Stadtmagazin Lünen: Kunst und Kultur

Owerstolz

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Ruhrpottnostalgie im Punkrockgewand

›Bei anderen qualmen die Köpfe, bei mir die Kippe im Gesicht.
Ich habe eine Ruhrpottschnauze, die, wenn sie lügt, immer noch die Wahrheit spricht.
Die Seele schwarz vom Kohlenpott, denn hier bin ich zu Haus.
Ich bin viel cooler als du, weil ich aus’m Pott komm – das reicht völlig aus.‹

(Owerstolz – ›Rock ’n’ Roller‹)

Zu Besuch in einem kleinen Probenraum in Lünen-Horstmar. Die Wände sind mit alten Bergarbeiterutensilien geschmückt, in der Ecke verbreitet eine Installation in Form von Schlägel und Eisen schummriges Licht. Hier also probt die berühmt-berüchtigte Lüner Punkrockband Owerstolz, die seit nunmehr über zwanzig Jahren mit Titeln wie ›Ruhrpott‹, ›Wir sehen uns unterm Tresen‹, ›Träumerland‹, ›Mein Revier‹ oder ›Die Sterne von Victoria‹ für Heimatgefühle und Bergbau-Nostalgie sorgt.

Wo der Helm von Cöppis Oppa hängt

»Wir sind eine Generation zu spät dran für den Pütt, aber wir waren immerhin schon im Bergbaumuseum und unser Gitarist Jo ist sogar Doktor der Bergbauwissenschaften«, verraten Matze (Bass) und Boko (Schlagzeug) mit sympathischem Grinsen. »Im Ernst: Wer hier in Lünen aufwächst, kommt um das Thema nicht herum: Die alten Zechengelände, auf denen unsere Großväter gearbeitet haben, verbreiten heute immer noch Flair.« So hängt auch der Bergmannshelm von Cöppis Oppa dekorativ an der Zimmerwand – übrigens derselbe Oppa, der damals am liebsten die Zigarettenmarke rauchte, von der die fünf Musiker ihren Namen herleiten …

Hart und herzlich

Owerstolz ist eine typische ›Schrammel‹-Punkband, hart, herzlich und direkt wie der Kohlenpott selbst. »Ich komme vom Heavy Metal, Boko vom Alternative Rock und Cöppi ist unser Punker«, erzählt Matze. »Aus diesen vielen verschiedenen Einflüssen haben wir uns zusammengerauft.« Unverkennbares Markenzeichen: der ruppige Gesang von Frontmann Cöppi und die verzerrten Gitarren von Mölle und Jo. »Das passt zum Ruhrgebiet!« Die besondere Affinität der Fünf spiegelt sich auch in den zumeist deutschen Texten wieder.

Von Gleichmacherei und Geldsäcken

Doch es ist nicht alles ›Friede Freude Eierkuchen‹ im Owerstolz-Universum. Im Gegenteil, die Kumpel nehmen kein Blatt vor den Mund. Da wird der dicke deutsche Mann ebenso durch den Kakao beziehungsweise den Schnappes gezogen wie der knüppelharte Rock ’n’ Roller, der zum Zähneputzen Whisky benutzt und mit Gin nachspült, bekommen rechte Faschisten ebenso ihr Fett weg wie graue Uniformträger und Möchtegern-Rockstars. Es geht um Gleichmacherei und die Herausforderungen des Vaterseins, um vollgeschissene Windeln und Geldsäcke, die auch nicht glücklich machen.

»Die Kids fahren da voll drauf ab!«

Ein Garant für volle Säle und bestes Entertainment sind die Liveshows der Kohlenpott-Punker (die hauptberuflich übrigens als Ergotherapeut, Erzieher, Kaufmann, Ingenieur und Maschinenführer arbeiten). Da wird zum Intro auch schon mal das Steigerlied gespielt oder der Fan des Abends gekürt, die Musiker marschieren in Bergmannskluft ein, verschenken Bier und Band-T-Shirts an die Menge oder holen ihre Kinder auf die Bühne. »So führen wir die nächste Generation an Rockmusik heran!«, grinst Matze. Boko erzählt: »Sogar meine Kids, die erst vier und sechs Jahre alt sind, fahren voll darauf ab. Allerdings kann es vorkommen, dass ich ihnen bei den schlimmen Wörtern die Ohren zuhalten muss.«

Im Supermarkt mit Ralf Richter

Bereits 2009 erschien die erste Owerstolz-CD ›Family, Love & Friendship‹, 2012 gab es ›Willkommen zu Hause‹, im Juni 2017 folgte die ›Sterne von Victoria‹. Bald feiert nun auch das neue Musikvideo zum Song ›Günther‹ Premiere. Das Lied handelt von einem Mann, der seine Traumfrau bei Aldi an der Gemüsetheke erspäht. Ob der Currywurstfan die Ökotussi für sich gewinnen kann? »Wir haben in einer Bierlaune überlegt, wer den Günther spielen könnte und irgendwie blieb nur Ralf Richter übrig«, berichten Matze und Boko. Gesagt, getan: Ein paar Telefonate später konnten die Dreharbeiten mit dem Kultschauspieler unter der Regie des Lüner Filmemachers Ralf Möllenhoff beginnen. Gefilmt wurde an authentischen Orten, im Rewe-Markt in Lünen-Süd und im Müllers Grill in Beckinghausen/Oberaden. Am 4. August steigt die Release-Party im Greif.

»Wir wollen das Erbe bewahren!«

»Es ist das Kumpelhafte, das Herzliche, die Offenheit gegenüber Fremden, die unser Revier und somit auch unsere Konzerte ausmachen. Vielleicht haben wir die alten Zeiten nicht live miterlebt, aber wir sind die letzte Generation, die die Hinterlassenschaften der Bergbauvergangenheit noch mit eigenen Augen und durch Erzählungen aus erster Hand mitbekommt. Danach werden es die jungen Leute nur noch aus Büchern und Filmen kennen. Wir wollen dieses Erbe bewahren und die Botschaft weitertragen. Und jeder, der Bock hat, ist dazu eingeladen, teilzuhaben an der Familie Owerstolz!«

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