Detektiv auf den Spuren der Geschichte
Zu Besuch im Stadtarchiv
In einem dunklen Keller verstaubte Akten sortieren, beim Licht der Leselampe uralte Schriften wälzen: So stellen sich viele Außenstehende den Job des Stadtarchivars vor. Tatsächlich umfasst der Beruf aber weit mehr als die bloße Verwaltung von Geschichte. Für die neue Folge unserer ›Promi-Interview‹-Reihe haben wir Thomas Jasper in seinem Büro im UG des Rathauses besucht.
Name:
Thomas Jasper
Alter:
56
Geburtsort:
Waltrop
Schule/Studium:
Abitur am ASG Castrop-Rauxel, Studium der Geschichte und Politik in Bonn und Bochum
Beruf:
Stadtarchivar
Erinnern Sie sich noch daran, was Sie als Kind werden wollten?
Landwirt
Wie hätten Sie damals wohl reagiert, wenn man Ihnen gesagt hätte, dass Sie einmal das Castrop-Rauxeler Stadtarchiv leiten dürfen?
Mit dem Archivar-Begriff hätte ich in jungen Jahren vermutlich nichts anfangen können. Wobei ich mich immer leidenschaftlich für Geschichte interessiert habe. Es war für mich als Jugendlicher jedoch nicht vorstellbar, dass man damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann.
Und dennoch sind Sie hier gelandet …
Das ist durch ein Praktikum bei Herrn Materna ›passiert‹. Wir hatten einen sehr guten persönlichen Draht. Und es war auch ein wenig Glück im Spiel, weil es gerade zu der Zeit – 2005 – Projekte gab, an denen ich mitarbeiten konnte.
Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Mein Portfolio ist breit gefächert und geht weit über das klassische Archivwesen hinaus. Ich verstehe mich eher als Kultur- und Geschichtsmanager, wenn ich private Anfragen zur Familien- und Stadtgeschichte beantworte, historische Fotos oder Zeitungsausschnitte zur Verfügung stelle, für Anwaltskanzleien nach bestimmten Urkunden forsche, Führungen und Kunstausstellungen organisiere oder an Büchern wie dem Jubiläumswerk ›Castrop-Rauxel einst und jetzt‹ mitarbeite. Es macht mir große Freude, Menschen als Detektiv auf den Spuren der Geschichte behilflich zu sein und kleine Geheimnisse aufzudecken.
Wo fühlen Sie sich wohler: allein in Ihrem Archiv oder bei einer Führung unter Menschen?
Ich bin ein eher ruhiger Typ und brauche manchmal ein wenig Anlauf. Wenn ich aber erst einmal im Thema bin, freut es mich immer ungemein, wenn meine Zuhörer nach einer Führung mit strahlenden Augen sagen: ›Das haben wir ja noch gar nicht gewusst!‹ Auch die Geschichtsrallye, die wir jedes Jahr mit den Schulkindern der dritten Klassen veranstalten, ist für mich inzwischen eine echte Herzenssache.
Was war der älteste bzw. außergewöhnlichste Gegenstand, den Sie je in den Händen halten durften?
Unser ältestes archiviertes Objekt ist eine Urkunde, die 1666 vom großen Kurfürsten aus Brandenburg ausgestellt wurde und die Freiheitsrechte der Castroper Bürger verbrieft. Zur Erklärung: Castrop war früher eine sogenannte Freyheit, das heißt eine Stadt mit minderen Rechten, ohne Zünfte und ohne Stadtmauer. Zu Beginn meiner Archivtätigkeit sind mir aber auch viele skurrile Objekte untergekommen. Eine meiner ersten Aufgaben war damals die Inventarisierung der heimatlichen Sammlung. Diese reichte von ausgestopften Tieren über rätselhafte Alltagsutensilien und Werkzeuge, die ich erst mit fachlicher Unterstützung zuordnen konnte, bis hin zu Schaufensterpuppen in Bergmannskluft. Es war immer ulkig, wenn ich ins Lager kam und mich guckten diese Puppen an.
Lieblingsort in Castrop-Rauxel:
Schloss Bladenhorst
Lieblingsepoche:
Das Frühmittelalter, weil diese Zeit mit ihren verschiedenen Dynastien im Dunkeln liegt und etwas Mystisches hat. Es gibt wenige erhaltene Quellen und Bauwerke. Und doch wurden hier die Grundlagen für die Zukunft Europas gelegt.
Leben Sie eher in der Zukunft oder in der Vergangenheit?
