Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Unternehmen

»Jede Krise ist eine Herausforderung«

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Im Gespräch mit Gerd Pieper

Das Ruhrgebiet: Strukturwandel, Wirtschaftskrise, nicht genehmigte Haushalte. Aber auch Ruhr.2010, Aufbruchstimmung, Existenzgründungen. Wir sprachen mit Gerd Pieper, mittelständischer Unternehmer und Präsident der IHK im Mittleren Ruhrgebiet, über Chancen und Gefahren, Herausforderungen und Visionen.

Seit 41 Jahren führen Sie Ihr Unternehmen. Seit 1992 sind Sie Präsident der IHK im mittleren Ruhrgebiet. Last but not least: Seit 2008 sind Sie Vizepräsident des BVB. In jedem dieser – bei weitem nicht vollständig aufgelisteten – Verantwortungsbereiche werden Sie vermutlich mit wirtschaftlichen Hochzeiten und Einbrüchen, innerbetrieblichen Problemen und Konfliktsituationen konfrontiert worden sein. Erfolgreiches Krisenmanagement – eine Sache des Handwerkzeugs, des Charakters, des Rückhalts?

Krisen können nur vom Kopf her bewältigt werden. Ich muss daran glauben, dass es weitergeht. In der Beziehung bin ich typischer ›Ruhri‹. Das Ruhrgebiet hat immer mit dem Rücken an der Wand gestanden und nach vorn schauen müssen. Wir sind krisenerprobt. Wichtig ist es aber auch, bescheidener zu werden.

Interessanterweise ist das chinesische Schriftzeichen für Krise identisch mit dem für Gefahr und Chance. Auch ich empfinde Krisen als Herausforderung. Als vor zwei Jahren die Wirtschaft einen ihrer schwersten Einbrüche erlebte, wusste ich: Jetzt kommt’s drauf an. Jetzt müssen wir zeigen, ob wir gut sind. Und so haben wir in den Jahren 2008/2009 die höchsten Investitionen unserer Unternehmensgeschichte getätigt. Dahinter steht die Erkenntnis, dass gerade in Krisenzeiten Wachstum erzielt werden sollte. Der, der wächst, ist gut vorbereitet.

Insbesondere das Ruhrgebiet sieht sich derzeit teils unlösbar scheinenden Herausforderungen ausgesetzt. Auf der einen Seite nennen wir uns Metropole Ruhr, auf der anderen Seite kocht jeder sein eigenes Süppchen. Wie sehen Sie die Chancen unserer Region? Wo müssen noch Hausaufgaben gemacht werden?
Vor vierzig Jahren bestimmten vorrangig zwei Faktoren den Wirtschaftsstandort Ruhrgebiet: Kohle und Stahl. Parallel dazu gab es – quer durch alle Parteien – die Kohle- und Stahlfraktion. Das Bündnis hielt und sorgte für Einigkeit und Kontinuität. Die Bevölkerung war im Gegensatz dazu eher Standort- und Kirchturmbezogen.

Heute hingegen ist unsere Wirtschaftsstruktur sehr heterogen und besteht zu 65% aus dem Sektor Dienstleistung. Wir sind schon lange kein Industriestandort mehr. Interessanterweise fühlen sich die Menschen als Ruhrgebietler, als Bewohner einer Region. Gut so!

Schade finde ich indes, dass politisch Verantwortliche an ihren Posten kleben und so eine ›Metropole Ruhr‹-Entwicklung verbauen, statt ein Gesamtgebilde entstehen zu lassen. Zur Zeit sind daher die Gewinner die großen Städte, die kleinen aber haben es schwer. Andererseits: In anderen Ländern kennt jeder Köln und Düsseldorf, wer aber kennt Gelsenkirchen? Ich plädiere für eine Stadt mit einer einheitlichen Struktur, die auch nach außen effektiver und nachhaltiger wirkt – allerdings ohne die Individualität der einzelnen Gemeinden aufzugeben. Ich glaube an die Entwicklung der Städte.

Jede Stadt, auch eine kleine, hat Chancen – wenn sie sich ihrer Stärken bewusst wird, sich ein eigenes Profil schafft, die Identifikation stärkt, Optimismus beweist und an sich und die Zukunft glaubt.

Vita
Gerd Pieper (* 28. August 1943 in Wanne-Eickel) studierte Betriebswirtschaft an der Universität Köln. 1969 trat er in das elterliche Parfümerie-Geschäft ein und ist seit 1978 alleiniger geschäftsführender Gesellschafter und Inhaber der Stadt-Parfümerie Pieper GmbH mit 111 Filialen und ca. 1.200 Mitarbeiter. Darunter sind über 140 Auszubildende.

Verbandsarbeit

  • seit 1992 Präsident der IHK im Mittleren Ruhrgebiet zu Bochum
  • 2000–2009 Präsident der Vereinigung der Industrie- und Handelskammern in NRW
  • 1995–2009 Mitglied des Vorstands des Deutscher Industrie- und Handelskammertag (DIHK)
  • 2005–2009 Vizepräsident des DIHK und Vorsitzender des Handelsausschusses im DIHK
  • 1997–2006 Mitglied des Präsidiums des Hauptverband des Deutschen Einzelhandels
  • 2000–2002 Vizepräsident des HDE
  • seit 2004 Aufsichtsratsvorsitzender des BV Borussia Dortmund
  • seit 2008 Vize-Präsident des BV Borussia Dortmund
  • 1981–1994 ehrenamtlicher Bürgermeister der Stadt Herne

Auszeichnungen

  • 1992 Bundesverdienstkreuz am Bande
  • 1998 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
  • 2003 Träger des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen
  • 2005 Bürger des Ruhrgebiets
  • 2006 Marketing Award des Marketing-Clubs Bochum
  • 2009 Großes Verdienstkreuz des Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland
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