Stadtmagazin Castrop-Rauxel: Dies und Das

Aug‘ in Aug‘ mit ›Bambi‹ und Co.

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Waldspaziergang mit einem Jäger

Das Interview findet in aller Herrgottsfrühe auf einem Wanderparkplatz an der B235 statt. Ich blinzle verschlafen in die Sonne, die über dem Grutholz aufsteigt. Dagegen wirkt mein Interviewpartner frisch wie der junge Morgen. Marcus Paulat ist nicht nur seit Stunden auf den Beinen, er war heute schon ordentlich zwischen Wäldern, Wiesen und Teichen unterwegs.

Unvorhergesehene Begegnungen

»Das Ruhrgebiet ist viel grüner, als man denkt, und entsprechend viele Wildtiere sind hier zu Hause«, schwärmt der 1. Vorsitzende der Jägerschaft Castrop-Rauxel. »Wir haben Rehe, Wildschweine, Füchse, Feldhasen, Wildkaninchen, Fasane und vieles mehr.« Was nach Disney-Idylle klingt, stellt die rund 200 ehrenamtlichen Jägerinnen und Jäger vor besondere Herausforderungen: Ihre Reviere liegen inmitten von Wohngebieten, Straßen, Gewerbeflächen und Spazierwegen. »Wobei die Leute mit ihren Hunden leider nicht immer auf den ausgeschilderten Wegen bleiben, die laufen gerne querfeldein.« So kommt es immer öfter zu unvorhergesehenen Begegnungen zwischen Mensch und Tier. Rehe werden aufgescheucht oder von Autos angefahren. Wildschweine verwüsten Gärten oder verfolgen Fußgänger – wie kürzlich in Obercastrop. In solchen und ähnlichen Fällen klingelt das Telefon bei der Jägerschaft. Die ›Grünröcke‹ sind die ersten Ansprechpartner, wenn es darum geht, das ökologische Gleichgewicht zu wahren und ein friedliches Miteinander aller Lebewesen sicherzustellen.

Mit Zittern und Herzklopfen

Marcus Paulat ist zwischen Feld und Flur großgeworden. Gemeinsam mit seinem Vater ging er schon als kleiner Knirps auf die Pirsch. »Das war immer total aufregend«, erzählt er. »Mit 17 Jahren habe ich dann selbst meinen Jagdschein gemacht.« An sein ›erstes Mal‹ an der Waffe erinnert er sich, als wäre es gestern gewesen. »Ich hatte heftiges Herzklopfen, habe am ganzen Körper gezittert. Und dann ging es erst richtig los.« Denn nach dem Erlegen des Wildes beginnt für den Jäger die eigentliche Arbeit, und die ist nichts für Zartbesaitete: »Man muss das Tier aufbrechen, ausnehmen und verwerten. Da bin ich für einen Moment in mich gegangen und habe überlegt, was ich da eigentlich mache. Am Ende überwog aber die Freude über das Erfolgserlebnis. Alles hat gut geklappt und ich wurde mit einem richtig guten Stück Fleisch belohnt.« Herkömmliches Fleisch aus Massentierhaltung kommt dem heute 64-Jährigen seither nicht mehr auf den Tisch. Was er verzehrt, jagt er selbst. Die Abschüsse unterliegen übrigens einer strengen behördlichen Kontrolle. Wildes Geballer gibt es nur in Westernfilmen – nicht bei der Jägerschaft.

»Die Augen immer offenhalten«

In vielen Köpfen ist das Jagen trotzdem immer noch ein Reizthema. Dabei leisten die Ehrenamtlichen aktiven Umweltschutz: Sie kümmern sich in Kooperation mit Förstern und Bauern um ihre Reviere, schützen Bäume und Pflanzen vor Verbiss durch Rehwild, beheben Schäden, identifizieren und erlösen schwerkranke Tiere, eilen bei Wild­unfällen zur Hilfe, stellen in Trockenperioden Wildtiertränken auf und legen spezielle Wildäcker an, die Wildtieren Deckung und Futter bieten. »Über den Landesjagdverband bilden wir uns regelmäßig fort«, so Marcus Paulat. »Als Jäger muss man stets auf dem Laufenden sein, Schonzeiten einhalten, Bäume bestimmen, Wildkrankheiten und Verbiss erkennen. Man lernt nie aus und sollte die Augen immer offenhalten.« Was das in der Praxis heißt, lerne ich bei einem kleinen Spaziergang durch das Grutholz. Mitten im Wald gedeiht eine kleine Weihnachtsbaumkultur. Doch an einigen Jungbäumen haben sich Böcke mit ihrem Geweih zu schaffen gemacht und die terminalen Triebe abgeknabbert. »Hier ist es Aufgabe des verantwortlichen Jägers, Sichtschneisen vom Hochsitz aus anzulegen und die Zahl der Böcke in Schach zu halten, was übrigens auch der Ausbreitung von Krankheiten und Parasiten vorbeugt.«

Kitze retten im Morgengrauen

Seit nunmehr zwei Jahren organisiert die Jägerschaft Castrop-Rauxel außerdem eine ehrenamtliche Kitzrettung, die vor allem im Frühling zur Zeit der Heumahd aktiv wird: Die Männer und Frauen treffen sich im frühen Morgengrauen, noch vor ihren jeweiligen Brotjobs, und fliegen mit kamerabestückten Drohnen die Felder ab, um Rehkitze oder auch junge Hasen und Fasane rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. »Frisch geborene Kitze haben keinen Eigengeruch, was sie vor Fressfeinden schützt«, erklärt Marcus Paulat. »Dies führt aber auch dazu, dass sie bei Gefahr nicht fliehen, sondern einfach liegen bleiben und dann im schlimmsten Fall von den Mähmaschinen erfasst werden.« Jedes Jahr werden auf diesem Wege etwa 10 bis 15 ›Bambis‹ gerettet.

»Es gibt so viel, was wir gemeinsam tun können!«

Für den erfahrenen Jäger und Jagdaufseher ist die Arbeit in freier Natur eine echte Herzensangelegenheit, die ihn von früh bis spät umtreibt. »Wenn man vor Sonnenaufgang oder abends in der Dämmerung allein im Wald unterwegs ist und einfach mal horcht, hört man viele Dinge, die man sonst wegen der Umgebungsgeräusche meist nicht wahrnimmt. Tagsüber fahren ja ständig Autos, irgendjemand hupt immer. Abends wird es plötzlich ruhiger im Wald. Die Vögel verstummen. Man hört den Wind in den Baumkronen rauschen, Mäuse im trockenen Laub rascheln, Rehe durchs Gebüsch laufen. Das mitzuerleben, ist einfach schön und immer wieder faszinierend.« Sein Wunsch: »Wer wirklich etwas für die Natur leisten will, sollte nicht über uns Jäger schimpfen, sondern sich mit uns engagieren. Es gibt so viel, was wir gemeinsam tun können!«

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