Im Hier und Jetzt! Auch wenn ich manchmal nostalgisch zurückblicke, bin ich schon wegen der medizinischen Versorgung froh, in der heutigen Zeit geboren zu sein. Die Zukunft sehe ich allerdings auch mit Sorge.
Was genau bereitet Ihnen Kopfzerbrechen?
Die massive Veränderung der Welt! Damit meine ich nicht das Tempo wissenschaftlicher Entwicklungen, die dazu beitragen, dass wir Probleme schneller lösen, sondern den zunehmenden Egoismus in der Welt. Das Grundvertrauen, das ich als junger Erwachsener in den 90ern in die Zukunft hatte, ist geschwunden. Ich denke, die Menschheit wird es irgendwie packen, aber der Weg könnte extrem steinig werden, gepflastert mit menschlichem Leid.
Welche Gegenstände würden Sie in eine Zeitkapsel für das Jahr 2126 stecken, um die Atmosphäre der Stadt Castrop-Rauxel für die Menschen der Zukunft einzufangen?
Eine Ausgabe des Stadtmagazins
Papierzeitungen und analoge Fotos wird es in 100 Jahren vermutlich nicht mehr geben.
Wie verbringen Sie Ihre Freizeit, wenn Sie nicht gerade über historischen Themen brüten (oder vom Stadtmagazin mit Interviewfragen gelöchert werden)?
Im Sommer unternehme ich Bergwanderungen durch die Alpen oder erkunde mit dem Rad das Ruhrgebiet. Im Winter mag ich es, zu Hause im Garten das Feuerholz vorzubereiten und abends vor dem Kaminofen zu sitzen. Und ich koche gern.
Lieblingsessen:
Meine selbstgemachte Pizza vom Pizzastein und fränkisches Scheufele mit Biersoße.
Welche bekannte Persönlichkeit (tot oder lebendig) würden Sie gerne mal auf einen Kaffee treffen? Und worüber würden Sie diskutieren?
Hannah Ahrendt! Ich würde mit ihr über ihr Leben und die Umwälzungen im 20. Jahrhundert sprechen. Das Kaffeetrinken müsste jedoch draußen unter freiem Himmel stattfinden, am besten an einem lauen Sommerabend, da sie starke Raucherin war.
Wenn Sie zum Abschluss dieses Interviews noch einmal zurückdenken: Welches war das bedeutendste Erlebnis in Ihrer Karriere als Stadtarchivar?
Das Projekt ›Schachtzeichen‹ im Kulturhauptstadtjahr 2010! Ich habe die ruhrgebietsweite Kunstinstallation damals mitorganisiert, das war quasi meine Feuertaufe. Für die Projektdauer von zwei Wochen wurden fünf alte Schachtanlagen in Castrop-Rauxel mit gelben Heliumballons in 35 Metern Höhe markiert. Wir mussten die Ballons jeden Abend einholen, sie über die Nacht bewachen, bei Bedarf Helium nachfüllen und sie morgens wieder steigen lassen. Ein weiteres großes Highlight war natürlich der 100. Stadtgeburtstag in diesem Jahr. Wir haben im Team viel bewegt, Aufmerksamkeit für die Archivarbeit gewonnen und so neuen Schwung erlangt.
Wenn Sie einen Wunsch frei hätten ...
… würde ich mir wünschen, dass wir diesen Schwung mit in Zukunft nehmen können, damit sich das Stadtarchiv positiv weiterentwickelt. Und dass ich meinen Beruf bis zur Rente ausüben kann.
Tipp
Wer sich mit Stadtarchivar Thomas Jasper mal auf eine ›historische Reise‹ begeben möchte, sollte sich unbedingt den Stadtrundgang am 15. November vormerken. Im Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 besucht er mit den Teilnehmenden die Orte ehemaligen jüdischen Lebens in Castrop.
Fast 250 Jahre prägten jüdische Handwerker und Kaufleute das Leben dieser Stadt entscheidend mit und hinterließen z. B. eine Reihe von architektonischen Glanzlichtern am Castroper Markplatz. Den Abschluss dieses Rundganges bildet der Besuch des jüdischen Friedhofes an der Oberen Münsterstraße, dem ältesten erhaltenen seiner Art im Kreis Recklinghausen.
Führung zur Geschichte Castroper
BürgerInnen jüdischen Glaubens
15.11.2026, 14–15.30 Uhr,
Treffpunkt Bürgerhaus, Leonhardstr. 4
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