwegs ist, kann uns Mirko Schramm daher gar nicht genau sagen. »Eigentlich gucke ich dabei nicht aufs Tacho, ich bin ja mit anderen Dingen beschäftigt. Aber um die 245 Stundenkilometer werden es auf gerader Strecke wohl sein.« Moment – das ist aber doch ganz schön flott für so ein ›altes Eisen‹, oder? »Wenn man vor solchen Geschwindigkeiten keinen Respekt hätte, wäre es ein gefährliches Hobby«, nickt Mirko Schramm. »Meine Tochter sagt mir immer: ›Komm mir bloß heile wieder. Und wenne dich kaputt fährst, komm ich hinterher und klatsch dir eine im Grab.‹ Schon deshalb fahre ich immer vorsichtig. Überdies gibt es auf der Rennstrecke klare Regeln – und alle halten sich dran! Die Teilnahme am Straßenverkehr ist meiner Meinung nach viel riskanter.« Dem kann Kumpel Sven Rusch nur zustimmen. »Wobei es die schwarzen Schafe natürlich auf beiden Seiten gibt. Von manchen Autofahrern würden wir uns wünschen, dass sie einmal öfter in den Rückspiegel schauen, bevor sie links rüberziehen, um mit 100 den Lkw zu überholen, oder dass sie Rücksicht nehmen und Platz machen, wenn wir bei praller Mittagssonne in unserer Lederkluft und einem 120 Grad heißen Motor unterm Sitz im Stau feststecken. Genauso sollten manche Motorradfahrer zum Austoben lieber auf die Rennstrecke gehen. Klar geben wir mit unseren Bikes auf der Autobahn gerne mal Gas. Aber nur, wenn der Weg frei ist!«

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